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Kinder im Medienparadies
Medienerziehung in der Welt von Confetti, Pokémon & Co |
"Papa, warum bin ich nicht im Fernsehen, die Kamera hat doch ein paarmal auf mich geschaut?" Tobias ist wirklich enttäuscht.- Hat sich doch die ganze Familie erwartungsvoll vor dem TV-Gerät versammelt, um die Videoaufzeichnug "seines" ersten richtigen Fernsehauftrittes zu verfolgen - und dann bekommt sie die ganze Sendung über nicht einmal ein Haarbüschel von ihm zu sehen. Dabei war er doch "da drüben" - offenbar nur eine Sesselreihe hinter dem Bildschirmrand - gesessen. Ausgesprochenes "Künstlerpech" für den kleinen Laiendarsteller: Aus dem erwarteten Ruhm als familiärer Fersehstar ist somit nichts geworden. "Aber vielleicht", denkt der medienerzieherisch ambitionierte Papa, "war's wenigstens eine nützliche Lektion darüber, wie Fernsehen funktioniert". Denn die Fernseh-Regel Nummer eins könnte man so formulieren: Die im Dunkeln sieht man nicht; wer die Welt durch ein kleines viereckiges Fenster betrachtet, kann nicht erwarten, "die ganze Wirklichkeit" zu sehen.
Confetti-TV, das Kinderprogramm des ORF, hatte die Kinder unserer Volksschule eingeladen, einmal Publikum bei der Kindershow "Confetti Clubbing" zu spielen. Aufgeregt hatte Tobias, der gerade erst seit einem Monat die Schule besucht, mit den anderen Kindern den Bus nach Wien bestiegen, um dort eien Blick hinter die Kulissen der großen weiten Fernsehwelt zu werfen. Müde und etwas überfordert von den Eindrücken und Anstrengungen einer intensiven Tagestour war er er dann abends aus dem Bus in Papas Arme gestolpert. Und der hatte ihn gleich über den Verlust seiner geliebten "Tom Turbo"-Kappe (auch ein Motiv aus dem Kinderfernsehen), die irgendwo auf dem Weg liegengeblieben war, hinwegtrösten müssen. Fernsehen kann jedenfalls ganz schön anstrengend sein, vor allem dann, wenn es nicht auf der Wohnzimmercouch, sondern vor der Kamera stattfindet.
Kinderfernsehen anders - Video statt TV-Programm
Im eigenen Heim sind unsere Kinder allerdings überhaupt nicht mit dem laufenden Fernsehprogramm konfrontiert. Denn vor ein paar Jahren - anläßlich des Umzuges von der Stadt aufs Land - wurde (dem Alter der Kinder entsprechend, einseitig von den Eltern) beschlossen, den Fernsehkonsum der Kinder nur noch in Form von Videos stattfinden zu lassen. Somit kennen Tobias und Daniel das Kinderprogramm im Fernsehen nur aus gelegentlichen Aufzeichnungen und von Besuchen bei Freunden und Nachbarn. Wir Eltern sind zwar nicht völlig fernsehabstinent, doch gibt es auch für uns zwei Einschränkungen: Erstens, "geglotzt" wird nur, wenn die Kinder bereits im Bett sind. Zweitens, auf Kabel- oder Satellitenfernsehen mit ihrer großen Zahl an zur Verfügung stehenden Programmen wird bewußt verzichtet. In Österreich bedeutet das zwei ORF-Programme, sonst nichts. Wenn auf beiden Kanälen nichts Interessantes läuft, wird eben nicht fergesehen. Es gibt ohnehin genug anderes zu tun.
Die bisherige Erfahrung mit der ausschließlichen Beschränkung auf Videos hat uns gezeigt, daß dies - jedenfalls bei einer Familie mit kleineren Kindern - einige große Vorteile hat:
Fernsehen ohne Grenzen - auch ohne Schranken?
