![]() |
Das
fliegende Klassenzimmer
Lernen mit
Internet und Multimedia
|
"Papa, was steht denn hier? Papa, was heißt denn das? Papa, warum ist das Meer salzig?" Tobias ist sechs, und sein Wissensdurst ist gerade dabei, ins Unermeßliche zu steigen. Leider wächst Papas Geduld nicht im selben Ausmaß - sein Rettungsanker ist, daß Tobias endlich Lesen und Schreiben lernen wird. Bald wird er als "Taferlklassler" die Schulbank einer kleinen Dorfschule drücken.
Anläßlich der Schuleinschreibung führt uns der Schulleiter durch die Räumlichkeiten. Außer den sprichwörtlichen - und nach wie vor unentbehrlichen - Tafeln gibt es auch Computer in den Klassenzimmern. Ausgewählte Lernprogramme stehen dort für die Kinder zur Verfügung. Früher oder später wird wohl auch das Internet im Unterricht Einzug halten. Die Schule ist jedenfalls schon angeschlossen. Als Vater, der sowohl am Arbeitsplatz als auch zuhause das Internet - nicht zuletzt als Lernmedium - nutzt, werde ich mir also allmählich überlegen müssen, wie ich meine Kinder dabei unterstützen kann, die positiven Möglichkeiten der neuen Medien aktiv und souverän zu nutzen und Gefahren zu vermeiden.
Wie beim Fernsehen, beginnt Medienerziehung im Elternhaus. Doch Eltern, die ihren Kindern Computer und Internetanschluß besorgt oder ermöglicht haben, sind angesichts der vielen Facetten des gigantischen Computernetzes mehr überfordert als beim Fernsehen. Sie wünschen sich - zum Teil zu Recht (das Bücherlesen lernen sie ja auch dort!)-, daß die Schule ihren Kindern die nötigen Fähigkeiten vermitteln möge. Schulen und andere Bildungseinrichtungen müssen vor allem jene, die zuhause noch keinen - oder erst seit kurzem - einen Computer mit Internet-Zugang haben, vorerst einmal mit den technischen Möglichkeiten vertraut machen. Allerdings ist ein Teil der Schüler sogar den meisten Lehrern weit voraus.- Möglichst alle Lehrer sollten daher die Gelegenheit bekommen und auch nutzen, die wichtigsten Möglichkeiten des Internet technisch handhaben zu können.
Die Lehrer sind besonders herausgefordert durch das neue Medium, das jahrhundertealte Grenzen der Informationsbeschaffung binnen weniger Jahre niedergerissen hat. Im Leitartikel einer pädagogischen Zeitschrift, die sich mit Medien im Unterricht auseinandersetzt, beschreibt der Autor eine ihm typisch erscheinende Erfahrung in der Schule: "Ein Schüler einer achten Klasse arbeitete an einem freien Gerät sein Spezialgebiet für Englisch (Northern Ireland) aus. Ohne sich um den Inhalt der Texte näher zu kümmern, stellte er in kurzer Zeit ein zehnseitiges Dokument zusammen, das er abgeben würde und das ihm als Grundlage für seine Prüfung dienen würde." Positive Gegenbeispiele führt der Autor allerdings ebenso an - so etwa eines aus dem Deutschunterricht: Eine Schülerin der achten Klasse hatte eine eigenständige Besprechung von Ransmayrs "Der Weg nach Subaraya" abgeliefert. Beigeheftet war ein zwei Seiten lange Besprechung aus dem Internet, die mit der Besprechung der Schülerin kaum etwas zu tun hatte." (Christian Holzmann, Tell&Call 1/98)
Wenn die Schüler technisch gut Bescheid wissen, bedeutet das noch lange nicht, daß sie ohne jede Hilfe einen verantwortlichen Umgang mit dem neuen Medium lernen. Das Internet hat einige große Vorteile, die andere Massenmedien in dieser Form nicht bieten können, aber auch ein vielfältiges Verführungspotential. Lehrer sollten also vor allem die Fähigkeit haben, Schüler zum bewußten Nachdenken und Diskutieren über die Vorteile, aber auch die potentiellen Nachteile und Verführungen, anzuregen, die im Internet und in der gesamten Multimedia-Technik (z.B. Computerspiele) stecken.
