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Big Brother, 16 Jahre nach 1984 |
"Die Kinder sitzen nur noch vor irgend einem Schirm",
seufzt meine genervte Frau. "Du musst etwas dagegen unternehmen!"
"Warum soll ich was dagegen unternehmen? Ich finde, sie haben
das ganz gut im Griff."
An der Medienproblematik kommt heutzutage niemand vorbei, bei
uns zu Hause spitzt sich die Situation allerdings zu, weil ich
als Journalist zwangsweise mit Medien zu tun habe und es mir aus
meiner Überzeugung unmöglich ist - wie etwa bei meinem
eigenen Vater, der uns während unserer Jugendzeit zwangsweise
vom Fernsehen ferngehalten hat, indem er keinen Apparat kaufte
- dieses wesentliche Element unseres und auch des zukünftigen
Lebens von meinen Kindern fernzuhalten.
Anders meine Frau: Wenn der Fernsehapparat im Hintergrund läuft,
wird sie nervös. "Ich kann", so klagt sie speziell
dann, wenn die Kinder den ganzen Tag zu Hause sind, "dieses
Geplärre, das ständige Herumschießen, das Getalke,
all diese medialen Geräusche nicht mehr hören!"
Und wenn nicht der Fernseher läuft, hallen Geklingel, Schießerei,
Motorengeräusche, mail-for-you-Stimmen oder sonstige digital
erzeugten Geräuschkulissen durchs Haus. Die Kinder sind zwar
die meiste Zeit in Zimmern verräumt, aber der andächtig
auf dem ganze Sofa verteilte Jüngling, der sich erst Akte
X, dann emergency room, anschließend TV-Total und zu guter
Letzt "Big Brother" (BB), bzw. Taxi Orange (TXO) hineinzieht,
ist auch nicht gerade ein erbaulicher Anblick.
Für meine Frau ist es auf alle Fälle ZU VIEL: zu viel
TV, zu viel Computer, zu viel Gameboy, zu viel Video.
Aufregung umsonst? Nicht dass ich das Problem verharmlosen oder
nicht sehen will. NATÜRLICH gibt es zu viel TV, Computer
.... Aber es gibt heute von allem zu viel und es ist der Überfluss,
mit dem wir umgehen lernen müssen. Ich selbst wurde noch
als Nachkriegs-Kind erzogen: Essen ist Gottesgabe, die mit Respekt
behandelt werden muss; Essen wurde nie weggeworfen, Socken wurden
wieder und wieder gestopft, die Alltagshose war im Sommer die
kurze, im Winter die lange Lederhose und man hatte als Kind nicht
viel mehr anzuziehen.
Mein Sohn braucht heut fast jeden Tag eine Hose, Töchter
müssen fast jedes Jahr mit einer neuen Garderobe ausgestattet
werden und gegessen wird, worauf man Lust hat, nicht was auf den
Tisch kommt. Die Zeiten waren früher deswegen nicht besser,
aber anders.
Überangebot als Problem und - Schutz
Anders war auch der Fernseh-Konsum. Da gab es am Mittwoch und
am Samstag Kinderprogramm: Lassie, Fury, Aus aller Welt, Kasperl
und Wir blättern im Bilderbuch. Um sieben kam das Betthupferl
und dann war's aus. Das Studium des gegenwärtigen Programmangebots
nimmt gut und gern eine Stunde in Anspruch, will man sich seine
Programmwoche genau einteilen. Da kommt man nicht darum herum
- das Angebot ist einfach zu üppig.
Und das ist gut so: denn das Überangebot ist zugleich auch
Schutz. Es bedarf heute schon großer Anstrengung (auch finanzieller),
will man ein Programm ganz besonders hervorheben. Vieles an Schund
und Dummheit geht einfach unter in der Flut von verschiedenen
Angeboten. Ab und zu wird eben etwas neues besonders gepriesen,
besprochen und bewoben, aber das dauert bestenfalls ein paar Wochen
und dann ist es wieder out. Wird etwas besonders beworben, dann
kostet es auch mehr - letzten Endes auf für den Konsumenten.
Und der wird sich letzten Endes nicht dafür entscheiden,
wenn er nicht eine adäquate Gegenleistung dafür bekommt.
Nicht verständlich ist daher auch das Geschrei vieler Medienpädagogen
und besorgter Zeitgenossen über die sogenannten reality-tv-Formate.
Da wird der Untergang des Abendlandes heraufbeschworen und gewarnt
vor den verheerenden Folgen der Volksverdummung. Da wird der Bildungsauftrag
des öffentlich-rechtlichen Senders bekniet und die Kulturpessimisten
freuen sich über besonders viele Einladungen zu Talk Shows
etc., wo die Krise in der heimischen Medienlandschaft ausführlich
besprochen werden kann.
Nun, ehrlich gestanden, von dem was ich gesehen habe, bei BB oder
TXO, sind die Programme tatsächlich stink langweilig und
ich kann das Interesse des Publikums bzw. die erhobenen Einschalt-Quoten
nicht nachvollziehen; aber das ist nicht unbedingt mein Problem.
Das Alternativangebot ist fürwahr reichlich, und man kann
auch den TV-Apparat ausschalten. Diese Möglichkeit steht
immer offen. Das Meiste, was allgemein zur Unterhaltung angeboten
wird, ist selten besonders geistreich und wenn der Mensch drauf
kommt, dass man ihn für blöd verkauft, dann lernt er
schnell und wird sich etwas anderes suchen.
Als Vater glaube ich fest an die Klugheit meiner Kinder und an
die selbst regulierenden Kräfte im Menschen; und da sehe
ich, dass sie sehr gezielt sich die Programme aussuchen; ich sehe,
dass die Kinder von selbst abdrehen, weil ihnen das Programmangebot,
zu blöd, das Computerspiel zu fad etc. ist; und ich bleibe
beruhigt und lasse den Kindern weiter einen möglichst großen
Frei- und Spielraum. Und ich sehe mit Freuden: sie greifen noch
immer zu Büchern und versinken darin, sie verschwinden unter
einem Berg von Papierschnipseln, weil sie gerade wieder etwas
ganz tolles Basteln, oder einfach zeichnen und malen.
Christian Röck
PS: Franz Kreuzer schrieb im Freizeit-KURIER (Samstag, 28. 10
2000, S 32 ff) über die Väter des Big Brother, nämlich
Friedrich von Hayek und George Orwell. Ersterer schrieb ein Buch
über die Rolle des Marktes in der Massengesellschaft, Orwell
fand gefallen daran und Inspiration darin für seinen Roman
1984