Fernsehen ist - auch 40 Jahre nach seinem Siegeszug durch die Wohnzimmer - ein Medium, das bei vielen Eltern Abwehrreflexe auslöst. Diese Abwehrhaltung betrifft jedoch weniger das eigene Fernsehverhalten als das der Kinder. Die große Zahl der Kanäle, die über Kabel oder Satellit empfangen werden können, macht es immer schwieriger, Kinder, vor allem wenn sie unbeaufsichtigt fernsehen, von Programmen abzuschotten, die nicht für sie gedacht sind. Es gibt TV-Stationen, die auch tagsüber ausgesprochen gewalttätige oder pornographische Programme senden. Und eine deutliche, klare Kennzeichnung findet längst nicht überall statt. Medienpolitische Initiativen für Familien, wie etwa die Internetplattform "Mediapark", die allgemein viel Nützliches zur Orientierung im Mediendschungel bietet, fordern eine stärkere gesetzliche Regulierung samt Kennzeichnungspflicht. Im internationalen Verbund haben solche Initiativen immerhin erreicht, daß sich kürzlich die Kommission der Europäischen Union mit mit der Problematik intensiv auseinandergesetzt und Vorschläge zu effektiveren Kinder- und Jugendschutzbestimmungen vorgelegt hat, die in ihre Richtlinie "Fernsehen ohne Grenzen" einfließen sollen.
Daß Gewalt, Pornographie und dergleichen in den Medien auf Kinder und Jugendliche schädliche Einflüsse haben können, wird heute von Experten kaum mehr bestritten. Diskussionen gibt es allenfalls darüber, unter welchen Bedingungen sie zustande kommen und wie stark sie sind. Ziemlich sicher ist mittlerweile, daß Kinder, die in einem seelisch schwer belastenden familiären Umfeld aufwachsen, in dem unter Umständen Gewalt (auch "nur" in Form seelischer Gewalt) eine größere Rolle spielen, viel stärker von Mediengewalt beeinflußt werden als Kinder, bei denen das nicht der Fall ist.
Allerdings geht eine derart eindimensionale Betrachtung der Medien - im speziellen Fall des Fernsehens - am Verständnis der vielfältigen (positiven und negativen) Einflüsse der Medien vorbei. Das Fernsehen als dominierendes Familienmedium wirft daher viel mehr Fragen auf, die von besorgten Eltern immer wieder gestellt werden. In Büchern und auch im Internet gibt es mittlerweile viele gute Ratgeber, die bei der Bewältigung familiärer Fernsehprobleme helfen können.
Leben im Medienverbund - Alltag als Inszenierung
Kinder in der modernen Wohlstandsgesellschaft wachsen in einer "Medien-Welt" auf. Das müssen wir als Eltern zur Kenntnis nehmen. Wir tun daher gut daran, uns von den einfachen und hauptsächlich auf ein Massenmedium - nämlich das Fernsehen - fixierten Vorstellungen zu lösen. Medieneinflüsse aller Art durchdringen unser Leben, selbst dort, wo wir sie gar nicht als solche wahrnehmen. Denn auch Produkte, die wir gebrauchen oder konsumieren, sind heute Teil der Medienwelt. Womit Kinder dabei konfrontiert sind, konnte ich erst kürzlich bei einem Besuch mit meinen Kindern in einem großen Spielwarengeschäft studieren: Dort ist etwa eine ganze Abteilung der Pokémon-Leidenschaft der Kinder und allem dazugehörigen Zubehör gewidmet - vom Videospiel über Aufkleber und Sammelhefte bis zu Spielzeug-Pokémons und natürlich Themenzeitschriften und Nachschlagewerken. Als Vater stehe ich etwas hilflos daneben, wenn mein Sohn über eine Stunde lang an der Spielkonsole steht (zuhause hat er übrigens keine!), mit anderen Kindern "fachsimpelt" und mich nebenbei über die Eigenschaften der verschiedenen Pokémon-Fantasywesen aufzuklären versucht. Kinder tauchen offenbar gerne in eine Parallelwelt ein, die Vätern und Müttern ein "spanisches Dorf" bleiben wird, auch wenn es mittlerweile auch für sie Nachhilfekurse in "Pokémonologie" gibt. Eigentlich müßte man ja "japanisches Dorf" sagen, denn hier werden Grundmuster traditioneller japanischer Spiele (z.B. "Stein-Schere-Papier") erfolgreich ins Computerzeitalter übertragen.
