Freundschaft heißt ...

Susanne Trucka-Benes ist Erzieherin und Seminartrainerin des Institutes zur Förderung sozialer Kompetenz. Sie schreibt in ihrem Beitrag über Aspekte, die für sie Freundschaft ausmachen.

Freundschaft steht für mich auf  3 Pfeilern:

Sympathie (damit unterscheidet sie sich von empathischen Beziehungen, die zum Beispiel Therapeuten und Klienten verbinden. Das wäre ein offenes aufeinander Zugehen, aber unverbindlich und zeitlich begrenzt. Ich muss mich auf den anderen nicht einlassen.) Sympathie jedoch bringt Gemeinsamkeiten in: Werten und Interessen, die Verbindlichkeit ist größer.

Toleranz  und Akzeptanz sind notwendig zum Erhalten einer Freundschaft, da kein Mensch dem anderen gleicht. Das bedeutet: Mit Neugier, mit Interesse auf den anderen zugehen ist "erweiternd". Ich kann mich selbst besser kennen lernen, da ein Gegenüber mir meine eigenen Eigenschaften spiegelt. Ich selbst kenne nur meinen Weg, ein Freund kann mir andere zeigen.

Weiters heißt das auch, den anderen auch mit seinen schwachen Seiten zu akzeptieren. Oft gibt es Freundschaften, die auch eine gewisse Bewunderung für den anderen beinhaltet, zum Beispiel für seine Intelligenz, Verlässlichkeit oder Kraft. Es ist aber zu berücksichtigen, dass ein Intelligenter auch Fehler machen kann, ein Verlässlicher auch etwas vergessen kann oder ein Starker schwach sein kann. Das ist oft eine Prüfung für eine Freundschaft!

Geben und Nehmen: Wenn eine Beziehung einseitig ist, kommt es dazu, dass man sich irgendwann, auch wenn man gerne gibt, ausgenützt fühlen kann. Erwartungen werden nicht erfüllt, es folgt Enttäuschung.  Also sollte es klar sein, mit wem ich eine Beziehung habe: Ein Mensch, der sehr bedürftig ist oder jemand, wo Geben UND Nehmen möglich ist.

Freundschaft heißt aber auch, jemanden ein Weilchen "durchzutragen", wenn es ihm nicht gut geht. Das bedeutet, dass Freundschaft existieren kann, wenn jeder auf seinen eigenen Beinen stehen kann. Die Phasen, wo einer mehr nimmt und der andere mehr gibt, könnte man vergleichen mit einer Krankheit, vielleicht einem Knochenbruch, bei dem es jedoch absehbar ist, dass wieder der Zustand der Gesundheit eintreten wird.

Einseitiges Nehmen ist vergleichbar mit der Beziehung zwischen Patienten und Therapeuten, es  muss einem klar sein, ob man das will und kann. Das heißt, Abgrenzung ist auch notwendig, also die Ehrlichkeit, zu sagen, wann Überforderung eintritt.

Einige zusätzliche Bemerkungen:

Beratung ohne Erwartung

Das heißt, Verständnis dafür zu haben, dass jemand seine Probleme anders als ich löst oder länger dafür braucht. Probleme haben immer Funktionen im Leben, sie sind da, um uns weiterzutreiben in unserer Entwicklung.

Freundschaft ist von Zeit und Ort unabhängig, deshalb ist mit obigen Voraussetzungen auch Freundschaft über kulturelle Grenzen hinweg  nicht nur möglich, sondern mit obgenannter "Neugier" sogar  faszinierend!

Freundschaft heißt für mich nicht, jemanden verändern zu wollen. Austausch, Dialog, Akzeptanz sind gerade hier wichtig. Wenn überhaupt eine Änderung sinnvoll ist, dann  kann sich ein Mensch nur selbst ändern. Dazu muss nicht nur Einsehen da sein (was man vielleicht auch durch Beratung bekommt), sondern das Neue muss einen Platz im Herzen haben, von dem aus es sich für das Leben in bestimmten Konsequenzen manifestiert.

Besonders wichtig ist auch die Frage, ob überhaupt eine Änderung notwendig ist. Daraus ergibt sich auch die Frage, ob ich fähig bin, mich einmal in der Welt des anderen umzusehen, seine Ansichten zu betrachten, ohne gleich im Hinterkopf zu haben, ihn von etwas anderem überzeugen, das heißt, ändern zu müssen, seine Musik zu hören, Bücher zu lesen, Filme zu sehen und zu verstehen  versuchen, was das für den anderen bedeutet, warum das so wichtig ist, dass das gerade so ist oder ihm gefällt. ERST DANN kann ich darüber diskutieren. (Ich persönlich bin gerade dabei, zu verstehen, was für meine Klienten im Heim Hardcore bedeutet, wie es möglich ist, dass man sich so eine "Musik" überhaupt ANHÖREN kann! Ich bin schon einige Schritte weiter, obwohl ich mir das sicher nie anhören werde und immer noch glaube, dass im Haus handwerkliche Arbeiten durchgeführt werden....!) (Für die, die das nicht kennen: Es handelt sich - aus meiner Sicht - dabei um verschiedene Geräusche, die mit extremer Geschwindigkeit  aneinander gefügt werden, und das ist dann Musik - etwa ein Auswuchs von Techno. Erinnert an einen steckengebliebenen CD-Player oder Bohrarbeiten oder so.)

Freundschaft zwischen Erwachsenen und Kindern: Die ist dort möglich, wo das Kind auf eigenen Füßen stehen kann. Das wird je nach Entwicklung in verschiedenen Bereichen mehr oder weniger möglich sein. Gemeinsames Tun ist sicher ein freundschaftliches Element in diesen Beziehungen. (Spiele spielen, Sport, Kino, Bücher, Musik, aber auch Austausch über bestimmte Themen mit der entsprechenden Offenheit - es ist eben ein Unterschied, ob ich in einer Situation bin, wo Beratung oder Vermittlung (z.B. von Werten) im Vordergrund steht und auch akzeptiert wird oder eben mehr das, wo man auf gleicher Ebene agieren kann.) Wichtig ist aber auch in diesen Beziehungen auf verschiedenen Ebenen, das Kind (in diesem Fall) als Persönlichkeit zu RESPEKTIEREN.

Noch einige Begriffe, die ich mit Freundschaft verbinde:

Vertrauen, Ehrlichkeit, Geduld, Treue, aber auch Loslassen, Zeit lassen, (es gibt Zeiten, in denen Freunde einander näher, manchmal ferner sind) und - last but not least - Vergebung!

Susanne Trucka-Benes