Konsumgemein-
schaft Familie

Wie Eltern und Kinder gemeinsam das richtige Maß finden und Suchtgefahr vorbeugen können.

Einkaufen mit Kindern kann zur Qual werden: Das ist eine Erfahrung, die Eltern immer wieder machen. Kurz nachdem wir an unseren jetzigen Wohnort übersiedelt waren, konnten unsere Kinder (damals beide im Vorschulalter) kaum einen der für sie neuen Supermärkte betreten, ohne uns zumindest um eine eine Süßigkeit oder ein kleines Spielzeug anzubetteln. Diese Dinge sind ja auch zu verführerisch kurz vor der Kassa und zudem schön in Augenhöhe der Kinder platziert. Allzuoft ließen wir uns bei entsprechender Beharrlichkeit zumindest zu einem Kompromiß erweichen, und kauften fast jedes Mal eine Kleinigkeit.

Allmählich wurde uns aber klar, daß es so nicht weitergehen konnte. Und wir Eltern entschlossen uns einseitig, auf Bettelei nicht mehr einzugehen und auf derartiges Verhalten im Gegenteil mit noch größerem Kaufunwillen zu reagieren. Allmählich entwickelten sich daraus Gewohnheiten, sozusagen ungeschriebene Regeln, für den wochenendlichen Familien-Großeinkauf, die für Eltern und Kinder akzeptabel sind und den Ablauf für beide Seiten erträglich machen. Jetzt nutzen die Kinder die Verkaufstricks teilweise kostenlos zu ihrem Vorteil aus und verbringen einen großen Teil der Einkaufszeit vor dem Regal mit Spielzeugen, Kinderbüchern und Comics sitzend und "konsumieren" diese gemeinsam, ohne auf die Idee zu kommen, daß sie diese unbedingt "haben", wir sie also kaufen müßten. Wenn einmal doch gekauft wird, ist es kein "Muß-Kauf", sondern eine bewußte Entscheidung, manchmal als Überraschung geplant - ohne Wissen der Kinder. Wenn sich Papa oder Mama hie und da eine Computerzeitschrift, ein Familienmagazin oder ein Heft mit Bastelvorlagen kaufen, dann ist eben auch für die Kinder gelegentlich etwas dabei.

Daß wir eine Familie von Asketen wären und daß wir aufgrund von irgendwelchen Patentrezepten keine Probleme mit kindlichem Konsum mehr hätten, können wir nicht behaupten. Der in einer Wohlstandsgesellschaft oft recht billig erreichbare Überfluß an Spielzeug, Süßigkeiten, Kleidung und dergleichen stellt ganz andere Anforderungen an Eltern und Kinder als die knapperen Verhältnisse unserer eigenen Kinderzeit. Doch die eine oder andere Situation haben wir mit einer bewußteren Einstellung zum Konsum mittlerweile "im Griff".

"Weniger.... ist oft mehr"

Ein Buch, das Eltern auf der Suche nach dem richtigen Maß eine gute praktische Hilfe sein kann, ist der im Kösel-Verlag erschienene Ratgeber "Weniger.... ist oft mehr" von Andrea Braun. Die Autorin, deren besondere Arbeitsgebiete Kindergarten- und Volksschulpädagogik sowie die Suchtvorbeugung sind, will kein allheilendes Patentrezept für alle kindlichen Konsumprobleme vorstellen, sondern versucht einerseits das Bewußtsein der Hintergründe und Ursachen für Probleme zu schärfen und andererseits praktische, teils selbst ausprobierte, Erziehungsmethoden, wie etwa den "spielzeugfreien Kindergarten" oder das "spielzeugreduzierte Zuhause" anzubieten.

