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Vor langer Zeit lebte weit unter dem Erdboden in einer kleinen Höhle eine Made, namens Molly. Sie lebte dort alleine, denn all ihre Verwandten und angeblichen "Freunde" waren weggezogen. Grund dafür war ihr Aussehen. Denn sie war nicht so wie alle anderen Maden - weiß, fett und jederzeit darauf aus, etwas in ihre hungrigen Mäuler zu stopfen. Nein! Sie war der genaue Gegensatz, mit ihrem in der Sonne silbrigglitzernden Körper und ihrer schlanken Taille, die das Ergebnis von jahrelangem Training war. Sie liebte ihren Körper und versuchte auf Schritt und Tritt jeden einzelnen Körperteil auszubessern, sodass er perfekt aussah. Und genau dieses stolze Gefühl, das sich in ihr regte, als sie sich im Spiegel betrachtete, war der Grund, warum die anderen sie verlassen hatten. Für ihre Verwandten war sie abnormal, eine kleine Irre, die etwas aus sich machen wollte, was sie gar nicht war. Aber mit dieser Einstellung konnte die kleine, selbstbewusste Made gut leben. Denn die Meinung der anderen interessierte sie nicht wirklich. Doch abgesehen von ihrer perfekten Figur, die alle anderen zum Wahnsinn trieb, war Molly, als eine von wenigen, noch mit der alten Lesekunst vertraut. Denn früher da hatten noch alle Maden lesen können und am Samstag jeder Woche hatten sie immer eine Lesestunde organisiert, in der man gemütlich zusammensitzen konnte, sich über Alltägliches unterhielt und nebenbei den Worten des Vorlesers lauschte. Doch diese Zeiten waren schon lange vorbei. Als die Maden vor ungefähr 20 Jahren (im Zweibeinigen Kalender entspricht ein Madenjahr einem Monat) gegen die Vögel in den Krieg gezogen waren, waren die "Lese-Samstage" einer nach dem anderen ausgefallen. Schließlich gerieten sie fast in Vergessenheit und bald erinnerten sich nur wenige an diese Abende, geschweige denn an die Kunst des Lesens. Molly war schon immer eine begeisterte Leserin gewesen und von ihrer Geburt an bis jetzt hatte sie die alte Tradition bewahrt und mindestens schon 100 Bücher gelesen. Bücher, in denen Familien sich zerstritten, dann aber bald wieder versöhnten; in denen es um Liebe ging, die verblasst war, dann schlussendlich doch noch in vollem Glanz erstrahlte. Doch vor allem ging es in Mollys Büchern um Freundschaften. Freundschaften, die spontan geschlossen worden waren oder auch sehnlichst herbeigewünscht wurden. Langwierige Freundschaften, die nach Erlösung krächzten, aber auch ehrliche, treue Freundschaften, die ein ganzes Leben lang hielten und Tag für Tag stärker wurden. Und an manchen Tagen, wenn der Regen an ihr kleines mit Schlamm bespritztes Fenster klopfte und sie in ihrem Lehnstuhl kauernd dem gleichmäßigen Tröpfeln der Regentropfen lauschte, sehnte sie sich nach einem Freund. Einem Freund so wie er in ihren Büchern vorkam: hilfsbereit, einfühlsam und immer für sie da. Doch als Molly da so saß und sich in ihrem Selbstmitleid wälzte, konnte sie nicht ahnen, dass sie bald eine Chance bekommen würde, eine Freundschaft zu schließen. Es war Samstagmorgen als Molly von einem Straßenputzfahrzeug, das mit Blaulicht an ihrer kleinen Höhle vorbeiraste, aufgeweckt wurde. Als sie die dicht verhangenen Wolken sah, ahnte sie, dass es wieder so ein verregnetes Wochenende sein würde. Denn in der Nacht hatte es geregnet und die Regenpfützen waren groß und drohten sich zu einem reißenden Fluss zusammenzutun. Doch für Molly war dies nichts Neues mehr und sie beschloss, sich wie jeden Samstag seit dem