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Karl Ebinger schreiben

 

Rückzug der Eltern?

Erziehen ist herausfordernd


Unter dem kämpferischen Titel "Die Erziehungskatastrophe - Kinder brauchen starke Eltern" hat die deutsche Journalistin Susanne Gaschke ein neues Buch herausgebracht. Die Autorin arbeitete 4 Jahre im Politik-Ressort der Zeit und schreibt seit kurzem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Sie lebt mit ihrer Familie in Kiel und hat eine Tochter.

Ihre Analyse dessen, was sie als Erziehungskatastrophe bezeichnet, geht von Beobachtungen in Deutschland aus, ist jedoch für den deutschen Sprachraum insgesamt relevant.

Ihrer Meinung nach zeigen viele Jugendliche heute eine "Artikulationsschwäche". "Es fällt Jugendlichen schwer zu sagen, was sie wollen. Die Gründe dafür mögen von mangelnden Deutschkenntnissen bis zum jahrelangen Fehlen eines Gegenübers reichen, mit dem sie hätten Konversation treiben können. Besonders ausgeprägt scheint ihr Widerwille, sich mit einer Meinung zu gesellschaftlichen oder politischen Angelegenheiten nach vorne zu wagen."

Außerdem stehe das "Ich" bei den Jugendlichen schon relativ allein im Zentrum ihrer Sorgen. "Die augenblicklichen Befindlichkeiten des Ichs, Lust, Unlust, vor allem Spaß, sind sehr wichtig." Und das Fernsehen spiele eine wichtige Rolle, der Wissenserwerb aus Büchern und Zeitschriften trete in den Hintergrund.

Sehr ausführlich analysiert die Autorin das gesellschaftliche Umfeld in Deutschland und die Situation der Familien. Zum einen gäbe es in Deutschland immer weniger Familien mit Kindern. Dort wo es Kinder gibt, ist die Erziehung, trotz bestem Bemühen der Eltern, in vielen Fällen mangelhaft.

Generell sieht Susanne Gaschke das gesellschaftliche Klima durch die "Nebenfolgen" der 68er-Bewegung geprägt, die sie wie folgt beschreibt: "... die latente Feindseligkeit gegen gewachsene Strukturen und Traditionen jeder Art, die in der neuen Unübersichtlichkeit Orientierung und Identität hätten stiften können; die Verunglimpfung der zivilisierten Umgangsformen; die Relativierung aller Tabus (auch jener, die etwa Kinderpornographie oder Rechtsextremismus einzudämmen geholfen haben mögen); die Entwertung von Liebesbeziehungen zu Konsumgütern. In der heutigen Erziehungspraxis sind diese Haltungen kein bewußtes Programm, sondern bewußtlose Ablagerungen, die mit der natürlichen menschlichen Bequemlichkeit eine zähe Verbindung eingehen."

Die Eltern würden an vielen Fronten kämpfen: "... gegen Zeitnot und Geldmangel, gegen das Unverständnis und die Rücksichtslosigkeit der Single-Gesellschaft, gegen die eigene Erziehungsverunsicherung und den Zeitgeist, der das Recht der Kinder auf Erziehung vergessen hat; gegen die kommerzielle Vereinnahmung der Kinder als Konsumentenzielgruppe ...".

Die Autorin tritt dafür ein, daß Eltern ihre Erziehungsaufgabe wieder stärker wahrnehmen. Sie verweist darauf, daß der Schritt, Eltern zu werden in einer Weise zur Reifung der Persönlichkeit beitragen kann, wie das sonst nur schwer möglich ist.

Susanne Gaschke fordert den Leser zum Nachdenken heraus, sie berührt mit ihren kritischen Fragen viele wunde Punkte. Doch würde man sich auch mehr Ansätze erwarten, die "Erziehungskatastrophe" sinnvoll zu bekämpfen, alternative Verhaltensweisen aufzuzeigen.

Die Grundforderung "Kinder brauchen starke Eltern", rief in mir noch einen verwandten Leitspruch wach, der eher in der Psychologie Gehör findet: "Kinder brauchen sich liebende Eltern". Von einer guten Partnerschaft, scheint mir noch am ehesten die Kraft auszugehen, gegen die gesellschaftlichen Windmühlen anzukämpfen.
Karl Ebinger
Susanne Gaschke, Die Erziehungskatastrophe - Kinder brauchen starke Eltern, DVA, München 2001.
 

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