Das Buch geht von der Annahme aus, daß die Grundlagen von Suchtproblemen von Jugendlichen oder Erwachsenen zu einem wesentlichen Teil bereits im Vorschul- und Schulalter von Kindern gelegt werden und man daher in diesem Alter auch schon vorbeugen kann. "Sucht" kann nämlich vieles sein, nicht nur die physische Abhängigkeit von illegalen Drogen, wie Heroin und Kokain oder legalen, wie Alkohol und Nikotin. Menschen können spielsüchtig, arbeitssüchtig, fernsehsüchtig, eßsüchtig und eben auch kaufsüchtig oder konsumsüchtig sein. Jede Art von Konsum oder Tätigkeit kann auch als Ersatzbefriedigung dienen, wenn menschliche Grundbedürfnisse, wie Zuwendung und Liebe oder Achtung vor der Person und persönlicher Freiraum nicht in ausreichendem Maß vorhanden sind. Besonders Kinder, die aufgrund der familiären Umstände unter solchem Mangel leiden, neigen zu geringem Selbstvertrauen, das sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzt. Sie sind anfällig für Sucht.

Kinder sollten daher sowohl zuhause als auch in Kindergarten oder Schule lernen, nicht zu sehr davon abhängig zu sein, daß ständig neue Konsumgüter, Spielsachen oder Essen in Hülle und Fülle verfügbar sind und alle Wünsche immer rasch erfüllt werden. Wer ein starkes Selbst entwickelt hat, kann auch mit scheinbar geringen Mitteln kreativ umgehen und dabei Befriedigung erleben. Auch Gruppendruck, ständig das Neueste, Beste und Modischeste haben zu müssen, halten solche Menschen besser stand.

Eltern sind die ersten und intensivsten Vorbilder ihrer Kinder

Die praktische Orientierung des Buches, das keinesfalls indoktrinieren, sondern zu eigenem Nachdenken und zum Ausprobieren eigener Wege anregen will, illustrieren einige Zitate aus dem Buch:

Die Qualität des Erlebnisses steckt nicht in den Dingen selbst, sondern in der Beziehung zu ihnen

Das Buch arbeitet sehr gut heraus, daß der Drang, ständig Neues haben und konsumieren zu müssen und sich so ständig Befriedigung und Glück "auf Knopfdruck" zu erwarten, nicht zu mehr Freiheit, sondern zur Abhängigkeit führt. Neues zu erleben und auch zu haben ist natürlich. Doch das Erlebnis des Neuen, Anregenden und Interessanten kommt eigentlich nicht aus den Dingen selbst, sondern daraus, wie wir mit ihnen in Beziehung treten. Spielzeuge, die längere Zeit auf dem Dachboden, in einem Schrank oder im Keller verbracht haben, eines Tages aber wieder hervorgeholt werden, sind so interessant, als ob sie neu wären. Die Qualität des Erlebnisses mit den Dingen, die uns täglich umgeben, oder die wir gelegentlich hervorholen, hängt nicht unbedingt davon ab, ob sie spektakulär oder teuer sind.

Die Wirtschaft, als Grundlage materiellen Wohlstandes, lebt davon, daß produziert und konsumiert wird. Andernfalls wäre Massenarbeitslosigkeit und erzwungener Konsumverzicht die Folge. Das Was und Wie von Produzieren und Konsumieren läßt sich aber sehr wohl auch von den Konsumenten beeinflussen, ohne daß es zu solchen drastischen Folgen kommen muß. Im Gegenteil: Es könnte dabei eine andere Art von Wohlstand entstehen, der humaner und umweltverträglicher ist und weltweit mehr Menschen zugute kommt. Kinder sind jedenfalls die Bürger, Produzenten und Konsumenten der Zukunft: Die Wirtschaft und der Wohlstand der Zukunft entstehen also jetzt - in den Familien, Schulen und Kindergärten.

Ein Aspekt, der aufgrund der praktischen Ausrichtung des Buches eher ausgespart bleibt, spielt dennoch eine wichtige Rolle dabei, welche Einstellung zu den Dingen und zum Kaufen und Konsumieren Kinder erlernen: die Wertorientierung der Eltern. Eltern, die immateriellen Werten, den geistig-seelischen Aspekten des Lebens, einen hohen Stellenwert einräumen, und diese Haltung auch in attraktiver Weise weitergeben können, haben es sicher leichter, mit ihren Kindern das ihrer Familie gemäße, gesunde Maß zu finden.

Friedrich Moshammer
 

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Weniger... ist oft mehr

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