Familie im "globalen Dorf" Das Internet bietet viele großartige Möglichkeiten, es kann aber auch einsamer machen und Lebensfreude stehlen, wenn wir nicht aufpassen, wie wir es verwenden. ![]()
Grüße aus Amerika von den lieben Verwandten, total informiert von den fast täglich eintreffenden Nachrichtenbriefen, die ich abonniert habe, aktuelle Telefonnummern und Eisenbahnfahrpläne nachsehen, Nachrichten und Wetterbericht zu jeder Zeit zur Verfügung haben, mit Freunden oder auch wildfremden Menschen diskutieren: Seit kurzem ist das alles kein Problem mehr - jedenfalls "im Prinzip".
In unserer Familie hat ein neues "Familienmitglied" Einzug gehalten, nachdem es mir schon als "Arbeitskollege" durchaus vertraut war - das Internet. Doch die Umstände, unter denen ich - und vorläufig bin ich die einzige Mittelsperson der Familie - das Internet am Arbeitsplatz kennengelernt habe, sind durchaus andere als jene zuhause: Dort steht mir ein Computer auf dem neuesten Stand zur Verfügung, für die Lösung technischer Probleme sorgen Experten, und um die Telefonrechnung brauche ich mich ebenfalls nicht zu kümmern.
Zuhause ist alles anders: Mein Computer hat schon einige Jahre auf dem Buckel, im Zeitalter der sich überschlagenden technischen Entwicklungen also schon fast ein Methusalem. Auf diese Weise hat mich das neue Familienmitglied schon in Beschlag genommen, bevor ich überhaupt einen ersten Blick auf die Seiten des World Wide Web werfen oder meine ersten E-mails abrufen konnte. Erst nach einigen Wochen Grübelns, Probierens und schließlich professioneller Hilfe schaffte ich es, meinen Computer für das Internet bereit zu machen. Eine Zeit also, in der meine wirklichen Familienmitglieder Geduld mit mir und meinen Stimmungsschwankungen haben mußten, die zwischen euphorisch und depressiv pendelten. Jetzt ist der technische Teil vorläufig geschafft, unsere kleine Gemeinschaft ist sozusagen "ans Weltall angeschlossen"; mit gewissen Alterserscheinungen meines Computers muß ich mich vorläufig arrangieren. Die anderen elektronischen "Familienmitglieder", Fernsehen, Radio und Telefon haben einen festen - wenn auch manchmal in Zweifel gezogenen - Platz.- Sie waren ja schon "immer da". Mit dem Internet ist es anders. Da fängt alles erst an. Wie wird sich der Mitbewohner auf unsere Beziehungen, auf unser Befinden und auf unsere Sicht der Umwelt auswirken?
Erfahrungen im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten"
Nach dem Einzug des Internets und seinen revolutionären Möglichkeiten an meinem Arbeitsplatz wurde mir bei einem Besuch in Amerika klar, daß fast alle unsere Verwandten dort auch zuhause bereits einen Internet-Anschluß hatten. Sogar die Schwiegermutter war über das Fernsehen mit dem weltweiten Netz verbunden. Da müßte es doch schon einige Erfahrungen geben, dachte ich, wie sich das Internet im Haushalt auf das Zusammenleben auswirkt. Auch die Wissenschaft sollte sich mit dem brandheißen Thema bereits beschäftigt haben, geht es doch um nichts weniger als um den Einfluß einer revolutionären Technik auf die Grundlagen unserer Gesellschaft. Doch erst nach einem Hinweis in meiner Zeitung fand ich (selbstverständlich im Internet), was ich suchte: die (auch in Amerika!) erste gründliche wissenschaftliche Untersuchung dessen, wie das Internet das Leben der Menschen und der Familien verändert.
Internet im Haushalt - Projekt "Home Net":
Psychologen und Soziologen einer technischen Universität starteten das Projekt "Home Net" (siehe dazu auch den Link in der Navigationsleiste), das 73 Haushalten mit insgesamt 169 Personen einen
Computer und einen Internet-Zugang zur Verfügung stellte, die bisher keinen gehabt hatten. Die Teilnahmer mußten nur damit einverstanden sein, den Umfang, in dem sie das Internet nutzten, speichern zu lassen, und den Forschern zu Beginn und dann nach ein oder zwei Jahren wieder ein ausführliches Interview zu geben.
Überraschende Ergebnisse
Die Ergebnisse waren auch für die Forscher etwas überraschend, verwendeten sie doch selbst das Internet schon seit einiger Zeit - vor allem am Arbeitsplatz -, wo sie fast nur positive Erfahrungen damit machten.
