Fehlende
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Walter war wie verwandelt. Er läuft um jeden Ball, er grätscht, läuft, schießt und geht in Zweikämpfe wie ein Löwe. Bisher hatte er als unauffälliger Mitspieler im Mittelfeld freilich auch eine etwas unattraktive Rolle. Aber er hatte sich noch nie für andere Aufgaben aufgedrängt. Der Unterschied zu all den Fußballspielen vorher und zu diesem einen Match steht wenig beachtet von den anderen am Spielfeldrand: sein Vater.
Die Kräfte, die in Walter heute freigeworden sind, belegen etwas, was schon immer mehr in Vergessenheit geraten ist. Es gibt einen Platz in unseren Kindern, der nur von einem Vater ausgefüllt werden kann.
Eine Studie, im Land der Studien, den USA hat sich seit etlichen Jahren intensiv mit der Väterforschung beschäftigt und den Vater als Schlüsselfigur in der Familie wiederentdeckt. Dies steht zwar in erfrischendem Widerspruch zu allen feministischen Konzepten und "riecht" ein bißchen nach Widerstand schon gegen die Fragestellung: "Wer braucht die Männer ?"
Kinder scheinen die Väter jedenfalls doch zu brauchen. Sehnsüchtig warten sie, daß Papi abends nach Hause kommt oder nach ein paar Tagen Geschäftsreise - und dies unbeeindruckt davon, wie minderwertig die Frau Mama ihn findet. Wieso stehen die Kinder so loyal zu ihren Vätern, die so oft durch Abwesenheit glänzen ?
Väter sind anders. Sie lieben anders. Sie gehen auch anders mit den Kindern um. Nicht nur wagen sie mit den Buben riskantere und rasantere Spiele, als Mutti dies jemals zulassen würde. Sie muten nach einer dieser Studien sogar schon Babies mehr zu. In ausführlichen Versuchsreihen stellte sich heraus, daß Männer auch ihre Kleinstsäuglinge schon einige Zentimeter höher über der Wiege auslassen als dies die Frauen tun.. Die Unterschiede in der Behandlung der eigenen Kinder sind nicht nur unvermeidlich, sie sind sogar sehr wünschenswert", meint etwa die englische Psychologin Penelope Lynch.
Natürlich wünschen sich alle Kinder, daß ihr Vater mehr Zeit für sie hat. Aber überhaupt einen Vater zu haben, ist für das Kind das Allerwichtigste. Langzeitstudien wie "Gewinner und Verlierer" von Judith Wallenstein rütteln ganz heftig an dem auch hierzulande wenig hinterfragten Glaubenssatz, daß eine Scheidung besser sei als eine schlechte Ehe. Zum Teil sogar unerwünschten Applaus erhalten diese Untersuchungen dabei von Kriminalitätspsychologen und Pädagogen. Diese nämlich trumpfen mit erschütternden Statistiken auf:
Fast zwei Drittel aller Vergewaltiger, drei Viertel der jugendlichen Mörder und ein kaum niedrigerer Prozentsatz an jugendlichen Gefängnisinsassen sind ohne Vater groß geworden.
Ähnliche Statistiken aus dem deutschsprachigen Raum fehlen zwar (dennoch informativ ist die Struktur der Familien und Haushalte laut Österreichisches Statistisches Zentralamt), doch wird am generellen Bestehen eines ursächlichen Zusammenhanges nicht mehr gezweifelt. Ist denn nun dem vaterlos aufwachsenden Junior der Abstieg zum Kriminellen schon vorgezeichnet ? Zum Glück nicht. Die sehr harten Zahlen zeigen freilich auf, wie schwer es für alleinerziehende Mütter ist, das Vakuum des fehlenden väterlichen Elternteils auszufüllen. Trotz der oft unterschätzten materiellen Sorgen sollten Kinder ja nicht mit einem Gefühl der Benachteiligung aufwachsen. Die von ihnen empfundene Ungerechtigkeit wird sonst allzuoft zur persönlichen Berechtigung, sich gegenüber der Mutter, aber auch gegenüber der Gesellschaft besonders viel "herausnehmen".
