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liebte ein Mädchen |
Die Sendung "Kuschelrock" von Ö3 sorgt, obwohl nur zufällig zur richtigen Zeit im Radio zu hören, für eine wunderbare Einstimmung auf mein Thema.Ein junger Mann wünscht sich für seine Freundin "I'll always love you " von Witney Houston. Diese für heutige Begriffe monumentale Edelschnulze - eine Langzeit-Lieblingsnummer von mir - wird immer noch gewünscht. Ich bin ja fast gerührt. Ich höre schließlich auch gerne, dass ich noch nicht ganz von vorgestern bin.. Gerade möchten meine Gedanken dieses Szenario weiter ausbauen. Die Jugend ist möglicherweise kaum anders als wir es zu unserer Zeit gewesen sind. Doch "Joe", der Moderator des Kuschelrock hat nicht vor, mich noch länger wohligen Gedanken nachhängen zu lassen. Stattdessen möchte er gerne von seinem Hörer wissen, wo er sich gerade befindet Der rückt auch ganz frisch damit heraus: "Ich bin mit meiner Freundin im Bett." Dass sich Joe dann bei ihm entschuldigt, passt eigentlich schon gar nicht mehr ins Bild. Doch Joe erfängt sich rasch, er möchte jetzt auch noch mit seiner Freundin ein paar Worte wechseln. Nun, auch das ist kein Problem (Handy sei Dank). Bevor Joe das Schlafzimmer der beiden wieder verlässt, beruhigt er uns alle: Die beiden liegen zwar zusammen im Bett, aber es sei alles noch ganz harmlos, in Joe's Sprache: "Alles noch im grünen Bereich".
Da fallen mir dann doch einige Unterschiede ein zwischen der Zeit vor 35 Jahren, in der ich den damaligen Liebesliedern gelauscht habe. Einmal in derWoche gab es - lange vor Ö3, 88.6, Antenne, FM4, energy, RTL, rpn und allen anderen - immer am Samstag abend auf Österreich Regional eine Sendung namens "Tanzmusik auf Bestellung" - eine wahrlich revolutionäre Einrichtung, die auch bis zur anrüchigen Mitternachtsstunde all das moderne Zeug spielte, das sonst im Radio noch keinen Platz hatte.
Die völlig fehlende Aufgeregtheit in dieser Situation ist ein recht gutes Beispiel für die veränderte Beziehung der Jugendlichen zur Sexualität. Über Sex wird gealbert und es gibt verbal keinerlei Tabus (siehe dazu auch Sabine Krenauer: "Niemals ohne Kampfanzug"). Die oft genug rohe und für meine Begriffe schlicht ordinäte Ausdruckweise lässt einen den moralischen Untergang des Abendlandes eher heute als morgen befürchten. Mittelpunkt der völlig tabulosen Beschäftigung mit Sex ist das Kondom, das man immer dabei hat. Es könnte ja immerhin sein, dass man sich auf eine sexuelle Beziehung mit jemanden einlässt, den man offensichtlich im Moment noch gar nicht kennt. Das Kondom ermöglicht dieses sexuelle Ausleben. Neben einer "natürlich" (?!?) ungewollten Schwangerschaft schützt uns das Verhütungsmittel obendrein noch vor Aids. Dass es dabei um den wirklichen "Schutz" statistisch nicht allzugut bestellt ist, fällt bei so viel Komfort nicht sosehr ins Gewicht.
Wovor sicherlich kein Kondom schützt, ist allerdings das Gefühl, von jemandem bloß benutzt worden zu sein. Auch jene Restscham, sich vor jemenden auch auch seelisch entblößt zu haben, der einem nichts bedeutet, will erst einmal aus dem Kopf verdrängt werden. Mit jedem Mal wird etwas entwertet und entzaubert, was eigentlich das höchste Glück sein könnte.
Gerade jüngste Studien zeigen, wie sehr die Sehnsucht nach stabiler Partnerschaft und nach einer eigenen Familie wieder zugenommen haben. Romantische und ernsthafte Beziehungsinhalte wie Vertrauen,Treue, Familie rangieren darin weit vor dem Wunsch, aufregenden Sex zu erleben. Der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt beobachtete seit Jahren, dass die Sehnsucht nach seelischer Intimität, Nähe und Gespräch gegenüber dem verlangen nach dem Ausleben des Sexualtriebes zusehends an Bedeutung gewinnen: "Alle Tabus sind gebrochen, die Geheimnisse gelüftet - Sex ist heute das Vehikel für Partnerschaft, nicht umgekehrt. Das eigentliche Abenteuer liegt heute in der Beziehung."
