Wenn die Liebe zu wenig wächst



Wie wachsen wir von der Reifezeit ins Erwachsensein? Für den Jugendlichen eröffnet sich zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Entwicklung eine Welt erotischer Impulse. Das andere Geschlecht war auch schon vorher da, aber als Kind wurde es anders erlebt. Es ist nun sehr entscheidend, wie der Jugendliche das Entdecken der eigenen Sexualität meistert. Erst wenn er hier einen vernünftigen Weg findet, wird sich das psychologische und geistige Wachstum entsprechend fortsetzen.

Manche erholen sich jedoch zeitlebens nicht mehr von diesem Entwicklungsschock. Sie bleiben bei der Vorstellung stehen, dass Liebe nicht mehr ist, als ein narzistischer Stimulus der eigenen Sinne über das andere Geschlecht.
Sexuelle Liebe ist real und hat reale Konsequenzen. Sie kann daher nicht richtig ausgeübt werden in einem Zustand selbstbezogener Liebe, der für den Jugendlichen typisch ist.

Carl Gustav Jungs Theorie über "animus und anima" bietet wertvolle Einsichten zu diesem Problem. Nach Jung besitzt die menschliche Seele sowohl maskuline (animus) als auch feminine (anima) Aspekte. Das bedeutet, jede weibliche Seele trägt auch ein Bild der Maskulinität in sich und umgekehrt der Mann das Bild der Femininität.

Was passiert, wenn Teenager sich verlieben? Ihre Liebesfähigkeit, in Bezug auf sexuelle Liebe, ist noch selbstbezogen. Wenn sie sich erstmals verlieben, verlieben sie sich nicht in die reale Person, sondern in einen Archetypus: in das Bild der Maskulinität (bei Mädchen) oder der Femininität (bei Burschen) in sich selbst.

100.000 junge Mädchen können sich in einen populären Sänger oder Schauspieler verlieben. Sie wissen es kommen 100.000 auf eine einzelne Person. Aber das macht ihnen nichts aus. Sie wissen, dass der Sänger nie über ihre persönlichen Gefühle für ihn erfahren wird. Aber das Gefühl der Liebe ist trotzdem da. Es ist die Liebe mit niemanden als sich selbst. Das ist zwar normal bei Jugendlichen, aber nicht länger beim Erwachsenen.

Erwachsen und doch nicht reif

Der französische Psychologe Tony Anatrella bezeichnet unsere Gesellschaft kritisch als "jugendzentrierte Gesellschaft". Er meint, dass unsere Kultur Werte fördert, die psychologisch betrachtet in die Zeit des Reifeprozesses gehören.

Wir vermitteln den Jugendlichen keine Werte und Modelle des Erwachsenseins, sondern nur Werte und Modelle der Reifezeit. Pubertärer Sex wird geschätzt, ohne Gesetze, ohne Verantwortung. Da die Träger dieses Trends Erwachsene sind, die versuchen in ihren eigenen Augen jung zu bleiben, finden sich die Jugendlichen des Vorbilds sexuellen Erwachsenseins beraubt. Das würden sie jedoch notwendig brauchen, um ihre eigene Persönlichkeit zu strukturieren. Im Gegenteil, sie werden lange Zeit in einem selbstbezogenen Zustand gehalten.

Um Solschenizyn frei wiederzugeben ("Es ist leichter, die Menschen mit Pornographie zu versklaven als mit Wachtürmen.") könnte man sagen: Der Sexualität den richtigen Stellenwert zu geben, ist wahrscheinlich die letzte große Schlacht für die Freiheit, die die Menschheit noch gewinnen muss - sowohl im persönlichen als auch im öffentlichen Bereich. Erst dann werden wir wirklich frei im 21. Jahrhundert leben.


Yves Nidegger