Erziehen Sie zeitgemäß ?

"Magst Du lieber Orange oder Zitrone ?" fragte die Mama ihre Dreijährige, die im Einkaufswagen sitzend die Hände nach dem Stapel Getränkeflaschen ausstreckt. Die Antwort ist für aussenstehende nicht unbedingt verständlich, allerdings scheint sie auch Mama nicht genau zu verstehen. "Orange oder Zitrone ?", fragt sie noch einmal, mit einem leicht resignativen Ton, der sich einstellt, wenn man bemerkt, dass man immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Antwort verändert sich kaum. Nach einigen Wiederholungen klingt beim fünften Mal "Orange oder Zitrone ?" doch schon sehr laut, knapp an der Grenze der Selbstbeherrschung. Da die Antwort kein bisschen verständlicher geworden ist, wird es Mama zuviel: es gibt eine Watsche und je eine Flasche Orange und Zitrone.

Ist es nun mehr oder weniger Autorität, die die Eltern einsetzen sollen? Sollen Sie mehr Zeit ins "Überzeugen" investieren ? Ist die Watsche am Schluss eine schädliche, eine unberechtigte, eine verständliche, verzeihliche oder gar eine "gsunde" ?

Viele Erwartungen stürzen auf die Eltern ein. Mit all diesen hohen Maßstäben fertigzuwerden wird zwar als anderen gegenüber als "normal" dargestellt, im persönlichen Gesprächen wird jedoch klar: der Druck auf die Eltern hat sich noch wesentlich erhöht.

Erziehung im Zeitgeist

Auch wenn die Wogen, die einmal von der antiautoritären Erziehung im Gefolge von A.S. Neill ("Das Prinzip Summerhill") schon längst nicht mehr hochgehen, das Thema Autorität in der Erziehung bleibt das eigentlich zentrale Thema. Wie ein Pendel schlagen die modischen Tendenzen in der Pädagogik hin und her. Bei den vielen anderen Themen, die man inzwischen selbstverständlich beherrschen sollte, ist es wahrlich nicht einfach, auch noch in den jüngsten Trends der Kindererziehung "up to date" zu sein. Ich wäre ja nicht überrascht, wenn nach den bahnbrechenden Erfolgen von Büchern wie "Internet für Dummies", "Aktienwissen in 15 Minuten" und vielen anderen bedeutenden Werken auch "wohlerzogene Kinder in 7 Tagen" publiziert würde.

Der größte Nachteil an jedem Ratschlag für Eilige aber ist, dass es schon einige Zeit braucht, die Situation ausreichend zu verstehen, um sie dann auch zu bewältigen.

So manche öffentliche Situation wie auch diejenige im Supermarkt lässt uns nach einem genialen Kniff sehnen, mit der man diese Situation "gekonnt", still und unauffällig löst. Boshafterweise ist mit zunehmenden Alter die Lösung nicht ein Ablenkungsmanöver und andere gute alte Tricks. Von Jahr zu Jahr mehr ist hingegen natürliche Autorität erforderlich, die aber nur durch eigene Glaubwürdigkeit "gespeist" werden kann. So manches Mal muss man dann wirklich Nein sagen zu verschiedenen Dingen. Unser Vertrauenskonto sollte dann schon ein gewisses Guthaben aufweisen, und nach einer einzigen Abhebung nicht bereits überzogen sein.

Einen wichtigen Unterschied zu einem Geldkonto gibt es allerdings doch: In Beziehungen kann man selbst mit einer riesengroßen Einzahlung einen negativen Kontostand nicht aufheben. Hier ist Beständigkeit und Verläßlichkeit erforderlich. Aber auch dafür gibt es eine zeitgemäße Lösung: Richten wir einfach einen Dauerauftrag ein !




  

Florian Kliman