Familie ist nicht
gleich Familie

Gedanken über die
emotionale Qualität
menschlicher Beziehungen



Empirische Untersuchungen haben die unersetzbare Bedeutung einer intakten Familie für die gesunde psychische und soziale Entwicklung der Heranwachsenden erwiesen. Andererseits haben sie die fatalen, nicht selten lebenslangen Folgeschäden bei den Kindern zerstörter oder geschädigter Familien aufgezeigt. Die Folgen zerfallender Familien für die Gesellschaft sind u.a.: ein Verlust an Bindungs- und Liebesfähigkeit und damit ein genereller Verlust an Menschlichkeit, eine erhebliche psychische Labilität und damit Anfälligkeit für Drogen oder ideologische Verführung aller Art, sowie eine wesentlich größere Anfälligkeit für Gewalt und alle möglichen Formen von Kriminalität.
Versagt die Familie als Ort, wo der Mensch Geborgenheit, Zuneigung, Wohlwollen Wertschätzung, Achtung, Respekt, Liebe erlebt, ist ein tiefgreifender Verlust an Menschlichkeit die Folge. Denn das Maß der in einem Volk herrschenden Menschlichkeit hängt nicht nur von den politischen und rechtlichen Strukturen ab, sondern in hohem Umfang auch von der Intaktheit seiner Ehen und Familien.

Sozialer Friede und soziale Kompetenz beginnen in der Familie

Wo Menschen zusammenleben, stoßen unterschiedlich Anschauungen, Wertehaltungen, Vorstellungen, Interessen aufeinander, sind Konflikte vorprogrammiert. Vorprogrammiert ist allerdings nicht, wie diese Konflikte ausgetragen werden, ob sie nämlich konstruktiv, oder mit Macht und Gewalt gelöst werden. Kriege beginnen bekanntlich in den Köpfen und Herzen der Menschen, Frieden hat dementsprechend auch dort seinen Ausgangspunkt.
Wir alle wünschen uns, dass unsere Kinder einmal glücklich und erfolgreich sein werden. Wir wünschen uns, dass sie in einer Gesellschaft aufwachsen, die frei ist von Kriminalität, Drogen und Gewalt, dass sie die Schönheit der Natur durch eine unversehrte Umwelt erleben können, vor allem aber, dass so schreckliche Ereignisse wie Kriege nie erleben müssen. Wie können wir dazu beitragen, dass dies nicht nur ein frommer Wunsch bleibt?
Die heutige Gesellschaft bietet für unsere Kinder perfekte Ausbildungsmöglichkeiten für ihre materielle Zukunft. In den Schulen und Universitäten werden sie auf das Berufsleben vorbereitet. Die Frage ist, unternehmen wir genug Anstrengungen, um z.B. bei unseren Kindern die Qualitäten und Fähigkeiten zu fördern und zu entwickeln, die sie für ein friedvolles Zusammenleben brauchen, Kompetenzen, die sie befähigen, ihre Beziehungen positiv zu gestalten.
Auf zwei Komponenten möchte ich hier kurz eingehen: auf die Entfaltung der emotionalen Intelligenz und auf die Entwicklung der Herzensqualitäten.

Die Entfaltung der emotionalen Intelligenz

Lange Zeit galt der Intelligenzquotient (IQ) als die wichtigste Komponente bei der Bewertung, ob ein Mensch erfolgreich sein wird oder nicht. Dementsprechend wurde auch in den Erziehungs- und Bildungssystemen auf die Entfaltung und Förderung des Intellektes großer Wert gelegt.
In Anlehnung an den IQ prägten Peter Salkovey und John Mayer (2 amerikanische Psychologen) den Begriff "emotionale Intelligenz" und "emotionalen Quotienten (EQ)". Gemeint ist damit die Fähigkeit mit den eigenen und mit den Emotionen anderer intelligent umgehen zu können. Wer in der Lage ist, seine eigenen Emotionen selbst in ein inneres Gleichgewicht zu bringen, gibt dem Verstand die Möglichkeit, zur Vernunft zurückzukehren. Menschen, die ihre Gefühle vernünftig lenken und angemessen ausdrücken können, tragen viel dazu bei, dass im Zusammenleben schädigende Stimmungen und Handlungen vermieden werden, so dass ein Klima des Vertrauens und der Fairness herrschen kann. Glaub-und Vertrauenswürdigkeit, sowie Integrität sind die natürliche Folge.
Ohne wegen der kurzen mir zur Verfügung stehenden Zeit auf die verschiedenen Aspekte der emotionalen Intelligenz eingehen zu können, möchte ich zusammenfassend nur sagen, dass in der Kindheit ganz stark die emotionalen Muster geprägt werden, die dann im Leben bei der Gestaltung der Beziehungen immer wieder zur Anwendung kommen.
Gerald Hütler, Neurobiologe aus Göttingen meint: "Kinder ohne emotionale Bindungen werden in einer selbst gebastelten, egoistischen Welt groß. Hier liegen die Wurzeln für Gewalt und Ausländerhass."
Eine emotionale Sättigung in der Kindheit, ein angemessener Umgang mit den Emotionen ist sicher eine wichtige Komponente für die Gestaltung von Beziehungen, die von Liebe, Respekt und Achtung getragen sein sollen. Richtig gelingen kann dies erst auf der Grundlage der Entfaltung der Herzensqualitäten.

