URLAUB ALS FRAGESTUNDE
Eine Reise in die Ferne und nach innen
In Brasilien gibt es eine kleine Stadt namens Jardim. Sie liegt in unmittelbarer Nähe des Dreiländerecks Brasilien, Paraguay und Bolivien. Die nächste größere Stadt heißt Campo Grande. Nördlich von Jardim erstreckt sich das Pantanal, ein wasserreiches Naturgebiet mit einer Vielzahl von Vogelarten.
In der Nähe von Jardim liegt die Fazenda Novo Esperanza. Novo Esperanza bedeutet so viel wie neue Hoffnung und kommt aus dem Portugiesischen. Dieser Ort ist ein Bildungszentrum mit einer öffentlichen Schule mit sportlichem Schwerpunkt und bietet die Möglichkeit von Familienurlauben der besonderen Art. Es werden dort Familienfreizeiten angeboten, die dabei helfen sollen, gute familiäre Beziehungen zu entwickeln.
Familien aus praktisch allen Kontinenten kommen dort zusammen, um für einige Wochen in einer internationalen Gemeinschaft zusammenzuleben und die Freizeit sinnvoll zu gestalten. Die Hauptverständigungssprache ist Englisch.
Die Idee zu diesen Familienseminaren stammt vom Gründer der Vereinigungsbewegung, Reverend San Myung Mun. Er meint zur Bedeutung der Familie: "Ihr seid fähig, die Vergangenheit zu lieben, indem ihr Eure Eltern liebt, die Gegenwart zu lieben, indem ihr euren Partner liebt und die Zukunft zu lieben, indem ihr eure Kinder liebt. Daher könnt ihr die Liebe von drei Zeitperioden erfahren. Der konzentrierte Körper dieser drei Arten der Liebe ist die Familie."
Reisefieber
Ende Juni, gleich nach der Zeugnisverteilung, machten wir uns auf die Reise. Wir, das waren meine Tochter Ines, mein Sohn Marvin und ich. Meine Frau konnte diesmal arbeitsbedingt nicht mitfahren. Für uns war es die erste Reise nach Südamerika. Im Jahr zuvor hatten wir bereits eine ausgedehnte Fahrt in den Südpazifik unternommen, nach Vanuatu, einem kleinen Inselstaat östlich von Australien. Wir fühlten uns für die weite Reise gut gewappnet.
Doch Brasilien hatte einige Überraschungen zu bieten. Wir flogen von Wien nach Frankfurt und weiter nach Sao Paulo. So weit so gut. Beim Weiterflug nach Campo Grande gab es die ersten Probleme. Die Maschine hatte 1 ½ Stunden Verspätung. In Campo Grande mußten wir feststellen, daß der öffentliche Bus nach Jardim bereits abgefahren war.
Ab nun waren wir auf das portugiesische Reisewörterbuch und auf die Zeichensprache angewiesen, um uns zu verständigen.
Wir buchten erfolgreich den nächsten Bus für 3 Uhr Nachmittag, der eine Fahrzeit von 4 ½ Stunden vorgegeben hatte. Gegen 6 Uhr wurde es dunkel und es kühlte merklich ab. In Brasilien ist um diese Zeit "Winter". Um 7 Uhr fiel unser Bus mit Motorschaden aus. Wir blieben buchstäblich auf der Strecke liegen, in finsterer Nacht.
Nach einer Schreckminute und nachdem wir den kaputten Motor über die Schulter des eifrig werkenden Busfahrers bestaunt hatten, besannen wir uns auf unsere weiteren Möglichkeiten. Schließlich erfuhren wir, daß uns ein nachfolgender Bus ans Ziel bringen würde.
Gegen neun Uhr abends wurden wir freundlich auf der Fazenda Novo Esperanza empfangen und bezogen überglücklich und zugleich erschöpft unsere Ferienwohnung, die uns für die nächsten 3 Wochen beheimaten sollte.
Sich selbst einbringen
Die Möglichkeiten im Familienzentrum sind vielfältig. Es wird auf die geistigen, körperlichen und beziehungsorientierten Bedürfnisse der Besucher eingegangen. Spirituelles Studium, sportliche Aktivitäten, Wandern, Fischen stehen ebenso auf dem Programm wie kulturelle Beiträge zu gestalten, Eintagesausflüge zu absolvieren und die tatkräftige Mithilfe bei der Lehr- und Kinderbetreuung.
Viele der Aktivitäten werden von den Feriengästen selbst gestaltet. Am Sonntag gibt es zum Beispiel einen festlichen internationalen Kulturabend bei dem Lieder, Sketches, Instrumentalnummern, Tänze und kurze Theaterstücke aufgeführt werden. Vorbereitet werden die Beiträge im Laufe der Woche.
Besonders gefallen hat mir ein Ausflug zum Rio Perdido. Dieser Fluß ist durchsetzt mit zahlreichen kleinen Wasserfällen, eingesäumt mit urigen Bäumen. Im klaren Wasser tummeln sich verschiedene Fischarten.
Wir konnten neue Freundschaften schließen mit einer amerikanisch-japanischen Familie, mit zwei deutschen Familien und einer englisch-österreichischen Familie.
Angeregt durch die Eindrücke der Reise, die Kontakte mit Menschen aus anderen Nationen und den ausgewogenen Lebensrhythmus im Feriendorf sind in mir einige Fragen aufgetaucht:
Was ist eigentlich wirklich wichtig in meinem Leben? Wie und wofür verwende ich meine Zeit? Was baut mich auf? Was erschöpft mich? Was geht mir auf die Nerven und warum? Wo fällt es mir leicht, mich einzubringen und wo ziehe ich mich zurück? Wie kann eine internationale Gemeinschaft von Familien über die kulturellen Grenzen hinweg funktionieren?
Die Antworten auf diese Fragen werden mich sicher noch länger beschäftigen. Bei einigen zeichnet sich eine Klärung ab, andere sind mir noch etwas ferner? Jedenfalls wurde die Reise in die Ferne zu einer Reise nach innen - und das im besten Sinne.