Das Internet bietet eine enorm schnelle und kostengünstige Kommunikationsplattform - vor allem durch E-Mail, Newsgroups, Web-Diskussionsforen, Chatrooms, Internet-Telefonie und dergleichen mehr. Genauso wie beim guten alten Telefon und neuerdings beim Handy, führen Leichtigkeit und Schnelligkeit auch zur Zunahme oberflächlichen "Gequassels" und unüberlegter, schlecht formulierter Äußerungen. Lehrer hätten hier die Aufgabe, den Schülern zu helfen, ein starkes Bewußtsein für Kommunikationskultur zu entwickeln, ein Gefühl dafür, daß am anderen Ende der Leitung Menschen aus Fleisch und Blut sitzen, denen man mit Respekt, wenn auch vielleicht nicht mit allen Förmlichkeiten des traditionellen Briefverkehrs, begegnen sollte.
Quantität und Qualität - das Problem der Auswahl
Das World Wide Web, das sich allmählich zum umfassenden "Multimedia-Massenmedium" entwickelt, besteht im Grunde genommen aus vielen kleinen Nischen, die alle untereinander verbunden sind. Neben Belanglosigkeiten aller Art, viel aufmerksamkeitsheischender Werbung und dumpfen Seitengassen, in denen sich abartige Neigungen austoben, findet sich eine große Menge sehr guter, das Lernen unterstützender Informationsangebote. Wer einmal Geschmack an qualitativ Hochwertigem gefunden hat, der kann von einem interessanten Platz zum nächsten surfen oder gute Einstiegsseiten und Suchmaschinen verwenden, um das zu finden, was er gerade braucht. Ohne bewußte Auswahl und Einschränkung bliebe aber nur oberflächliches "Herumzappen", wie es viele vom Fernsehen gewohnt sind.
Wenn aber Erwachsene schon Schwierigkeiten mit sinnvoller Auswahl haben, dann Kinder erst recht: Um sie in ihrem natürlichen Entdeckungsdrang nicht geschickt plazierten Pornoseiten, Gewaltverherrlichung oder gefährlichen Ideologien auszusetzen, können auf Computern zuhause und in der Schule Filterprogramme installiert werden, die zumindest einen Großteil des gröbsten Schmutzes abschirmen. Seiten, die das Programm aufgrund regelmäßig aktualisierter Informationen als verboten erkennt, lassen sich dann einfach nicht öffnen. Da dieser Schutz natürlich nicht perfekt ist, und bei allzu "scharfer" Einstellung auch unerwünschte Sperren bewirken kann, brauchen Kinder Startseiten, auf denen viele Verweise auf kindgemäße und interessante Inhalte zu finden sind. Gute Einstiegsseiten und Suchmaschinen speziell für Kinder sind also sehr hilfreich nicht nur für die Kinder, sondern auch für verunsicherte Eltern und Lehrer. Mittlerweile gibt es sogar recht umfangreiche "geschlossene Netze" für Kinder, die man allerdings oft kostenpflichtig abonnieren muß.
Nicht nur Lehrer, Schüler und Studenten, sondern alle, die das Internet mit den heutigen technischen Möglichkeiten als Lernmedium zu nutzen versuchen, stehen vor der Frage, wie sie mit der lawinenartig sich vermehrenden Informationsfülle umgehen sollen. Der deutsche Sozialwissenschaftler, Künstler und Publizist Bernd Guggenberger stellt dem seiner Ansicht nach naiven Glauben an die Segnungen der quantitativen Informationsvermehrung die fundamentale Frage nach der Qualität von Wissen und Erfahrung gegenüber: "Über Sinnloses (fast) alles, über Wertvolles (fast) nichts das ist, zugespitzt, die kritische Formel für den qualitativen Aggregatzustand der Information in der Informationsgesellschaft. Wie die entfesselte Produktionsgesellschaft ihre eigenen Hervorbringungen, die Dinge, bis hin zum ultimativen Grenzfall der nicht mehr abzutragenden Müll- und Schrottberge, entwertet hat, so ist die Informationsgesellschaft dabei, die Information zu entwerten und unvorstellbare Mengen verpuffter elektronischer Signale zu Bergen von Datenmüll und Infoschrott zu türmen."
