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Niemals ohne Kampfanzug |
| Was Jugendliche am Thema Sexualität bewegt |
Das aktuelle Bewußtsein Jugendlicher zum Thema Sex hat mich sofort interessiert, vermutlich, weil ich wenig Ahnung darüber hatte. Wohl nahm ich an, daß sie umfangreicher und früher aufgeklärt sind als ich in meiner Jugend. Was sie aber tatsächlich bewegt, ich wußte es nicht (und es hat mich als Mutter eines 18-jährigen Sohnes reichlich verblüfft)!
Natürlich sind im Lauf seines Heranwachsens eine Menge Fragen aufgetaucht, die ich meiner Erinnerung nach freimütig und ohne Stottern beantwortet habe. Trotzdem ist sein sexuelles Erleben keines, das wir am Küchentisch diskutieren und ich habe das stets respektiert.
Nun aber wollte ich es genauer wissen und habe meinen Sohn und ein paar seiner Freunde, alle männlich, an besagtem Küchentisch versammelt. Nachdem ich zugesichert hatte, keine Namen zu nennen, haben sie offen die gewünschte Auskunft gegeben.
Um es vorweg zu nehmen, ich war mehr als überrascht, aber das ist nun wahrhaft eine andere Geschichte.
Regel Nummer eins lautet (zur großen mütterlichen Erleichterung): "Niemals ohne Kampfanzug, zur Not zwei übereinander!" Nachdenklich hat mich allerdings die Begründung für diese zweideutige Bezeichnung eines Präservativs gemacht. Man(n) schützt sich vor Krankheiten aller Art, was es aber eigentlich zu verhindern gilt, ist Schwangerschaft. Davor und den unvermeidlichen Konsequenzen gleich welcher Art herrscht schlichtweg Angst!
Ungewöhnlich lautstark und wortreich wurde mir eine frühe Vaterschaft als Ruin einer Zukunft argumentiert. Nun, ich habe es zur Kenntnis genommen.
Überraschenderweise gehört das Präservativ aber keineswegs zur täglichen Grundausstattung und das aus verblüffendem Grund: es sei noch kein Fall aufgetreten, bei dem die Mädchen keines dabei gehabt hätten: auf sie könne man sich 100-prozentig verlassen!
Obendrein wurde mir einhellig erklärt, der Verlauf eines Abends sei durchaus vorhersehbar. Alleine wo und mit wem man sich trifft, bestimme bereits das Mögliche bzw. Unmögliche und überhaupt verlasse man schließlich nicht das Haus um "mit jemanden, den man zwei Stunden kennt, Sex zu haben und ihn danach vielleicht gar nie wiederzusehen"! Wo denke ich denn hin?
Nun, ich dachte nirgends hin, ich habe mein Erstaunen hinter eifrigem Mitschreiben verborgen.
An dieser Stelle drängte sich die Frage der Wichtigkeit des Themas an sich geradezu auf und die spontane Reaktion beschränkte sich auf nachdenkliches Stirnrunzeln und jedenfalls Schweigen.
Nach einiger Debatte einigten sie sich dann auf "nicht essentiell notwendig, aber doch irgendwie wichtig". Während ich darüber nachsann, ob hier eine Generation von Sexmuffeln heranwächst oder die bei mir lümmelnde Truppe nicht repräsentativ ist, versuchten sie mir klarzumachen, was sie meinten (und haben mich, vermutlich weil ich eine Frau bin, wieder beruhigt). Sexuelle Aufklärung trifft sie wie eine Dauerberieselung von allen Seiten und ist damit gar nicht immer erwünscht oder auch nur interessant. Ob Zeitung oder Fernsehen, Aufklärungsunterricht in der Schule wenn nicht gar Internet, Nackte springen ihnen überall entgegen und verlieren damit den Reiz des Unbekannten oder Mysteriösen vollkommen. Die Geschehnisse im männlichen wie im weiblichen Unterleib sind ihnen bis ins letzte biochemische Detail bekannt, die im Kopf und im Herzen dagegen nicht.
Womit wir bei des Pudels Kern oder besser gesagt beim eigentlich interessanten Mysterium waren:
Es sind die emotionalen Entwicklungen und damit verbundenen Schwierigkeiten, die ihnen nie jemand erklärt hat und wo sie sich reichlich unbedarft empfinden!
Eine Freundin zu bekommen, finden sie nicht schwer. Das Mädchen aber länger als sechs Monate zu halten ist noch keinem gelungen trotz eifrigem Erfahrungsaustausch und Tips untereinander. Definitiv nachgefragt haben sie unisono erklärt, das ersehnte Ideal sei nicht "Sex haben" sondern "Freundin kriegen bzw. Freundin behalten". Wie das aber geht, haben sie bis jetzt nicht rausgefunden!
Ihre theoretischen Überlegungen dazu sind so stinknormal, daß ich sie für nicht näher erwähnenswert halte, praktisch klappt die Sache aber nicht.
Nach Vorbildern befragt, erntete ich lediglich ein bedauerndes Lächeln. Die Eltern eignen sich hervorragend als klassisches Antibild (ich habe beschämt mein Haupt gesenkt, bin ich doch zum zweiten Mal verheiratet und auch diese Ehe kracht gewaltig). Auch im weiteren Familien- und Freundeskreis ließ sich keine Partnerschaft finden, die als vorbildhaft gilt. Statt dessen gibt es eine endlose Reihe von Geschichten über zerbrochene Beziehungen oder Ehen, die mehr um der Not denn um der Tugend willen aufrecht erhalten werden. Prominente Paare, die sich mit dem gebührenden Medienecho finden und trennen, gehören ebenfalls zum Alltag und untermauern der jungen Männer Ansicht, daß es die dauerhafte Partnerschaft nicht gibt. "Lebensabschnittspartner" laute daher die Devise und im Folgenden war mir nur mehr eine Frage gestattet:
"Wie bitteschön passen Kinder in diese Überlegung (schließlich sah ich mich in fernen Träumen als hingebungsvolle Großmutter)?"
Ebenso sanft wie bestimmt wurde mir beschieden, das wisse man noch nicht und bis dahin siehe oben:
"Niemals ohne Kampfanzug!"
Sabine Krenauer
Buchtipp: Sylvia Schneider, Das Jungen Fragebuch, Ueberreuter Verlag, Wien