Tag als sie zum ersten Mal die braune Farbe der Erde erblickt hatte, zum damaligen Versammlungsplatz für die früheren Lesestunden aufzumachen. Als sie mit Schwimmweste und Mantel ausgerüstet, endlich fertig war, machte sie sich auf den Weg. Es dauerte nicht lange und sie war an ihrem Ziel angekommen. Gerade als sie es sich mit ihrem Buch in einer Schlammpfütze gemütlich machen wollte, ertönte ein lautes Gekreische, gefolgt von einem kurz ausgestoßenem Hilfe-Schrei. Es schien, als wäre der Schrei aus nordwestlicher Richtung gekommen. Und als Molly in die Richtung sah, aus der sie den Schrei vernommen hatte, stockte ihr der Atem: Da war ein riesiger Vogel, der durch Auf - und Zuschnappen des Schnabels versuchte, die unter ihm liegende, um Gnade winselnde Raupe zu fressen! Der Buchfink hatte seinen Kopf schon zum Gnadenstoß gesenkt, als ihn ein helles gleißendes Licht blendete. Er wich zurück und als er im Stande war zu blinzeln, konnte er den Umriss einer kleinen aufgerichteten Gestalt erkennen: Es war Molly. Da das Licht in den Augen des Finken stach und er fast nichts sehen konnte, beschloss er sich ein neues Opfer zu suchen, das leichter zu fressen war. Somit verschwand der "Riesenvogel" wie ihn Molly nannte, und Molly überdeckte ihren glitzernden Körper mit ihrem Mantel. Sogleich wurde es wieder dunkel und sie konnte nun erst die von ihr gerettete Raupe sehen. Sie näherte sich ihr und nahm sie in Augenschein. "Solides kleines Kerlchen", dachte sich Molly. Und so plötzlich wie vorhin das Licht aufgeleuchtet hatte sprudelte es aus dem "soliden Kerlchen" nur so heraus: " Hey, Mann "ey", ich dank dir! Diesmal ist es richtig knapp geworden. Dachte schon, mein letztes Stündchen hätte geschlagen! Puh! Aber Gott sei Dank warst du in der Nähe. Ich darf doch du zu dir sagen, oder? Wie heißt du eigentlich? Wäre schon gut, wenn ich den Namen meiner Retterin wüsste!" Doch Molly war nicht sonderlich an einer Konversation mit dieser Raupe interessiert. Sie drehte sich um und begann durch den Regen heim zu waten. Sie war schon einige Meter weit entfernt, als sie der Ruf der Raupe ereilte: "Hey, es tut mir leid. Warte doch mal! HEY!" Und mit einem Satz stand die Raupe vor ihr, nahm ihre Hand und schüttelte sie, sodass Molly glaubte, ihr Arm würde gleich abfallen. "Manchmal rede ich sehr viel und vor lauter reden hab' ich ganz vergessen, mich vorzustellen! Mein Name ist Sebastian! Kannst mich aber auch Basti nennen! Dank dir, geht's mir ganz gut. Übrigens das mit dem Leuchten, dass war ja voll "krass"!" Wo lernt man denn so was? In der Kampfschule für Maden! Hahaha! Nein- es tut mir leid, war nicht so gemeint! Wie geht's dir denn hier so?" "Bevor eine kleine, unverschämte , andauernd schwätzende Raupe namens Sebastian mir mit seinen Fragen den Kopf verwirrte, hätte ich vermutlich glücklich und zufrieden bis an mein Lebensende leben können! Doch dank dir wird das jetzt für immer ein Traum bleiben!" Nach einem entsetzten Blick und einer kurzen Pause in der Sebastian überlegte, wie er antworten sollte, fuhr er fort: "Wie heißt du denn überhaupt?" Mürrisch antwortete Molly, dass ihn das nichts anginge und er gefälligst jemand anderen nerven sollte! Sebastian blieb stehen und sah wie Molly weiter ging. Und während er da so stand, wurde ihm bewusst, dass die Made anders war als alle Maden, die er je gesehen, geschweige denn gesprochen hatte: Sie schien ein Individuum unter den Ihren zu sein, selbstbewusst, verletzt und außerdem stolz; zu stolz