Zeitsprung und persönliche Erlebnisse

Als ich als kleines Kind zum erstenmal ohne meine Eltern, die zur Oper gegangen waren, zu Hause blieb, fühlte ich mich nicht ganz wohl in meiner Haut. Diese Unsicherheit wich aber bald einer Faszination, die von den Erzählungen meines Großvaters, der bei mir geblieben war, ausging. Er war 1880 geboren worden, ein Datum, welches mich als solches schon beeindruckte. Das war voriges Jahrhundert!

Obwohl meine Großeltern nicht arm waren, hatten die Kinder ein Paar Schuhe für den Winter, sonst liefen sie barfuß. Es gab noch einen Kaiser, das Leben damals unterschied sich stark von dem meinigen, sogar schon vor 40 Jahren. Da war es bereits unvorstellbar, keine Schuhe zu tragen, einen Kaiser oder König kannte ich nur aus Märchenbüchern - und dann eben aus den Erzählungen meines Großvaters. Er war lebendige Geschichte, über eine Jahrhundertwende sogar!

In den vergangenen zehn Jahren bis heute bitten mich die Kinder meiner tschechischen Freunde immer wieder, von meinen Erlebnissen aus der Zeit des Kommunismus zu erzählen. Ich beschreibe dann das flaue Gefühl bei jedem Grenzübertritt in die CSSR, wie die Willkür der Grenzbehörden entschied, ob wir 3 oder 5 Kilo Orangen und Bananen über die Grenze bringen durften, ob wir Kleidung für unsere Verwandten mitnehmen sowie verschiedene Gegenstände, die bei uns ausgedient hatten, dort aber dringend gebraucht wurden oder schlicht Abwechslung in den „Einheitsalltag“ des sozialistischen Bruderstaaten des Weltreiches UdSSR - Sowjetunion brachten. Ich erzähle von meinen Erfahrungen mit der Geheimpolizei und wie ich meine verlorene Heimat in Emigrantenkreisen in Wien wiederfand.

Die Kinder meiner Freunde, nun um die 20 Jahre alt, hängen dann mit großen Augen an meinen Lippen und fragen immer weiter. Meine anfängliche Befremdung darüber klärte sich in dem Moment auf, als mir bewußt wurde, daß sie diese Zeit selbst noch gar nicht oder als kleine Kinder erlebt hatten. Spielen, Freunde und Schule standen damals im Mittelpunkt ihres Daseins. Die Politik dieser Zeit ist für sie Geschichte, die ich nun lebendig verkörpere.

So relativ ist Zeit! Das, was uns beeindruckt, was verantwortlich dafür ist, daß uns Dinge in Erinnerung bleiben, sind Veränderungen, sind starke Gefühle. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß mein Großvater jemals vom Silvester des Jahres 1900 oder meine Eltern von irgendeinem Jahreswechsel erzählt hätten. Auch in meiner Erinnerung gibt es keine Silvesternacht, die größere Bedeutung hatte, als meine Freunde, meine Heirat, die Geburt meines Kindes oder - außerhalb meines Privatlebens - der Einmarsch der Warschauer- Pakt-Staaten in die CSSR 1968, oder die Charta 77 der Menschenrechtsbewegung in der CSSR, mit deren Vertretern ich dann jahrelang Kontakt pflegte und schließlich die politische Wende 1989. Da gab es Gefühle! Das waren Ereignisse, die mich zum Lachen und zum Weinen brachten!

Auch mein Großvater erzählte von Dingen, die ihn beeindruckt hatten, zum Beispiel, als er barfuß durch den Wald lief, um seinem Vater die Geburt seiner Schwester zu melden, er sprach vom Ersten Weltkrieg, von seiner Reise nach Wien und von seiner ersten Arbeit. Meine Großmutter erzählte, wie sie immer von Wien mit dem Fahrrad nach Südmähren in ihren Geburtsort fuhr. Meine Mutter sprach davon, wie sie in jedem Sommer ihre Tanten und Onkeln zu Fuß in verschiedenen Dörfern besucht hatte, sie erzählte von der sommerlichen Hitze und vom Geruch der Stoppelfelder. Sie beschrieb mir ihre Freundin, mit der sie täglich Klavier spielte, von meinem Vater, als sie ihn kennenlernte, vom Krieg und der Geburt ihrer Kinder. Von meinem Vater erfuhr ich viel über die Großherzigkeit meiner Großmutter, über den Fleiß meines Großvaters, davon, wie er und sein Bruder mit einem „Fetzenlaberl“ Fußball gespielt und sie die kleine Schwester inzwischen an der Torstange angebunden hatten (oh, diese Buben!). Er erzählte von seinem Fußmarsch im Krieg durch Rußland, als ihm einige Zehen abfroren, wie er in Kärnten bei einem Bauern im Kriegsdienst ein Pferd aus den Hochwasserfluten der Drau rettete und wie er sich schließlich trickreich durch alle besetzten Zonen nach Wien durchschlug.

Nun steht uns eine Jahrtausendwende bevor, aber auch nur, weil sich ein Papst Gregor einen Kalender, eine Zeitrechnung, ausgedacht hat, die für einige andere Gegenden der Erde gar nicht gültig ist, wo es eine andere Zeitrechnung gibt. Nicht einmal Neujahr wird auf der ganzen Welt am gleichen Tag gefeiert! Wozu also nervös werden wegen unseres Millenniums? Ja, es wird eine Jahreswende geben, auch eine Jahrtausendwende. Wir werden uns darauf (krampfhaft?) vorbereiten, damit die Feier „ultrageil“ wird. Wir werden uns durch bunte Feuerwerke beeindrucken lassen, die Pummerin wird wie immer läuten und der Donauwalzer wird gleich lang dauern wie in den Jahren zuvor. Viele aber werden schon vor Mitternacht schlafen, manche werden schon lange vorher betrunken sein, weil sie gar zu toll feiern wollten, andere werden unglücklich oder verzweifelt sein - was gibt´s zu feiern? Ja, wir werden statt drei Neunern und dem Einser „2000" schreiben; sieht kurios aus, nicht? Das wär´s dann aber auch schon.

Erinnern werden wir uns aber an ein Jahrtausend vom Mittelalter bis zur volltechnisierten Welt, mit Meilensteinen der Entwicklung, wie zum Beispiel die Einteilung der Erde in Erdteile und Länder vom Mittelalter an bis heute, an Kriege und Pest, Ritter und Könige, Klöster und Burgen. Wir werden uns an die Einführung der Schulpflicht erinnern, an Maria Theresia und Prinz Eugen, an Martin Luther King und Ghandhi, an die Declaration of Human Rights, an technische Erfindungen und Highlights der Forschung, an Maler und Architekten, an Skandale, noch mehr aber an Fortschritte im Bereich der Humanität und Menschenwürde, an Leute wie Mutter Theresa und an die beeindruckenden Erlebnisse unseres persönlichen Lebens.

Mein Sohn wird vielleicht auch einmal erstaunt feststellen, daß seine Eltern und sogar er selbst in einem anderen Jahrtausend geboren wurden, wichtig wird ihm aber sein, was ihn glücklich gemacht hat!

Susanne Benes

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