Urvertrauen selber bauen?
Was die kindliche Seele bewegt
Es ist schon einige Zeit her, da machte ich mir Gedanken darüber,
was so ein kleiner Erdenbürger in seinen ersten Tagen, Jahren,
für Leistungen vollbringt und was er so alles lernt. Dabei
betrachtete ich seinen Körper, seinen Verstand. Was passiert
aber in seiner kleinen Seele?
Jeder hat schon gelesen oder gehört, dass die ersten 3 Lebensjahre
entscheidend sind für ein Kind. Aber, warum ist das so? Stellen
Sie sich eine weiße Leinwand vor. So unbelastet ist die
Psyche eines Babys, sieht man davon ab, was schon in der Schwangerschaft
oder durch Erbschaft in ihr abgebildet ist. Nun aber erlebt das
Kind jede Sekunde irgendeinen Eindruck, den es in Kategorien „wohltuend“
oder „nicht wohltuend“ speichert. Diese Gefühle
sind verbunden mit Erlebnissen. Weitere Erlebnisse werden bereits
im Vergleich zu den vorangegangenen gespeichert. Es gibt in der
Psychologie den Ausdruck „scanning function“-das ist
die Überprüfung von Ereignissen auf der bestehenden
Basis des vorher Erlebten, bevor sie gespeichert wird.
Nun können wir uns vorstellen, wie unsere Denkkonzepte, besonders
aber unsere emotionalen Muster zustande kommen. Das Gesicht der
Mama, die zu uns freundlich blickt, erleben wir als wohltuend.
Außerdem nimmt sie uns in den Arm, liebkost uns, spricht
mit uns freundlich. Das speichern wir. Wenn Mama wieder nahe kommt,
freuen wir uns schon. Wenn das aber nicht so ist, speichern wir
andere Erlebnisse mit Mama. Vielleicht sogar negative, die dann
Gefühle von Angst, Unsicherheit, Unzulänglichkeit und
ähnliches hervorrufen. Deshalb stimmt wohl der Spruch: „Wenn
du einem Kind oft genug sagst, dass es dumm ist, wird es dumm.“
Deshalb ist es vielleicht wichtig, nicht „Du wirst gleich
herunterfallen“ zu rufen, wenn der Junior gerade Baumkronen
erforscht, sondern es positiv zu formulieren: „Halt Dich
bloß fest!“
Natürlich haben wir nicht nur Mama um uns, sondern, je älter
wir werden, umso mehr Menschen, mit denen wir etwas erleben. Die
frühen Erfahrungen sind es, die uns prägen. In Situationen,
in denen wir abhängig sind, lernen wir, mit Autoritäten
umzugehen. In Situationen, in denen es um Vertrauen geht, lernen
wir, uns fallen zu lassen – oder auch nicht. Ich habe oft
genug den Ausspruch gehört: „Traue nie Erwachsenen“
oder „Man kann sowieso niemandem vertrauen“. Nun kann
ich verstehen, woher das wohl kommt.
So entstehen Erfahrungen emotionaler Natur von der ersten Minute
des Lebens an. Manchmal gibt es auch sehr schmerzhafte Erfahrungen.
Die schieben wir dann tief hinunter in unser Unterbewusstsein.
Doch sie sind da und lauern. Sind wir in einer Situation, in der
wir uns sicher fühlen, kommen sie – mit aller Gewalt!
Und wir reagieren unadäquat heftig und können uns das
gar nicht erklären. Schon gar nicht unser Partner, der sich
doch eben bemüht hat, uns Sicherheit und Geborgenheit zu
geben! Aber gerade deshalb wagten sich die Gefühle ans Tageslicht!
Wenn uns das bewusst wird, können wir viel bewusster handeln,
sprechen oder reagieren. Auch können wir in Betracht ziehen,
dass so manche „starke“ Reaktion unserer Lieben um uns
gar nicht uns gilt, sondern aus einer alten Wunde entsteht. Wenn
wir uns diese Gefühle erst mal anschauen, was das wohl ist,
was uns auf die Palme bringt oder Angst entstehen lässt und
dann mit Verständnis damit umgehen, können wir langsam
sogar unsere alten Wunden heilen. Und, wenn uns das bewusst ist,
werden wir vielleicht auch bewusster mit unseren Jüngsten
umgehen. Susanne Trucka-Benes