Die Welt steht auf kan Fall mehr lang

Der Untergang von "oben" und "unten"

"Diamantring" um die Sonne am 11. August 1999Die Sonnenfinsternis 99 passte wie angegossen in das mediale Sommerloch. Tagelang lieferten die Naturgesetze eine perfekte Show. Obwohl alles auf die Sekunde perfekt berechnet war, so wurde doch auch denjenigen breiter Raum gegeben, die die Sonnenfinsternis unbedingt mit der bevorstehenden Jahrtausendwende verknüpfen wollten. Und - trotzdem man sich der Informationsflut kaum entziehen konnte und jedes Kind schon eine Menge über die Gründe eines solchen Ereignisses wussten, gab es doch auch Menschen, die sichtlich erleichtert waren, daß die Sonne wieder hinter dem Mond hervorkam.

In der Posse "Der böse Geist Lumpazivagabundus" macht sich Johann Nestroy (anno 1832) über die Weltuntergangsängste seiner Zeitgenossen lustig. Knieriem sinniert in einem Refrain: "Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang !".

So mancher esoterischer Deuter der diesjährigen Sonnenfinsternis vergaß zu Impressionen vom 11. August 1999erwähnen, dass etwa eine Sonnenfinsternis jährlich zu verzeichnen ist, dass diese seit Jahrhunderten erstaunlich genau berechnet werden konnten und auch antike Kulturen wie die Ägypter präzises Wissen über dieses wunderbare Naturschauspiel hatten. Und doch weist das enorm gewachsene Interesse an der eigentlich recht verläßlichen jährlichen Sonnenfinsternis auf ein gestiegenes Intersse an Informationen über die Welt außerhalb unserer Erde hin.

Das riesige Angebots an Fakten zur marketingbewußt "Sofi 99" genannten großen europäischen Sonnenfinsternis war in der Tat eine sehr günstige Gelegenheit, sein Die Sonnenfinsternis vom 18. Juli 1842persönliches Wissen über Astronomie zu verbessern. Das ausgeklügelte System der Jahreszeiten und der Mondphasen läuft schon seit Jahrmilliarden ab und ist in seiner Gesamtheit ein tagtägliches Wunder, größer noch als die nächstes Jahr wieder (in Afrika) zu beobachtende nächste Sonnenfinsternis. Der

Schon die Aussage vom "Untergang" der Welt reizt den astronomiekundigen zum Widerspruch. "Wo bitte" , möchte man am liebsten gleich einwenden, "wo bitte, ist unten ?" Schon auf unserer Erde gibt es in Sonnenkorona am 11. August 1999Wahrheit kein oben und unten. Auf den entgegengesetzten Teilen der Weltkugel stehen die Menschen Fußsohle gegen Fußsohle, erheben ihren Kopf gegen den Himmel und sehen dort Sterne und den Mond auf- und untergehen. Selbst Westen und Osten, Norden und Süden sind menschliche Kategorien und "Geschöpfe", die sich der Mensch für eine bessere Orientierung ausgedacht hat. Um wieviel mehr sind dann unsere Probleme zwischen Rassen, Religionen, Völkern und selbst Nationen Produkte unseres allzu begrenzten Denkens. Ein einziger Blick von außen kann auch hiefür sehr heilsam sein.

Man muß zugegebnerweise schon ein recht sturer Optimist sein, wenn man in der aufbrechenden Bewußtseinsänderung über die Rolle der Erde im Weltraum schon Hoffnung auf die Überwindung der realen irdischen Probleme sieht. Allerdings wird diese Art Optimismus in den kommenden Jahren sehr viel Unterstützung durch konkrete gut publizierbare Ergebnisse der Weltraumforschung erhalten. Immerhin schaffen aktuelle Bilder des Hubble-Teleskops und neuerdings des Röntgen-Teleskops Chandra auch heute schon den Sprung auf die vorderen Seiten der politischen Wochenmagazine und werden nicht mehr nur von wenigen Astronomie-Freaks registriert.

2019 ist das Jahr, für das eine zweijährige (!) Expedition von Menschen auf den Nachbarplaneten Mars geplant ist. Viele der Technologien, die hiefür gebraucht werden, müssen überhaupt erst erfunden werden, andere lesen sich wie kühne Theorien. So soll der Treibstoff für die Rückreise auf dem Mars selbst produziert werden ! Dennoch ist der Bann gebrochen, der Mensch bricht auf, seinen Lebensraum auszudehnen und das Sonnensystem zu kolonisieren.

Beispielloses Interesse begleitet die Sonnenfinsternis durch EuropaDer Blick aus Apollo-Mondmissionen zurück auf die Erde hat uns einige der berührendsten Fotos in der Menschheitsgeschichte gebracht: So sieht die Erde von außen aus ! Welch eine ungeheure Botschaft an uns Erdbewohner ist diese Aufnahme unseres blauen Planeten ! Ein flammender Apell zur Lösung der Probleme unter uns Menschen, unter Rassen, Völkern, Religionen !

Das wachsende Bewußtsein um die größeren Zusammenhänge unserer Lebensgrundlagen sind jene positiven Veränderungen, die tatsächlich eine neue Ära der Menschheit einleiten können. Solche Veränderungen allerdings brauchen Zeit, Jahrzehnte und Generationen. Umsomehr muß man in der Förderung jenes globalen Bewußtseins eine der vordringlichsten Aufgaben der Gegenwart sehen. Die Welt die untergeht,ist vor allem die Welt des "oben" und "unten".

 

Florian Kliman