Für andere leben

Seit meiner frühesten Jugend haben mir Menschen, die still und bescheiden für andere gelebt haben, restlose Bewunderung abverlangt. Einerseits wollte ich selbst so werden, andererseits musste ich bei meinen anfänglichen Nachahmungsversuchen feststellen, dass mir dazu der Mut, die Fähigkeit und das Durchhaltevermögen fehlten. Ich muss allerdings hinzufügen, dass mir solche Menschen zwar nicht ausschließlich aber doch weitgehend aus der Literatur, aus Berichten bekannt waren. Solche Berichte können je nach Berichterstatter sehr schön ge- oder verfärbt sein.

Wenn du als Kind - und auch ein älterer Mensch kann ein "Kind" sein - so einem Menschen begegnest, dann fühlst du dich einfach zu ihm hingezogen. Er hat für dich Zeit, er hört dir zu, er unternimmt mit dir etwas. Ihr habt miteinander heitere und auch andere Zeiten, er schützt dich, er nimmt dich ernst. Er lässt dich an seinem Herzen teilhaben. So eine Begegnung rührt dein Herz an.

Nach den Worten Detlevs von Uslar überfällt sie uns unerwartet. "Man kann sie nicht vorausberechnen oder erzwingen. Ihr Ereignis reißt uns heraus aus den Bezügen des sogenannten Lebens. Mit so einer Begegnung kann etwas völlig Neues beginnen. Die Begegnung unterbricht das Einerlei des Zeitlaufs und gibt dem Augenblick seine volle Einmaligkeit zurück. Damit verschieben sich zugleich alle Perspektiven. Wir finden gleichsam eine neue Welt vor. Diese neue Welt ist die Welt des Du. Es ist wie ein Durchbruch zu der einen wirklichen Welt, die einen eigentümlichen Glanz erhält. In der Begegnung geht ein Anspruch vom Sein des Du aus, dem wir gerecht werden müssen. Das Du verlangt von uns Antwort, die wir nicht durch Worte geben können, sondern nur durch unser eignes Leben." (Detlev von Uslar)

Im fortgeschrittenen Alter, wenn du verlernt hast wie ein Kind zu sein, oder es eben noch nicht wieder gelernt hast, dann hast du dir vom Menschen, von dir selbst und von der Welt ein Bild zurechtgezimmert. In dieses Bild werden auch jene hineingezwängt, die gar sosehr aus dem Rahmen fallen. Psycho- und andere logen würden so einen Menschen eher analysieren, einteilen und ihm unter Umständen ein pathologisches Helfersyndrom zuordnen. So ein Mensch gehört therapiert.

Der Mensch ist, so scheint mir, zu einem Ding unter den Dingen dieser Welt geworden. Dies kommt daher, weil wir noch keinem Menschen im Vollsinn des Wortes begegnet sind, der für andere gelebt hat und weil wir selbst es nicht fertig gebracht haben, so für andere zu leben, dass sie dadurch einen neuen Aufbruch in ihrem Leben erfahren hätten. Im Kleinen Prinzen von Antoine de Saint Exupery sagt der Fuchs, dass die Menschen deswegen keine Freunde hätten, weil man sich keine Freunde kaufen könne.

In der christlichen Geschichte galten vor allem jene Menschen als heilig, die ihr Leben ohne jede Bedingung für die Armen und Unterdrückten aufs Spiel gesetzt, ja sogar hingegeben haben. Sie alle haben sich an Jesus ein Beispiel genommen und sind diesen lebensraubenden Weg bis ans bittere Ende gegangen. Denken wir an einen Maximilian Kolbe, der sein Leben für einen Anderen bewusst dadurch gegeben hat, dass er für ihn in den Hungerbunker gegangen ist. Man muss nicht katholisch oder christlich sein, um zu spüren, dass dieser Mann in der konkreten Situation etwas getan hat, das über jeden sogenannten Normalfall hinausgeht.

Zweifellos hat diese Tat in der konkreten Notsituation sichtbar und nachweisbar einem anderen und vielleicht einer ganzen Familie das Leben und das Überleben gerettet. Es hat viele Menschen zum Nachdenken gebracht und zu der Frage geführt, was Maximilian Kolbe dazu veranlasst haben könnte, für einen anderen Hungers zu sterben. Jemand, für den Jesus im Zentrum seines Glaubenslebens steht, wird sagen, dass hier Kolbe die Nachfolge Christi gelebt hat. Das machte ihn zum Heiligen. Er und viele andere vor ihm und nach ihm sind diesen Weg gegangen, nicht damit sie unbedingt zu Tode kommen, sondern um den ersten Schritt zu machen - mit aller Konsequenz, auch bis zum bitteren Ende: Was sie von den Menschen erwarteten, taten sie zuerst ihnen.

Durch mein nach und nach tieferes Verständnis der Prinzipien der Schöpfung wurde und wird mir immer klarer, dass ein Leben für andere einseitig nicht funktionieren kann. Wir sind in das Gefüge des Lebens und des Kosmos eingebunden. Und dort regiert das Gesetz von Geben und Empfangen. Ob wir nun wollen oder nicht: wir entkommen diesem Prinzip nicht. Der Mensch erntet, was er säht.

Auch Gott ist auf ein Gegenüber angewiesen, von dem ER diese einzigartige Liebe zurückbekommt. Sie ist gleichsam sein Lebenselement. Jene, die in der Geschichte immer nur gegeben haben, ohne direkt etwas zurückbekommen zu haben, sind deswegen nicht leer ausgegangen, auch wenn sich an ihnen persönlich eine fruchtbare Rückwirkung nicht oder nicht unmittelbar gezeigt hat. Ihr Leben für andere hat erst später in der Geschichte Früchte getragen.

Heinrich Krcek
Theologe