Wir alle, Erwachsene wie Kinder, leben heute in einer Art Medienverbund. Das heißt, ein großer Teil unserer Lebenswelt ist "inszenierte Wirklichkeit": Morgens höre ich die Radionachrichten über die aktuellste Regierungskrise, am Abend sehe ich in den Fernsehnachrichten die dazugehörigen Politikergesichter, am nächsten Tag lese ich die Zeitung mit Analysen und Kommentaren dazu und schließlich diskutiere ich das gleiche Thema noch mit meinen Kollegen beim Mittagessen in der Kantine. Und Fernsehsendungen, wie "Big Brother" oder "Taxi Orange" begnügen sich nicht damit, uns über die Mattscheibe zu beglücken, sondern verfügen über ein ausgeklügeltes Drumherum, wie Internetseiten, Begleitzeitschrift, Publicity in anderen Zeitschriften und Zeitungen samt zusätzlicher Vermarktung in diversen Produkten. Je nach individueller Lebensweise bleibt also mehr oder weniger Raum für die ureigene persönliche Interpretation all dessen und für die "wirkliche Wirklichkeit", in der die Massenmedien keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Medienwelt der Kinder - gestern und heute
Die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen wird nach demselben Prinzip angesprochen, nur daß sich Kinder in einem viel intensiveren Entwicklungsprozeß befinden als Erwachsene und dementsprechend stärker beeinflußbar sind. Außerdem ist die Zahl der verfügbaren Medien, die heutige Kinder und Jugendliche nutzen können, wesentlich größer als in der Kindheit der heutigen Eltern- und Großelterngeneration. In meiner Kinder- und Teenagerzeit, den Sechziger Jahren, verschlang ich Bücher aller Art, von Märchen über Karl May und Robinson Crusoe bis zu populärwissenschaftlichen Wälzern. Neben meinem Bett lag ein Stapel - hauptsächlich gebraucht erworbener - Zeitschriften, vor allem über Natur, Technik und Reise; daneben stand ein altes Radio aus den Vierziger Jahren, aus dem Beatles und Simon & Garfunkel tönten. Fernsehen fand meist nur einmal pro Woche für eineinhalb Stunden statt - anläßlich des Besuchs bei meiner Tante, die einen Stock tiefer wohnte; meine Eltern stiegen erst in den Siebziger Jahren ins Fernsehzeitalter ein.
Eine kürzlich in Deutschland durchgeführte Befragung von Kindern über ihr Mediennutzungsverhalten brachte hingegen folgende Ergebnisse: "Ihre Freizeit verbringen die Kinder zu zwei Dritteln zu Hause. Mit zunehmendem Alter steigt dieser Anteil sogar noch weiter. Bei den ausgeübten Freizeitbeschäftigungen zu Hause finden sich Print, Radio, Fernsehen und Computer auf den vorderen Plätzen. Insgesamt werden etwa 70 % der häuslichen Freizeit mit diesen Medien verbracht. Kein Wunder, denn das geflügelte Wort vom 'Medienparadies Haushalt' ist nicht abwegig. TV- und Radioprogramme sind permanent verfügbar, durch die Erwachsenen sind meist Tageszeitungen und diverse Illustrierten vorhanden. Dazu kommen die Kinder- und Jugendzeitschriften sowie Kinderbücher und Comics." Auch wenn Kinder außerhalb der Schule Bücher lesen, dann haben diese Bücher oft einen starken Bezug zu anderen Medien, vor allem zum Fernsehen. Fernsehserien, aber auch Kinofilme, finden ihren Niederschlag in diversen "Büchern zur Serie oder zum Film", in denen man in aller Ruhe das Gesehene oder Versäumte oder auch allerlei Hintergrund nachlesen kann. Auch entsprechende Magazine füllen die Zeitschriftenregale.
