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Wie viel Unterhaltung braucht der Mensch? Reality Shows als Spiegel der Bedürfnisse |
Ein Mann in der Arena allein gegen 5 Gegner. Gekonnt metzelt er
einen nach dem anderen nieder. Nachdem der letzte tot zu Boden
sinkt, springt das Publikum von den Sitzen, klatscht, brüllt
und johlt vor Begeisterung über den Sieg des Helden. Angewidert
schleudert dieser seine Axt gegen die Ehrentribüne. "Are
you enough entertained?", brüllt er in die Runde,
um daraufhin frustriert die Arena zu verlassen. So gesehen im
Hollywoodspektakel "Gladiator". Die Axt trifft jedoch
nicht nur die Besucher in der Arena, sondern auch die Menschen
im Kinosaal. Regisseur Ridley Scott lässt die Waffe direkt
auf die Kamera zufliegen. Verdutzt zieht der Kinobesucher den
Kopf ein. Gott sei Dank, nur ein Film.
Ja, die alten Römer, hatten auch schon ihr "Big Brother"-Spektakel.
Unterhaltung auf Kosten der um ihr Leben kämpfenden Gladiatoren.
Die ganze Geschichte hindurch brauchte der Mensch Unterhaltung
- so lebensnah wie möglich. So gesehen dürften "Big
Brother" und "Taxi Orange" die heutigen
Gladiatorenkämpfe sein. Natürlich kämpft hier niemand
mehr um das Leben - zumindest das physische Leben bleibt verschont.
Der Rest der Teilnehmer wird jedoch gnadenlos vermarktet. Und
hier taucht die Frage wieder auf : "Are you enough entertained?"
oder anders gefragt: Wie viel Unterhaltung braucht der Mensch?
Wir leben in einer Gesellschaft, wo uns die Medien täglich
weismachen, dass wir viel Unterhaltung brauchen und dass genug,
nicht genug ist. Die 90er werden auch als das Medienjahrzehnt
in die Geschichte eingehen. Noch nie war es so einfach an Informationen
(z.B. Internet) zu gelangen. Und noch nie zuvor hatten die Medien
eine derart bestimmende Rolle wie im vergangenen Jahrzehnt.
Zeitgeist, Konsum, Mode, Politik, Kultur, nichts geht mehr ohne
die großen Trendberichte im Kabelkanal oder in diversen
Magazinen. Wer in den Medien nicht vorkommt existiert praktisch
nicht. Die Seitenblicke überschreiten regelmäßig
die Millionengrenze an Zusehern und bei "Vera" erfahren
wir jede Woche, was wirklich wichtig ist. Es gibt nur noch eine
Wahrheit. Das ist die der Medien.
Zeitgeistmagazine wie News und TV-Media wissen was richtig ist
und was der Österreicher zu wissen braucht. Selbst ein Helmut
Zilk fühlt sich bemüßigt in seiner "TV-Media-Kolummne"
das unsinnige "Taxi Orange" gutzuschreiben. "Ich
bin froh, dass es Taxi Orange gibt", heißt es da vom
ehemaligen Bürgermeister und Unterrichtsminister.
Reingewaschen von Medien und Opportunisten aus Gesellschaft
und Politik tritt das Reality-TV seinen Siegeszug an. Natürlich
haben Taxi Orange und Big Brother nichts mit dem Leben zu tun.
Kein Mensch verhält sich normal mit 20 Kameras im Genick.
Diese modernen TV-Formate spiegeln viel mehr die Realität
der Zuseher wieder. Was bewegt einen Menschen, sich jeden Tag
die ewig öde Szenerie anzusehen und letztendlich über
den Rauswurf eines Unglücklichen zu entscheiden. Und was
bewegt diese Menschen, Leute wie Slatko zum Star zu machen?
"Fun" heißt der Zaubertrank zum schnellen Glück.
Ein paar Bier und dazu wird Anton, Anton gegrölt. Der tingelt
von Bierzelt zu Bierzelt, verkauft 1 Million Singles und kriegt
den Österreichischen Musikpreis (Amadeus). Was mehr über
den Wert des Preises als über den Anton aussagt.
Das kreative, analytische, kritische zu Ende denken der Dinge.
Wo ist es geblieben? Die Ohnmacht gegenüber den Problemen
unserer Zeit führt offensichtlich zur Resignation und zur
Verdrängung. Was soll ich schon machen, das Leben ist halt
nicht zu meistern. Ein fauler Kompromiss hier, ein Seitenschritt
da. Ideale? Ja schon, aber alles kann man nicht haben. Ich will
meine Ruh' und ein bisschen Spaß ist ja erlaubt. "Let
me be entertained". Die Flucht vor dem eigenen Leben endet
damit, vor dem Fernseher 10 andere bei ihrem "Leben"
zu beobachten.
Die Diskussion um "Big Brother" und "Taxi Orange"
führt am Kern des Problems vorbei. Es geht nicht darum, wie
gut oder schlecht das Fernsehen oder die Unterhaltung ist. Es
gibt keine Instanz, die das bestimmen kann. Die Menschen und die
Geschmäcker sind eben verschieden. Ob jetzt unsere Haufrau
im ländlichen Niederösterreich ihr kleines Glück
mit der neuen Hansi Hinterseer-CD erlebt oder der Uni-Professor
zu Beethoven den imaginären Taktstock schwingt, ist egal.
Die wirkliche Frage ist nicht was, sondern WER bestimmt meine Unterhaltung. Sind wir Menschen schon so degeneriert, dass wir andere brauchen, die uns ein Leben vorspielen, welches wir vielleicht gerne selbst leben würden. Oder anders gefragt: Hat der Mensch nicht ein riesiges kreatives Potiental Schönes, Liebenswertes, Aufregendes, Anregendes und Unterhaltendes zu schaffen?
Lieber Leser, wann haben sie das letzte Mal ein Lied gesungen,
einen Brief geschrieben, einen Witz erzählt? Wann haben sie
das letzte Mal versucht, ihre Träume zu leben? Wir haben
die Möglichkeit, unsere eigene Reality zu schaffen. Diese
Chance sollten wir nutzen.
Andreas
Bauer