Potentiale für das 21. Jahrhundert

 

Zwischenmenschliche Beziehungen als kritischer Faktor

Motto:
Wir brauchen die zunehmende Fähigkeit, nicht nur Gutes zu wollen, sondern auch Gutes zu tun, in einer Welt, in der sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zum Besseren verändern.

 

Zum Ausklang des 20. Jahrhunderts erleben wir in vielen Lebensbereichen einen Bewußtseinswandel mit ungeheurer Sprengkraft. Auf der einen Seite ist vieles im Niedergang: Moralischer Verfall, Familientragödien, verschiedene Suchtformen, Umweltkatastrophen sind eine Realität in unserer Welt. Andererseits sind es oft kleine Gruppen von Menschen, die sich alternativen Lebensformen zuwenden oder Teilaspekte einer neuen Lebenskultur verwirklichen. Sie werden zu Vorreitern von Entwicklungen, die das Potential haben, das 21. Jahrhundert nachhaltig zu prägen.

Situation der Familien
Einerseits gibt es mehr Scheidungen. Zerbrochene Beziehungen werden nicht mehr um jeden Preis oder wegen gesellschaftlicher Konventionen aufrecht erhalten. Die Kinder aus diesen Ehen leiden unter dem Verlust des gemeinsamen Elternhauses. Andererseits suchen Menschen nach echten Beziehungen und tiefen Bindungen. Familie hat für sie einen hohen Stellenwert. Sie stellen höhere Ansprüche an sich, auf die Würde der Mitmenschen Rücksicht zu nehmen. Gleichzeitig jedoch wollen sie selbst entsprechend behandelt werden. Dort, wo sich die Eltern Zeit nehmen, ist viel Unterstützung und Förderung für die Kinder da.

Gewalt in der Familie
Zunehmend wird das Thema Gewalt in der Familie angesprochen. Gewalt gegenüber Kindern, Gewalt gegenüber dem Ehepartner. Die Dunkelziffer ist nach wie vor hoch. Die Tatsache, daß hier mehr Sensibilität in der Öffentlichkeit gegenüber solchem Fehlverhalten existiert, zeigt eine Richtung auf. Dieses Problem ist nicht nur durch Maßnahmen seitens der Gesellschaft zu lösen. Es wird notwendig sein, den Bereich Persönlichkeitsentwicklung und die Fähigkeit Beziehungen zu gestalten, mehr zu betonen. Es gibt heute ein großes Angebot an Seminaren, Kursen, Selbsthilfegruppen, um sich in dieser Richtung weiterzubilden.

Sexueller Mißbrauch
Vermehrt werden Maßnahmen zum Schutz von Kindern überlegt. Das Problem ist jedoch nur im Gesamten zu lösen, die Verfolgung der Täter ist nur der erste Schritt. In diesem Zusammenhang ist auf eine widersprüchliche Entwicklung hinzuweisen: Einerseits empören sich viele Menschen beim Auftreten von sexuellem Mißbrauch von Kindern. Andererseits herrscht ab dem Teenageralter aufwärts eine zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber überzogener sexueller Freizügigkeit. Die jungen Menschen werden mit einem immer größeren Wertechaos im Bereich der Sexualität konfrontiert.

Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen
Die Zahl jener Menschen nimmt zu, die höhere Ansprüche an die zwischenmenschlichen Beziehungen stellen. Sei es nun in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Freizeit, - viele wünschen sich, partnerschaftlich miteinander umzugehen und in ihrer persönlichen Würde geachtet zu werden. Diese Entwicklung im Bewußtsein ist klar erkennbar. Es gibt den verbreiteten Wunsch, daß sich in dieser Richtung weitere Verbesserungen einstellen. Diese Wünsche zum realen Alltag werden zu lassen, ist erst ein weiterer Schritt.

Das Bewußtsein wandelt sich, bevor sich das Verhalten ändert
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit wurden hier einige Entwicklungen angesprochen, die das soziale Verhalten der Menschen betreffen. Es gibt einen eindeutigen Fortschritt im Bewußtsein, Dinge besser zu machen. Gleichzeitig fehlt oft noch die soziale Kompetenz, dieses Bewußtsein im realen Leben voll zu verwirklichen.

Das Bewußtsein um gute Familien, um Schutz vor sexuellem Mißbrauch, um gewaltfreien Umgang miteinander, um die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen, entwickelt sich. Dieser Bewußtseinswandel ist die wichtigste Voraussetzung, daß sich auch das Verhalten der Menschen in dieser Richtung ändern kann.

Karl Ebinger