Der Mensch ist freilich ein Wesen der komplexeren Art, und vermag auch sozial das Fehlen ganzer Kategorien von Erlebnissen auszugleichen. Diese menschliche soziale Fähigkeit ist sicher vergleichbar mit der verblüffenden Fähigkeit der einen Gehirnhälfte, Aufgaben der anderen Hälfte zu übernehmen, wenn dies erforderlich ist. Doch auch diese Fähigkeit hat ihre natürlichen Grenzen. Wo diese Schwellen überschritten werden, entstehen jene Entwurzelungen die bis hin zur kriminellen Art der Problemlösung führen.
Väter können freilich auch abwesend sein, obwohl die Familie nach außen hin intakt und nahezu ideal erscheint. Während es für die Kinder von der Geburt weg eine ganz besondere seelische Beziehung zur Mutter besteht, so versäumen Väter oft, in späteren Jahren jenes Interesse an der Beziehung zu den Kindern zu zeigen, das auch den Vater immer mehr für die Kinder interessant macht.
Die Söhne wollen unbedingt an einem Punkt in ihrem Leben die Anerkennung des eigenen Vaters erringen. Wie selbstbewußt der junge Mann auch auftreten mag, diese Beziehung ist so unerhört wichtig, doch viele Väter haben vergessen, wie wichtig dies einmal für sie selbst war oder haben jenen Punkt auch selbst nie erlebt.
Gleichzeitig ist der Vater aber das gelebte Muster eines Mannes. Für Söhne und auch für Töchter ist der Vater der erste Mann in ihrem Leben, den sie lieben können. Welchen unreparierbaren Schaden der Mißbrauch dieser kindlichen Liebe zum Vater anrichtet, wird uns in den letzten Jahren ja überdeutlich vorgeführt. Wie Vater mit Mutter umgeht, wie er die Konflikte des Alltags bewältigt oder vor Ihnen flüchtet, wie konsequent er tut, was er sagt, dies alles findet auf einer kleinen Bühne statt, und die Zuschauer sind unsere eigenen Kinder. Jedes liebevolle Wort zu meiner Frau, jeder ausgetragene Mistkübel, und jede reparierte Glühbirne ist daher auch eine "message", eine wichtige Beobachtung für meine Kinder. Und ein Vater, der die Mutti mit allem allein läßt, der sich im Haushalt ebenso wie auch an familieninternen Gesprächen nicht beteiligt, wird von den ziemlich unbestechlichen kleinen Zuschauern ebenso mit lautlosem Raunen bemerkt.
Wenn wir diese Zeilen lesen, wird vielen von uns einfallen, wie wir unseren eigenen Vater in der Erziehung bemerkt haben. Sein Verständnis seiner Vaterrolle haben wir am eigenen Leib erlebt - im Guten wie im Schlechten. Junge Ehepaare, die voll Verliebtheit ihre eigene Familie gründen, schieben in ihrem Herzen meist jene Bilder aus ihrer Kindheit weit weg, wo sie vielleicht ihre Eltern in Streit, Sorgen und mit ernsten Gesichtern erlebt haben. Aber auch die guten Erinnerungen sind in dieser Phase, wo man das Leben selbst voll in die Hand genommen hat, doch sehr weit weg. Man möchte etwas ganz Neues beginnen. Mit zunehmenden Alter jedoch wird vielen von Ihnen bewußt, daß sie ihren Eltern immer ähnlicher werden. Wo hat unser Langzeitgedächtnis diese Information bloß all die Jahre aufbewahrt? Die Rollen, wie meine Eltern sie ausfüllten haben meine Erwartungen und Maßstäbe ebenso geprägt, wie es die Eltern meiner Frau in ihrem Innersten getan haben.
Dieser Vorgang hat sich wohl schon oft in der Geschichte wiederholt. Wie schön, wenn man sich dessen zu einem Zeitpunkt bewußt wird, wo die Kinder noch nicht aus dem Haus sind. Die fortschreitende Gleichberechtigung der Frauen wird allzuoft noch wie Vergeltungskrieg betrieben. Untersuchungen, die die Wichtigkeit der Männer für das Zusammenleben in der Familie bestätigen sind da wiederum das lang gesuchte Gegenargument. Die Realität unserer Kinder freilich ruft nach beidem. Und jedes Kind auf der Welt wünscht sich einen Vater.
Florian Kliman