Läßt sich Eltern-sein lernen?

Lebenslanges Lernen ist eines der beliebtesten Schlagworte, das in den vergangenen Jahren durch die Medien geisterte. Entsprechend boomt auch die Aus- und Weiterbildungsindustrie.

Für alles gibt es heutzutage Kurse – vom Volkhochschulkurs zum Thema Meerschweinchen- haltung über Selbstfindungsseminare bis hin zum Managertraining für einen besseren Umgang mit den Mitarbeitern. Aber nicht nur das, in vielen Fällen erhalte ich gar nicht die Berechtigung, eine Tätigkeit auszuüben, sei es ein Beruf oder nur einfach Autofahren, ohne daß ich nicht durch entsprechendes Training eine Qualifikation erworben habe.

Für eine der wichtigsten Tätigkeiten, die fast alle Menschen ausüben, muß man sich – zumindest für die Gesellschaft – in keiner Weise qualifizieren: für die Elternschaft. Ist es so, daß wir alle das Eltern-sein im Blut haben, daß wir im Stande sind, den Nachwuchs einfach "aus dem Bauch heraus" so gut zu erziehen und bilden zu können, daß er den Anforderungen des Lebens gewachsen ist?

Die Wirklichkeit zeigt uns ein ganz anderes Bild: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgend ein gröberer Fall von Kindesmißhandlung- oder gar -mißbrauch aufgedeckt wird. Untersuchungen bestätigen dabei, daß die Dunkelziffer dieser Fälle fast 70 bis 90 Prozent ausmacht. Im Hinweis auf die rasant gestiegene Zahl der Fälle wird immer wieder betont, daß die Kindermißhandlungen nicht unbedingt zugenommen hätten, sondern nur die Sensibilität der Bevölkerung gegenüber diesem Problem gestiegen sei.

Das heißt: das Problem ist auch so schon derart verbreitet, daß die vermehrte Aufdeckung eben nur die berühmte Spitze des Eisberges ist.

 

Das Problem wird erst langsam erkannt

 

Familie ist zur Zeit ein Topthema bei den Politikern, Kinderbeihilfe, Karenzgeld, Kinderbetreuungsschecks... Der Kreativität der Politstrategen, wie sie noch mehr Geld unter den Familien verteilen könnten, die laut Statistik und anderen österreichischen Durchschnittszahlen ständig am Abgrund zur "Armut" herumtümpeln kennt kaum eine Grenze. Derweil stellen Familienvereinigungen, wie der Familienbund oder der Katholische Familienverband fest, daß Familien und Kinder vor allem eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz benötigen würden.

Gesellschaftliche Akzeptanz äußert sich unter anderem auch darin, daß ein entsprechendes Bildungs- und Ausbildungssystem angeboten wird. Und dieses sucht man in heimischen Gefilden vergebens oder nur nach einem Rechercheaufwand, der selbst bildungshungrige Eltern abschrecken würde.

Eine kleine Einschränkung ist hier schon zu machen: Für werdende Eltern, sprich: im Rahmen der Geburtsvorbereitung, werden heute schon automatisch Einführungskurse für Väter und Mütter im Rahmen der Schwangerschaftsbetreuung angeboten. Überhaupt sind die ersten Schritte ins Leben besser betreut als etwa die Zeit nach der Einschulung oder gar während der Pubertät, wo Eltern und Kinder gleichermaßen besonders gefordert werden.

Es ist auch nicht so, daß es nicht ausreichend Rat und Hilfe für Eltern und Kinder mit Problemen gäbe. Kaum ein Magistrat, der nicht Eltern- und Kinder- bzw. Jugendberatungsstellen eingerichtet hätte (www.magwien.gv.at). Auffallend bei all diesen Angeboten ist allerdings der therapeutische Einschlag: Eltern- und Partnerberatung findet erst dann statt, wenn es absolut nicht mehr weitergeht und die Situation der Familie meist schon so verfahren ist, daß sie sich ohnehin bereits im Prozeß der Auflösung befindet.

Zumindest wahrgenommen worden ist dieses Problem im zuständigen Ministerium für Umwelt Jugend und Familie bereits. Mit ganzseitigen Inseraten sponsert derzeit ein Großkonzern eine "Familien-Initiative". unter der Telefonnummer 0660 -52 01 wird Eltern mit Teenagern Rat und Hilfe versprochen. Erste Resultate dieser Initiative sollen Ende März veröffentlicht werden. Mehr wollte man dazu nicht verraten. Aber es gäbe schon verschiedene Pläne, um Elternbildung zu forcieren, hieß es dazu im Büro von Minister Bartenstein. Auch stünden zusätzlich 30 Millionen Schilling für Ausbildungsprogramme zur Verfügung.

Wie vage die Ansätze zu einer umfassenden Elternbildung sind, zeigt auch ein Blick auf das Internet-Angebot des Ministeriums. Unter "Elternbildung" heißt es da lapidar: "Einen wichtigen Beitrag zur partnerschaftlichen Gestaltung der Ehe, zu verantwortungsbewußter Elternschaft, gewaltfreie Erziehung und gelebte Familienstrukturen leisten die umfangreichen Angebote der Eltern und Familienbildung, die von einer Vielzahl öffentlicher und privater Institutionen erstellt werden." Eine Liste der "Vielzahl öffentlicher und privater Institutionen" oder Links zu deren Internet-Seiten sucht man vergebens. Die anfangs erwähnten Intensivrecherchen brachten auch einige Kurs bei den Volkshochschulen sowie mehrere Beratungsstellen zu Tage.

Ebenfalls vertreten in Österreich ist die vom Psychotherapeuten Thomas Gordon 1962 entwickelte Elternschule, weithin bekannt unter dem Titel des Buches "Familienkonferenz".

Ziel des Familientrainings ist es, eine vertrauensvolle Beziehung mit gegenseitigem Respekt zu schaffen, wo es keine Sieger und keine Verlierer gibt. "Ein Ziel zu haben, ist gut und wichtig. Das heißt aber nicht, daß es auch immer gelingen muß, denn ich kann mir selber eingestehen, daß auch ich Fehler machen kann. Und Fehler zu machen gibt uns die Chance, Versöhnung richtig leben zu können." (Thomas Gordon "Familienkonferenz", Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind; "Familienkonferenz in der Praxis"; "Die Neue Familienkonferenz", Kinder erziehen ohne Strafe; alle bei Heyne Verlag, München)

Christian Röck

 

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