Entfaltung der Herzensqualitäten

In der Vereinigungsphilosophie (Unification Thought, Dr. Sang Hun Lee, Anmerkung der Redaktion) wird der Geist des Menschen u.a. mit den folgenden vier Aspekten beschrieben. Herz, Gefühl, Verstand und Wille. Auch hier wird klar zwischen Herz und Gefühl differenziert. Ebenso hat Erich Fromm sehr klar herausgearbeitet, dass Liebe mehr ist als ein Gefühl.
Als Herz (Shimjong, Anmerkung der Redaktion) wird in der Vereinigungsphilosophie der eigentlich-ursprüngliche, authentische und essentielle Aspekt in der menschlichen Persönlichkeit bezeichnet. Das Herz wird als der Sitz der tiefen Sehnsüchte, vor allem des ununterdrückbaren Verlangens Freude durch Liebe zu erleben beschrieben. In ihm sind der Sinn des Lebens, der Berufung und der Bestimmung, sowie die Grundwerte menschlicher Existenz und der Liebe verankert. Es ist die Brücke zum Transzendenten, es ist die Quelle intuitiver Weisheit und der Ausgangspunkt der Liebe im Menschen.
Wilhelm J. Ouweneel meint: "Der Mensch ist eine Einheit, die als Bild Gottes bezeichnet wird, mit dem Herzen als Zentrum des menschlichen Seins. In diesem Herzen scheint die ganze Einheit des Menschen als Bild Gottes zutreffend zu sein." Weiterhin meint er: "Im Herzen findet der Mensch seine unverbrüchliche Einheit, hier kommen alle Aspekte und Strukturen seines Seins zusammen. Hier liegt das Ureigenste des Menschen."
So wie alle Dinge in der Natur ein innewohnendes Programm haben, wonach sie leben, genauso tragen wir Menschen als Krone der Schöpfung und als Ebenbild Gottes die göttliche Natur und Ordnung in uns, die uns anleitet, im Sinne des Gemeinwohls zu leben. Rev. Moon spricht von einer Kultur des Herzens, die es als Voraussetzung für den Frieden zu errichten gilt. Je mehr jeder von uns zu sich selbst findet, je mehr wir aus dem Innersten heraus, vom Herzen her leben, um so mehr werden wir frei und angeleitet, sich für den Anderen zu öffnen und auf ihn einzugehen. Vom Herzen kommt die Kraft für das Mitgefühl, die Anteilnahme, die Zuwendung, die Hilfsbereitschaft, in Bezug auf jemand Anderen zu leben. Im Herzen lebendig zu sein, macht das Leben wertvoll. Denn das, was den Menschen wirklich zum Menschen macht, scheint mit dem Lieben-Können verbunden zu sein. Erst wenn der Mensch seine Fähigkeit zu lieben voll entfaltet, wenn er in allen Bereichen, in allen Aktivitäten ein liebevolles Verhalten an den Tag legt, entfaltet er voll und ganz sein innerstes Potential. Menschen, die aus ihrem Innersten heraus, vom Herzen her leben, entdecken sich selbst neu, ohne im Ego zu versumpfen. Sie kümmern sich um andere, ohne sie zu bevormunden. Sie gestalten eine friedliche Welt, ohne sie zu beherrschen. Sie leben mit der Natur, ohne sie auszubeuten.
Die optimalste Voraussetzung und Rahmenbedingung, um die Qualitäten des Herzen zu entwickeln, ist die Erfahrung der Liebe in der Familie.

