Wie Männer zuhören und Frauen einparken

Sind Männer und Frauen gleichwertig? Ja. Haben Männer und Frauen die gleichen Fähigkeiten und Anlagen? Nein, sie sind so verschieden wie Tag und Nacht. Dieses Thema behandeln die australischen Kommunikationstrainer Allan und Barbara Pease in ihrem Buch "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken".
Auf den ersten Blick fühlte ich mich an John Gray erinnert mit seinem Buch "Männer sind anders. Frauen auch. Männer sind vom Mars Frauen von der Venus." Doch abgesehen von der Tatsache, dass Männer und Frauen als sehr verschieden beschrieben werden, gehen Gray und Pease von sehr unterschiedlichen Positionen aus.
Allan und Barbara Pease sind im anglikanischen Sprachraum durch ihre Seminare bekannt geworden und mit Publikationen zum Thema Körpersprache. Im vorliegenden Buch beschreiben sie ihren Zugang zur Thematik: "Wir beschäftigen uns hauptsächlich mit einer relativ jungen Wissenschaft, der Soziobiologie - der Erklärung unseres Verhaltens anhand unserer Gene und unserer Evolution." Damit ist auch schon der Zwiespalt beschrieben, der sich für mich beim Lesen dieses Buches eröffnete. Zum einen beschreiben die Autoren eine Fülle von unterschiedlichen Merkmalen von Mann und Frau, die sehr hilfreich sein können für ein besseres Verständnis zwischen den Geschlechtern. Zum anderen tun sie das aus einer sehr reduzierten Sicht: Evolution und Gene. Der Geist des Menschen, seine spirituelle Dimension scheint nicht existent zu sein. So finden sich dann Formulierungen wie: "Die meisten Menschen wehren sich gegen die Vorstellung, dass sie einem Tier ähneln. Sie verschließen ihre Augen vor der Tatsache, dass 96 Prozent von dem, wa sie in ihrem Körper haben, auch im Körper eines Schweines oder eines Pferdes enthalten sind. Wir unterscheiden uns uns einzig und allein dadurch von anderen Tieren, das wir denken und Zukunftspläne schmieden können."
Wem es gelingt, diese reduktionistische Barriere zu übersteigen und nach Bereichen zu suchen, wo das soziobiologische Erklärungsmodell hilfreiche Erkenntnisse zu Tage fördert, kann trotzdem etwas aus diesem Buch gewinnen.
Als Beispiel sei das Zuhören genannt. Pease verweist darauf, dass eine Frau in zehn Sekunden bis zu sechs verschiedene Gesichtausdrücke annehmen kann, mit denen sie auf Gefühle des Gesprächspartners reagiert. Eine Frau würde die Bedeutung dessen, was gesagt wird, aus dem Tonfall der Stimme und der Körpermimik des Sprechers herauslesen. Männer hingegen hören was den Gesichtsausdruck betrifft viel unbewegter zu. Sie haben ihr Gesicht mehr unter Kontrolle. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie keine Gefühle hätten. Gehirn-Scans würden ergeben, dass Männer Gefühle genauso stark wie Frauen erleben, es jedoch vermeiden würden, sie so offen zu zeigen wie Frauen.
Es gäbe auch prinzipielle Unterschiede im Sehvermögen von Mann und Frau. Frauen haben ein weiteres pheripheres Blickfeld und können verschiedene Dinge gleichzeitig wahrnehmen. Männer hingegen tendieren dazu, ein Objekt zu sehen und das auf größere Entfernungen. Ihr Sehvermögen entspricht mehr dem eines Fernrohres. Das Gesichtfeld der Frau ist sowohl in vertikaler als auch in horizontaler Richtung breiter gestreut. Das hat seine Vorteile und seine Nachteile. Für den Mann ist es zum Beispiel schwieriger, einen bestimmten Gegenstand im Kühlschrank, in einer Schublade oder in einem vollen Kasten zu suchen. Sein "Tunnelblick" kann dazu führen, dass er vor lauter Wald den Baum nicht sieht. Andererseits kann er Gegenstände auf weitere Entfernungen besser wahrnehmen, was unseren Vorfahren beim Jagen und Sammeln zugute gekommen sein soll.

Karl Ebinger