So erstaunlich die Hinwendung zu Beziehungen und Werten nach der totalen Übersättigung auch ist, das weithin praktizierte Leben im totalen Konsum hat bereits Auswirkungen. Obwohl alles zu haben ist und man von der lustigen, abwechslungsreichen und auf die Jugendlichen abgestimmten Werbewelt umworben wird, bleiben tiefere Hoffnungen und Erwartungen an das Leben mehr denn je unerfüllt.Erstmals haben wir es heute mit einer Generation zu tun, die sich definiert durch das was sie besitzt, wie Handy, Markenkleidung, Computer samt Internet. Eine typische Jugendbewegung hingegen, wie es die Flower Power, 68er, aber auch die politischen Aufrührer späterer Jahre waren, sucht man vergeblich. All die indiviualistischen Hobbies und Modetrends sind überdies kaum hilfreich für eine lebendige Partnerschaft. Dementsprechend bleibt diese Generation mit ihrer wirklichen Sehnsucht allzuoft allein. Der Traum von einer Familie und einer glücklichen dauerhaften Beziehung bleibt so immer öfter ein unerfüllter Traum.
Kann sich aber nun der/die Einzelne diese Erfahrungen zunutze machen, die zu jener messbaren Änderung in der Einstellung vieler Jugendlichen geführt haben? Oder muss von jedem einzelnen auch jede Sackgasse selbst als solche entdeckt werden, sogar noch die bitterste Erfahrung unbedingt am eigenen Leib verspürt werden? So mancher wird diese Frage mit ja beantworten - und doch gibt es auch Alternativen dazu.
Eine sehr spannende und obendrein wahre Lebensgeschichte von zwei jungen Liebenden schildert der in Buchform veröffentlichte Briefwechsel zwischen einem protestantischen, verheirateten Missionar und Familienseelsorger mit einem jungen Paar mit dem Titel "Ich liebte ein Mädchen". Brief um Brief entsteht durch rückhaltlose Ehrlichkeit ein Vertrauensverhältnis, das es dem jungen Helden des Buches möglich macht, von jemandem zu lernen und anzunehmen.
Nicht ein Seelsorger, sondern ein Mädchen aus meinem Bekanntenkreis hatte mich vor mehr als 30 Jahren auf das Büchlein aufmerksam gemacht. Ich kannte damals keinen Priester, der mir ein solches Büchlein empfohlen hätte, denn in den Fragen des jungen Francois an den aus Leipzig stammenden Walter Trobisch werden reihum in größter Offenheit diejenigen Fragen gestellt, die über die medizinischen und biologischen Details einer sexuellen Beziehung hinausgehen. Sollte man nicht Beziehungen zu anderen Partnern haben, bevor man sich auf eine Ehe einläßt ? Wenn der Mensch doch die Sexualität von Gott bekommen hat, warum soll er sie dann nicht einfach benutzen, sobald er das will ? Die Fragen fordern auch Trobisch heraus in dem Maße wie er die Ernsthaftigkeit und die Ehrlichkeit von Francois' Fragen verspürt. Im Vorwort meint Trobisch selbst, dass seine Antworten und aussagen nicht gerade als Musterbeispiel für ein Beratungsgespräch geeignet seien. Im Rückblick würde er wohl so manches anders oder gar nicht geschrieben haben. Aus Gründen der Authenzität wurde der Briefwechsel aber unverfälscht wiedergegeben.
Nun, da meine älteste Tochter 14 Jahre alt ist, habe ich mich wieder an das Buch erinnert. Ich habe es schmunzelnd in der Buchhandlung bestellt und immer noch recht abwartend abgeholt. Doch nach einigen Seiten hat mich dieselbe Faszination wie vor 35 Jahren gepackt. Diese Fragen sind immer noch aktuell und alles Wissen, das unsere Kinder schon von der Schule mit nach Hause bringen trifft nicht jenen Kern, der darin angeschnitten wird. Es geht um einen Zugang zu Sexualität, der uns als ganze Menschen ernstnimmt. Wie Mahatma Ghandi es ausdrückte: "Man kann nicht in einem Teil des Lebens verantwortungsvoll handeln und in einem anderen Bereich skrupellos und rücksichtslos. Das Leben ist ein unteilbares Ganzes." Dieses Ganze, heute meist als "Integrität" bezeichnet, macht soviel vom Glück des Menschen aus.
Die an Internet und Handy gewohnte Jugend wird schwerlich wieder zu großen internationalen Bewegungen zusammenfinden, dazu ist der Individualismus doch schon zu groß geworden. Doch erstaunlich genug, es finden sich auch heute Jugendbewegungen, die sich völlig gegen jede Mode öffentlich für ein Leben ohne sexuelle Beziehungen vor der Ehe aussprechen. Sehen Sie dazu auch den Artikel von Karl Ebinger: Wahre Liebe wartet. Da die publizierte Meinung so dominant geworden ist, fühlen sich viele Jugendliche in der Defensive, wenn sie sich für Beziehungen einfach noch Zeit lassen wollen. Für sie alle ist es sicherlich eine innerliche Bestärkung, dass sie mit ihrem Gefühl doch nicht so alleine sind, wie sie selbst geglaubt haben.