Der Autor lehnt die modernen elektronischen Medien keineswegs grundsätzlich ab (dazu hat er sich offensichtlich zu intensiv mit ihnen auseinandergesetzt). Er ruft aber dazu auf, als Nutzer ihre Inhalte und Mechanismen kritisch an zentralen Werten zu messen: "Ist es das, was uns droht: daß wir über alles alles wissen und doch nichts, was wir brauchen können, um uns Ziele zu setzten und das Leben zu gestalten? ... Daß wir alles anklicken können und abrufen, jedoch nichts erfahren, was uns hilft, unsere Orientierungsnöte zu lindern: den Hunger nach Sinn, den Durst nach Erkenntnis zu stillen, das Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit zu befriedigen? ... Daß wir unter den aufgehäuften Bergen von nutzlosem Wissen das Existenzwissen verschütten, so daß wir am Ende über alles Auskunft geben können, nur nicht mehr darüber, was wir eigentlich wollen und was für uns und für andere gut ist?..." (Bernd Guggenberger, "Das digitale Nirwana", Hamburg, 1997, S.105-109)
Diese für viele "User" des globalen Computernetzes durchaus zutreffende, wenn auch überspitzt formulierte Diagnose schließt im Grunde den Konsum moderner Massenmedien insgesamt ein. Schon die Auswahl zwischen 100 verschiedenen Fernsehprogrammen über Satellit oder Kabel überfordert die Seher. Wer nicht gelernt hat, sein Leben anhand klarer Wertmaßstäbe zu gestalten und dementsprechend Prioritäten zu setzen, geht meist den Weg des geringsten Widerstandes: Konsumiert wird das, was die Aufmerksamkeit fesselt - an sonstige Qualitätskriterien wird kaum ein Gedanke verschwendet. Wer nicht weiß, was er eigentlich sucht, wird vor allem Zerstreuung finden und jedes Medium, ob Zeitung, Lifestylezeitschrift, Fernsehen oder Internet hauptsächlich dazu verwenden, möglichst effizient die Zeit totzuschlagen. Das "Wissen", das Menschen so erwerben, besteht aus lauter kleinen Informationshäppchen, die für die eine sinnorientierte Lebensgestaltung zumindest belanglos, wenn nicht schädlich, sind.
Das Internet aktiv nutzen lernen
Die Schule war traditionell dazu da, den Kindern
und Jugendlichen Kulturtechniken, wie Lesen, Schreiben und Rechnen sowie
einen Grundstock an reproduzierbarem Wissen aus verschiedenen Fächern
zu vermitteln. Disziplin, Zielstrebigkeit und Einordnung in eine organisierte
Gemeinschaft (Klasse) lernte man ebenfalls mehr oder weniger. Auch heute
- im Licht modernerer pädagogischer Vorstellungen, im Zeitalter von
Computer und Internet - sind diese Aspekte nicht gänzlich unwichtig
geworden. So kann den Informationsreichtum des Internet nur nutzen, wer
auch kompliziertere Texte zu lesen und zu schreiben imstande ist. Und wer
keine Vorstellung von Zahlenverhältnissen hat, läßt sich
mit Zahlen und Statistiken leicht täuschen. Allerdings reichen die
traditionellen Bildungsinhalte bei weitem nicht aus, um sich unter den
Bedingungen der heutigen Gesellschaft zu behaupten oder gar diese Bedingungen
aktiv zu gestalten. Lernen sollte unter diesen Bedingungen nicht nur die
möglichst geschickte Suche nach Informationen, Texten, Bildern zu
bestimmten Themen sein, sondern die Erfahrung des aktiven Mitgestaltens
einschließen.

Das fliegende Klassenzimmer kommt ins Haus
Ein wichtiger Aspekt der durch Multimedia und Internet ausgelösten Revolution des Lernens ist, daß sich die zuhause verfügbaren Lernmittel enorm vermehrt haben - das "fliegende Klassenzimmer" zuhause wird Wirklichkeit. Zu den traditionellen Möglichkeiten, die die "Schule im Wohnzimmer" für findige Eltern und Kinder schon bisher geboten hat, kommt nun der Computer mit den dafür verfügbaren Lernprogrammen, pädagogisch sinnvollen Computerspielen und dem Internet. Zu bedenken ist natürlich, daß jeder Tag nur 24 Stunden hat, und gut überlegt werden sollte, auf wessen Kosten die Beschäftigung mit - auch pädagogisch wertvollen - Inhalten am Computer geht: Häufig ist es der Fernsehkonsum, der zuallererst eingeschränkt wird. Dagegen ist wenig einzuwenden, da ein passiv konsumiertes Medium durch ein "interaktives", also aktivitätsförderndes, ersetzt wird. Vernachlässigen hingegen schon Kinder das Lesen gedruckter Texte, vor allem das Bücherlesen, dann ist das problematischer. Denn vor allem Bücher ermöglichen das Eintauchen in eine Erlebnis- und Erkenntnisdimension, die Geist und Phantasie der Kinder und Jugendlichen auf ganz andere Weise herausfordern und damit fördern. Daß Kindern und Jugendlichen das Lesen auch sehr dicker Bücher zuzumuten ist, zeigt der große Erfolg der "Harry-Potter"-Serie. Eigentlich könnten sich gedruckte und elektronische Medien sehr gut ergänzen. Heutige Computerbildschirme eignen sich nämlich kaum dazu, längere Texte zu lesen.