Pokémon, Sailor Moon, "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", "Big Brother" oder bestimmte Musikrichtungen zu verteufeln nützt nichts - das steigert sogar, vor allem bei pubertierenden Jugendlichen, deren Attraktivität -, aber Eltern und Lehrer können sehr wohl etwas tun, um zu verhindern, daß sich Denken und Erleben der Kids zu sehr in einer bestimmten Medienrealität im Kreis zu drehen beginnt. Spätestens dann, wenn sich das Leben hauptsächlich um die Stars einer Seifenoper dreht, alles Taschengeld in die Anschaffung von Videospielen und deren Zubehör fließt oder die Telefonrechnung durch Dauer-Chatten im Internet ins Unermeßliche steigt, müssen sich Eltern fragen, ob ihre Kinder hier nicht einen wesentlichen Mangel im Familienklima kompensieren und alle unerfüllten Wünsche in ihre Medienwelt projizieren. Diese Probleme gibt es nicht erst seit dem Aufkommen von Fernsehen und Internet und betreffen natürlich nicht nur Kinder. Das Erscheinen von Goethes Jugendroman "Die Leiden des jungen Werther" im vorigen Jahrhundert hatte durchaus gefährliche Folgen: Das Buch, mit dessen Handlung sich manche von Liebeskummer geplagte junge Menschen allzusehr identifizierten, löste eine Selbstmordwelle aus. Und völliger Realitätsverlust durch zu intensiven Konsum von Karl May-Romanen soll auch schon vorgekommen sein. Allerdings ziehen ständig verfügbare Medien, die bewegte Bilder liefern, wie eben das Fernsehen, die Aufmerksamkeit gerade der Kinder besonders effektiv in ihren Bann.
Alles von selbst? - Was bleibt für die Medienerziehung?
Heutige Kinder lernen einen selbstverständlichen und durchaus selektiven Umgang mit diesen Medien. Doch nicht alle wichtigen Fähigkeiten, die Kinder zum souveränen Umgang mit dem medialen Überangebot brauchen, lernen sie "von selbst" und "automatisch". Wer sich nur jene Inhalte "reinzieht", die den höchsten Unterhaltungswert oder praktischen Nutzen haben, wählt bewußt aus. Die Frage ist nur, ob das nicht auf Dauer zu einer ziemlich einseitigen, oberflächlichen Lebenshaltung führt. Trotz aller Fertigkeiten im raschen Hin- und Herzappen zwischen verschiedenen Medien, Kanälen und Inhalten brauchen Kinder die bewußte, manchmal recht mühsame, konfliktträchtige Begleitung der Eltern, Lehrer und anderer erwachsener Bezugspersonen, um zu einer eigenständigen, aktiven Haltung im Umgang mit den Medien zu finden.
In gewissem Maß sind Kinder, ebenso wie Erwachsene (die Welt des Fußballspiels ist ein gutes Beispiel dafür), auf eine gemeinsame Symbol- und Bedeutungswelt angewiesen, um unter Gleichaltrigen mitreden zu können, ob das nun das Walt Disney-Universum, oder die Fantasywelt von Pokémon oder Harry Potter ist. Wer jedoch sonst kaum etwas kennt, der versäumt vieles, was für die Persönlichkeitsentwicklung sehr wichtig sein kann. Besonders Eltern und Lehrer sollten Kinder auch mit Inhalten bekannt machen, die sich nicht so sehr in den Vordergrund drängen wie jene, die gerade "mega-in" sind. Dazu müssen sie sich sowohl auf die Medienwelt der Kinder einlassen - sie also durchaus ernst nehmen -, als auch überlegen, welche anderen attraktiven Medien- und Real-Erlebnisangebote sie ihnen zur Erweiterung und Vertiefung ihres Weltbildes machen können. Wer niemals Schokolade gegessen hat, kann nicht beurteilen, ob sie ihm schmeckt oder nicht.- Nur was man kennt, kann man selbst bewerten und sich dann dafür oder dagegen entscheiden.