Viel Zeit im Internet - weniger Gespräch und Lebensfreude
"Wir waren überrascht, daß etwas, das eigentlich eine soziale Technologie ist, solche antisozialen Konsequenzen hat", kommentiert Robert Kraut, jener Professor, der das "Home Net"-Projekt leitete, die Ergebnisse: Obwohl die Menschen in der Studie vor allem E-Mail und andere Kommunikationsangebote im Internet intensiv nutzten, stellte sich in der Studie heraus, daß im selben Maß wie die Zeit, die im Internet verbracht wurde, zunahm, das Gespräch mit Familienmitgliedern ebenso abnahm wie die Zahl der Freunde und Bekannten, mit denen man regelmäßig Kontakt hatte. Außerdem war eine Zunahme von Gefühlen der Einsamkeit und depressiven Stimmungen festzustellen.
Freunde im "wirklichen Leben" sind oft unbequemer, aber wichtiger
Die Forscher des Projekts "Home Net" haben sich auch Gedanken gemacht, warum intensive Verwendung des Internet negative Konsequenzen haben kann: "Für viele Leute ist das Internet vor allem praktisch, und sie haben viel Spaß dabei. Man braucht sich nicht schön anzuziehen, um Leute zu treffen, um etwa an einer Gruppendiskussion teilzunehmen oder seinen Bruder in Alaska zu kontaktieren. 'Gespräch' im Internet macht also Spaß. Aber es beansprucht Zeit und Aufmerksamkeit, die im 'wirklichen Leben' abgehen. Der Teenager, der in seinem Zimmer eifrig mit irgendwelchen Personen geschriebene Botschaften austauscht, statt draußen mit seinen Freunden Ball zu spielen oder auf eine Party zu gehen, wo er noch kaum jemanden kennt. Freunde im wirklichen Leben sind oft unbequemer, aber sie sind die Menschen, die eine größere Rolle im Leben spielen - diejenigen Menschen, die einen als Person kennen und daher auch eine soziale Stütze für einen sein können. Natürlich kann das Internet auch ein sozialer Rettungsanker sein - wenn es wirklich keine Freunde in der Nähe gibt. Aber sogar in diesem Fall wäre es vielleicht besser, wenn uns das Internet helfen könnte, Menschen in unserer Umgebung zu finden als solche, die irgendwo leben, und die genauso schnell aus unserem Leben verschwinden können wie sie hereingekommen sind."
Internet-Freunde sollten wir auch im realen Leben treffen
Tridas Mukopadhyay, einer der Forscher, drückt das Problem so aus: "Es stimmt schon, daß das Internet es uns ermöglicht, viele Menschen kennenzulernen, die wir sonst nicht treffen würden. Man kann E-Mail verwenden, in 'Chat Rooms' gehen, sich in Versandlisten oder 'Newsgroups' eintragen.... Natürlich kann man auch im World Wide Web 'surfen' soviel man will. Der springende Punkt dabei ist, daß 'Cyber-Freundschaften' im Internet gut sein mögen, wenn man sonst keine Gelegenheit hat, Menschen zu treffen. Aber sie sind kein guter Eratz für Freundschaften im wirklichen Leben. Tatsächlich ist es eher so, daß man jemanden, den man im Internet kennengelernt hat und den man mag, gerne direkt treffen würde." Projektleiter Robert Kraut fügt aus seiner perönlichen Erfahrung hinzu: "Ich zum Beispiel finde es sehr praktisch, per Internet mit meinen Kollegen an meinem alten Arbeitsplatz Kontakt zu halten. Die Frage ist jedoch, ob mir die Zeit, die ich in diese E-Mail-Nachrichten stecke, nicht anderswo abgehen und mich das daran hindert, starke Freundschaften in meiner gegenwärtigen Arbeitsumgebung oder meinem Wohnumfeld aufzubauen."
Ist Internet besser oder schlechter als Fernsehen?
Auch den Autoren der "Home Net"-Studie ist klar, daß das Internet natürlich nicht in eine Familienidylle eindringt, in der es noch keine störenden "Untermieter" gibt. Andere Medien, wie Telefon, Radio, Fernsehen, Video, Videospiele, Zeitungen oder Bücher sind ja längst da, und jede Familie hat ihre mehr oder weniger gute Art, mit ihnen umzugehen. Gerade beim Internet, und hier besonders dem World Wide Web mit seinen vielen bunten Seiten und sogar bewegten Bildern, ist anzunehmen, daß zumindest ein Teil der Zeit dafür vom Fernsehkonsum abgezweigt wird. Projektleiter Robert Kraut meint dazu: "Wenn Leute fernsehen, Videospiele spielen oder sogar lesen, dann ziehen sie sich für eine Weile vom Kontakt mit anderen zurück. Wir können nicht direkt vergleichen, ob eine Stunde Internet besser oder schlechter ist als eine Stunde Fernsehen. Andere Forscher haben beim Fernsehen ähnliche Wirkungen festgestellt wie wir beim Internet. Meine persönliche Meinung ist ähnlich der, die einige an der Studie beteiligte Eltern geäußert haben. Sie glauben, daß die Online-Aktivitäten ihrer Kinder zwar Zeitverschwendung sein mögen, aber jedenfalls eine bessere Zeitverschwendung als Fernsehen, weil es sie persönlich mehr herausfordert, sie aktiv einbezieht, und weil damit mehr soziale Kontakte und Bildungsmöglichkeiten verbunden sind.