Immer häufiger bringen Verlage zu populären Büchern auch CD-ROMs heraus, die die Inhalte des Buches wunderbar ergänzen. Online Buchhandlungen, bei denen man Bücher übers Internet bestellen kann, sind zu einer der erfolgreichsten kommerziellen Aktivitäten im Internet geworden. Darüber hinaus eignet sich der Computer prinzipiell recht gut als Transportmittel für Druckwerke. Qualitativ gutes und preisgünstiges Drucken am Heim- oder Schulcomputer (in Zukunft vermutlich auch "elektronisches Papier" oder Super-Flachbildschirme) ist allerdings die Voraussetzung dafür, daß jedermann Druckmedien, wie Zeitschriften oder Bücher, direkt über den Computer beziehen kann.
Keine virtuelle Lernumgebung kann allerdings die Auseinandersetzung mit der wirklichen Welt ersetzen. Wo das möglich ist, sollten Lernmedien - ob auf silbernen Scheiben oder im Internet - immer wieder zu Aktivität in der eigenen Umgebung anregen: Erkenntnisdrang in Biologie oder Physik läßt sich am besten wecken, wenn nicht alles Wissen im "elektronischen Raum" präsentiert wird, sondern Anstöße oder Aufgaben zum eigenen Beobachten, Experimentieren und Nachdenken geliefert werden. Und Computerspiele, die einen intensiven Austausch zwischen wirklich um einen Tisch versammelten Kindern erfordern, können dazu beitragen, Teamgeist und Kommunikationsfähigkeit zu trainieren. Wenn man sich zuerst über den nächsten Spielzug einigen und dazu jeder seine Gründe für und wider darlegen muß, läßt sich dabei viel fürs wirkliche Leben lernen. Kinder hauptsächlich mit "actiongeladenen" Ballerspielen auszustatten, auch wenn sie die Mitschüler noch so "cool" finden, heißt auch, ihnen die Zeit für Sinnvolleres zu stehlen, das es sowohl im großen Angebot der Computerspiele und Multimedia-CDs als auch im Internet gibt. Mittlerweile gibt es auch schon eine gute Ratgeber-Literatur, in der sich Eltern einen Überblick über Angebote machen können, die für ihre Kinder geeignet sind.
Wegweiser auf der Datenautobahn
An der Bewertung der Inhalte neuer (Lern-)Medien führt kein Weg vorbei. Weder naive Euphorie über die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, die sich mit den neuen Medien auftun, noch demonstratives Desinteresse oder pauschale Verteufelung ändern etwas daran, daß die technischen Möglichkeiten nun einmal da sind und auf die eine oder andere Art benutzt werden können. Wer glaubt, jeder Auseinandersetzung und Nutzung aus dem Weg gehen zu können, überläßt das Feld anderen, die vielleicht ganz andere Ziele verfolgen. Anders als das Fernsehen, spielen Internet und Multimedia in der Schule bereits jetzt eine nicht geringe Rolle. Und auch in der Arbeitswelt wird bald die Mehrheit der Berufstätigen regelmäßig mit E-Mails, Online-Datenbanken, E-Banking und dergleichen mehr zu tun haben. Allerdings wird nicht der- oder diejenige am besten in der Lage sein, aus dem Wust an Informationen und Angeboten die für das praktische Leben wichtigen herausfiltern können, der die besten technischen Kenntnisse hat oder die meiste Zeit online verbringt, sondern wer einerseits mit beiden Beinen fest im Leben steht und sich andererseits intensiv mit Werten, Zielen und Lebenssinn auseinandergesetzt hat. Denn auch auf der "Datenautobahn" ist es so wie mit der Kabarettfigur vom "Wilden auf seiner Maschin'", daß letztlich nirgends hinkommt, wer "net waß, wo er hinfahrt, dafür aber schneller dort" ist.
Linkliste - Hersteller von Kindersicherungssystemen:
http://kindersicherung.de/
http://www.learningco.de/
http://www.chibrow.com/
http://www.netnanny.com/
http://www.loadcode.com/
http://www.cybersitter.com/