   


Die Bedeutungsebenen von Ehe und Familie für die Entfaltung der Herzensqualitäten

Persönlichkeitsentfaltung in der Partnerschaft


Jeder Mann und jede Frau haben beide Aspekte, männliche und weibliche in sich, allerdings in unterschiedlich starker Ausprägung. Eine Beziehung zum anderen Geschlecht eröffnet z.B. dem Mann einen natürlichen Zugang zu seinen weiblichen Aspekten, die er in sich trägt und der Frau zu ihren männlichen Aspekten.
Ein Mann kann erst sein volles männliches Potential entfalten, wenn er den weiblichen Teil in sich integriert hat; genauso kann eine Frau erst ihr volles weibliches Potential verwirklichen, wenn sie ihren männlichen Aspekt bewusst integriert hat. Der Weg zum eigenen "Ich" führt somit über ein "Du", denn jedes Mal, wenn ich mich in ein "Du" investiere, trägt das zur Selbstverwirklichung bei.
Die Partnerschaft stellt einen idealen Rahmen dar, in der unsere Liebesfähigkeit zur Reife gelangen kann. In der Partnerschaft werden wir mit unseren Gefühlen, Stärken und Schwächen, mit unserem ganzen Wesen konfrontiert. Unsere Beziehung bietet uns immer wieder neue Möglichkeiten, unsere Grenzen zu erweitern und dadurch zu wachsen. Sobald die Ehe kein gemeinsamer Wachstumsprozess mehr ist, sondern ein Zustand, stirbt die Liebe ab.

Vollendung der Liebesfähigkeit als Eltern

Wir sollten die Erfahrung zulassen, dass Kinder uns in unserer Liebesfähigkeit fördern. Kinder bringen Dinge, die in uns selbst nicht stimmig sind, ans Licht. Sie konfrontieren uns nach und nach mit den Dingen, die uns von uns selbst und vom wirklichen Leben trennen. Durch die Elternschaft erhalten wir die Chance, unsere Potential der selbstlosen und bedingungslosen Liebe zu vervollkommnen. Kinder sind durch ihre natürliche Spontaneität ein hervorragender Lehrer.
Abgesehen von der unterschiedlichen Erziehungsrolle, die Vater und Mutter einnehmen, brauchen Kinder einander liebende Eltern. Nur so können Kinder Liebe lernen. Liebe lernen heißt Vorbilder sehen, die Achtung voreinander haben, die Fürsorge füreinander zeigen, die Bereitschaft und Fähigkeit entwickeln einander zu verstehen und zu verzeihen und die sich nicht gegeneinander ausspielen. Vorbild sein heißt aber nicht "heile Welt" vorleben, sondern aufrichtig sein. Es heißt nicht "Fassade" sein und nicht Forderungen aufstellen, die man selbst nicht erfüllt. Man sagt nicht umsonst: Gute Ehen sind die beste Erziehung.

Familie als Baustein der Gesellschaft

Die Partnerschaft und Elternschaft stellt eine große Chance dar, zu reifen, ganz zu werden, wahre Liebe zu entfalten, die Masken, die Rollen, den Schein abzulegen und echt zu werden. Wir sind in der Familie aufgefordert, uns ganz auf die Beziehung einzulassen und uns selbst zu geben. Ehe und Familie ist somit ein Weg, den wir gemeinsam beschreiten, um durch die Liebe das zu werden, was wir wirklich sind, ein Wesen der Liebe.
Liebe als Weg zu einer erfüllten Partnerschaft und Elternschaft ist auf Echtheit gegründet, wenn sie nicht auf die Beziehung zum Partner und zu den Kindern begrenzt bleibt. Liebe in der Familie ist nicht eine Verengung der Menschheitsliebe, sondern ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Menschheitsliebe. Sich für die Liebe zu entscheiden ist unteilbar. Es bedeutet Zuwendung, Achtsamkeit, Anteilnahme und Wohlwollen - in angemessener Weise - allen Geschöpfen und Dingen gegenüber, es beinhaltet aufrichtiges Geben ohne zu fordern und zu erwarten. Daraus entsteht Nähe, Geborgenheit und Solidarität.

Mit folgenden Gedanken möchte ich meine Ausführungen abschließen. Familie ist nicht gleich Familie. Sicherlich ist die Familie die unersetzbare Keimzelle für den Frieden in der Gesellschaft und schließlich in der Welt. Jedoch ist die Familie kein Automatismus. Die Tatsache, dass Menschen Familien gründen, heißt noch nicht, dass allein dadurch schon die Grundlagen für eine geistig stabile Gesellschaft gelegt sind. Auf die Qualität der Familien, oder in anderen Worten, auf die Lebendigkeit der Beziehungen in den Familien kommt es an. Daher wäre es sehr wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, wie die Familie gestärkt und gefördert werden kann, damit sie eine Qualitätsebene erreicht, auf der die Menschen ihre emotionalen Bedürfnisse erfüllen können und glücklich werden.

Siegfried Klammsteiner, Institut zur Förderung sozialer Kompetenz
Der hier veröffentlichte Beitrag wurde anlässlich einer Konferenz der
Interreligiösen und Internationalen Föderation für Weltfrieden in Berlin,
Anfang Dezember 2000, erarbeitet.