Das Internet bietet viel Positives, doch Übermaß ist schädlich
Tridas Mukopadhyay, einer der Autoren, hält das Internet für eine Technik, die in Zukunft nicht mehr wegzudenken sein wird und die sehr wertvolle Hilfen für Informationsgewinnung, aber auch für die Kommunikation bietet. Ob aber die positiven Effekte eventuelle negative Erscheinungen überwiegen, hängt wie in der Medizin von der "Dosis" ab, wie auch die Sozialwissenschaftlerin Sara Kiesler mit drastischen Vergleichen illustriert: "Viele Leute tun Dinge im Übermaß. Sie essen am Abend schachtelweise Eis, rauchen drei Schachteln Zigaretten oder sitzen zehn Stunden auf einmal vor dem Computer. Viele Leute wissen sehr gut, wenn sie sich in einer Gefahrenzone befinden, und sie müssen selbst entscheiden, ihr Verhalten zu ändern. Die meisten Leute jedenfalls sehen das. Wir planen unsere Projektteilnehmer in dieser Hinsicht weiter zu beobachten, um zu sehen, wer seine Online-Zeiten reduziert und wer nicht und wie diese Verhaltensänderungen ihr Wohlbefinden beeinflussen."
Auch Tips für Eltern geben die Forscher. Robert Kraut erzählt von den Erfahrungen in der eigenen Familie: "Meine Kinder, die im Teenager-Alter sind, haben Zugang zum Internet, und ich zahle dafür, da ich offensichtlich der Auffassung bin, daß das Internet wertvoll für sie sein kann. Aber wir haben dem Ausmaß der Computer-Verwendung Grenzen gesetzt. Ich habe mit meinen Kindern auch über die Ergebnisse unseres Forschungsprojekts und Schlußfolgerungen daraus gesprochen; ich habe sie dazu ermuntert, sich selbst zu beobachten wie sie selbst das Internet verwenden. Ich versuche sie dazu anzuregen, wirkliche soziale Aktivitäten zu betreiben - Freizeit-Klubs im Umkreis der Schule oder Jugendgruppen der Religionsgemeinschaft, Freunde besuchen, freiwillige soziale Aktivitäten. Als Eltern weigerten wir uns auch, den Computer in ihrem Zimmer aufstellen zu lassen, sodaß wir beobachten konnten, wie intensiv sie in benutzen." Forscher-Kollege Tridas Mukopadhyay ergänzt: "...das Beste ist, man stellt den Computer an einem öffentlich zugänglichen Platz auf - zum Beispiel im Wohnzimmer oder in der Küche, und nicht im Keller oder im Kinderzimmer. Das wird automatisch dazu führen, daß die Kinder das Internet nicht zu viel verwenden."
Internet als Treffpunkt für Freunde, Familienmitglieder,...
Eine sozialere Verwendungsweise können sich die Forscher ebenfalls vorstellen. Robert Kraut etwa sieht Möglichkeiten in der Unterstützung schon existierender - und zwar im wirklichen Leben bestehender - Beziehungen: "...zum Beispiel haben Schulabsolventen eine Nachrichten-Versandliste eingerichtet, sodaß sie auch später noch zueinander Kontakt halten konnten, wenn sie zum Beispiel woanders studierten. Sie konnten im Voraus Treffen und Aktivitäten organisieren, wenn sie in den Ferien zurückkamen. ...Das erscheint mir eine gesündere Verwendung zu sein als die Leute dazu zu ermuntern, Diskussionen mit Fremden zu führen. Noch besser wäre es, Dienste anzubieten, die von vornherein den Austausch in bestehenden sozialen Gruppen fördern. Zum Beispiel könnten Schulen Freizeit-Klubs oder Hausarbeits-Gruppen online anbieten." Die Autoren erwähnen auch einige kommerzielle Angebote, die diese Marktlücke entdeckt haben, so etwa die Freundesgruppen, die man durch Eintrag in eine Liste bei einem Anbieter (zum Beispiel bei ICQ oder AOL) bilden kann. Für diese Personen, zu denen man ein persönliches oder auf gemeinsame Aktivitäten gegründetes Naheverhältnis hat, ist man dann prinzipiell immer dann erreichbar, wenn man "online" am Computer sitzt (und wenn meistens auch die Telefonleitung dadurch blockiert ist).