Mit den Augen einer Frau
Was Kleinkinder so alles leisten
Das Baby wird gefüttert, das Baby wird gewickelt, das Baby wird gewaschen, das Baby wird in den Kinderwagen verfrachtet, das Baby wird dahin gelegt oder dorthin, über ihm ein "Aktivcenter" mit vielen, bunten, wackelnden Gegenständen, alles ganz nach unserem Gutdünken. Das Baby verkraftet das alles locker. Es ist ganz schön flexibel. Es hat sogar Spaß daran. Und wenn der Körper nach Schlaf verlangt, dann schläft es einfach oder quängelt, bis wir seinen Wunsch registrieren und adäquate Bedingungen schaffen. Ganz schön clever, so ein Baby! Und in diesem Erlebnisdschungel lernt es auch noch - in jeder Sekunde! Alles ist neu, alles wird gespeichert, geordnet, in logische Zusammenhänge von Ursache und Wirkung gebracht. Alles Instinkt? Ja, vielleicht. Dennoch ist das, was das Baby da tut, vergleichbar mit dem, was wir bei Erwachsenen als Arbeit oder Aktivität bezeichnen würden.
Je größer das Kind wird, desto mehr tut es diese Dinge bewußt, findet Gefallen an diversen Tätigkeiten. Es erforscht Gegenstände des täglichen Lebens, kann sich minutenlang mit einem einfachen Löffel beschäftigen und herausfinden, was der alles kann. (Ein Löffel kann sogar hüpfen, wenn man ihn an der richtigen Stelle erwischt!) Das mißverstehen wir manchmal und schimpfen:"Spiel nicht mit dem Löffel herum!"
Wenn Kinder spielen, dann sind sie "brav". Trotzdem erdreisten wir uns, das spielende Kind - oft recht unsanft - aus seiner Tätigkeit zu reißen, weil es nun etwas "sehr wichtiges" zu tun gibt. Oder weil die Eltern nun etwas anderes vorhaben. Dabei übersehen wir, daß das Spielen für die Kinder Lernen bedeutet, schwere Arbeit. Es gibt so viel zu entdecken! Alles ist neu, es gibt für das Kind keine Vorerfahrungen, nur das, was es selbst erfährt oder was es an Erfahrungen uns Eltern glaubt. Aber wir wollen oft, daß Kinder sofort dem folgen, was wir gerade vorhaben.
Wenn wir selbst gerade in einer Arbeit stecken, ein "wichtiges" Telefongespräch führen oder etwas zu Ende bringen wollen, ist es uns auch unangenehm, wenn uns jemand unterbricht oder sofort etwas will. Dann reagieren wir oft recht spröde auf unsere Kinder, von denen wir verlangen, daß sie auf unsere Tätigkeiten Rücksicht nehmen. Genauso aber sollten wir darauf Rücksicht nehmen, daß Kinder ihre Welt haben, die vollist von Neuem, was sie zu bewältigen haben, einzuorden, zu lernen, zu verstehen.
Besonders wurde ich auf diese Tatsachen aufmerksam, als mein Kind sprechen lernte. Ich war fasziniert davon, wie aus unartikulierten Lauten langsam Worte wurden. Nun kam ich ziemlich unter Druck, da ich glaubte, nun meinem Kind jedes einzelne Wort durch mehrmaliges Wiederholen beibringen zu müssen. Es überraschte mich aber immer wieder mit Worten, die ich sicher nie verwendet habe, bis ich begriff, wie schnell es lernte! Es genügte, dort und da Worte aufzuschnappen, und schon waren sie gespeichert auf der Festplatte, die sich Gehirn nennt.
Sie lernen so viel, unsere Kinder. Sie lernen aber auch soziales Verhalten. Und genauso, wie wir mit Ihnen umgehen, so werden sie das auch mit uns tun. Wenn wir ihren Tätigkeiten den Stellenwert geben, der ihnen zusteht, dann werden sie auch unser Tun als wichtig erkennen und ein bißchen warten, wenn wir nicht sofort für sie Zeit haben. Nicht nur wir haben Streß, sondern auch unsere Kinder, wenn sie heranwachsen.
Das beginnt nicht zuerst beim Zahnen, eine schmerzhafte Erfahrung! Weiter geht es mit Situationen, in denen wir dem Forscherdrang unserer Kinder Einhalt gebieten müssen, weil es sich in Gefahr bringen würde. Sie müssen auch lernen, Regeln zu akzeptieren, die nicht immer angenehm sind und Enttäuschungen verkraften, also das, was wir als soziales Lernen bezeichnen. Das sollten wir im Umgang mit unseren Kindern berücksichtigen, besonders in den ersten Lebensjahren, in denen wir dazu neigen, die Schwestarbeit unserer Kinder nicht ganz ernst zu nehmen.
Wenn wir aber daran denken, was so ein Kind leistet und es berücksichtigen, wird es auch unsere Arbeit ernst nehmen.
Susanne Benes