für eine Freundschaft? Doch noch während Sebastian darüber grübelte, war Molly hinter einer Kurve verschwunden ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen. Aber irgendwie tat Sebastian die kleine Made leid. Es war ihm egal, ob sie nun anders war oder nicht. Deshalb beschloss er sie am nächsten Tag noch einmal aufzusuchen. Tatsächlich wurde Molly am nächsten Tag durch stürmisches Klopfen an ihre Haustür unsanft aus dem Schlaf geweckt. Als sie sich zur Tür geschleppt hatte und sie öffnete, konnte sie es kaum glauben : Vor ihr stand doch tatsächlich diese kleine Raupe, die sie gestern vor dem großen Vogel gerettet hatte. Sofort wollte sie die Tür wieder ins Schloss fallen lassen, aber Sebastian ließ es nicht soweit kommen und begann wie von allen Geistern verlassen ein Lied zu singen: "... Merci, dass du mich gerettet hast.....Merci, dass du die Krähe geblendet hast....." und so wäre es noch ungefähr zehn Minuten weiter gegangen, hätte ihn Molly nicht unterbrochen und gefragt, was er hier überhaupt zu suchen habe. Fröhlich, endlich angehört zu werden, antwortete Sebastian: " Ich bin hier, um mich bei dir zu bedanken. Dafür, dass du mir das Leben gerettet hast..." "Na das hast du ja jetzt getan. Also, tschüss!" Schon wollte sie die Tür wieder schließen, als Sebastian noch rief: "Also du könntest mir wenigstens sagen, wie du heißt!" Doch schon war die Tür ins Schloss gefallen. "Ich will doch nur dein Freund sein! Mehr will ich doch gar nicht! Oder bist du dir zu gut dafür?!" Molly hatte es gehört, aber es berührte sie wenig. Sie brauchte keinen Freund, der sie nach kurzer Zeit wieder verlassen würde. Sie hatte Freunde satt. Freunde, die ihr Leben für kurze Zeit beglückt hatten, sie dann aber sehr verletzten! Sie hatte es einfach satt! Noch mal würde sie sicher nicht auf so einen hereinfallen. Sie wollte einfach ihre Ruhe haben. Sie setzte sich in ihren Lehnstuhl und begann wie wild im danebenliegenden Buch die Seiten durchzublättern, bis sie die Stelle, an der sie zuletzt aufgehört hatte, fand und versuchte sich wieder in den romantischen Roman zu vertiefen. Doch draußen hatte Sebastian angefangen seinen kleinen Körper gegen die Tür zu werfen. Dabei rief er: "Ich will dir doch nichts tun. Ich will nur dein Freund sein!" "Ich brauche keinen Freund", schrie Molly hinaus." Und bei sich sagte sie sich:"Zumindest jetzt nicht mehr!" Und da gab Sebastian auf. Er hatte wirklich alles "Raupen -mögliche" versucht und war nun am Ende seiner Kräfte. Außerdem hatte es wieder angefangen zu schütten und er wollte nicht krank werden. So machte er sich auf den Heimweg. Molly war froh, endlich ihre Ruhe zu haben, aber irgendwie konnte sie sich nicht auf das Buch konzentrieren. Diese kleine Raupe beschäftigte sie. Molly erinnerte sich an das verdutzte Gesicht, das Sebastian gemacht hatte, als Molly ihren glitzernden Körper vorzeigte, um den Vogel zu blenden. Sie erinnerte sich an sein kräftiges Händeschütteln und an den Gesang, der ihm (so glaubte sie zumindest) irgendwie peinlich gewesen war. Und plötzlich tat er ihr leid. Sie war wie ein Biest zu ihm gewesen und hatte ihn verstoßen, genau so wie ihre Freunde sie verstoßen hatten. So beschloss Molly ihn am nächsten Tag um Entschuldigung zu bitten. Gleich am nächsten Morgen trat sie ihre Reise an. Sie durchwanderte ein fremdes Land, in dem sie noch nie zuvor gewesen war, überquerte Flüsse, die in den Augen von Zweibeinern nur kleine Rinnsäle waren, vor denen sie aber immer schon Angst gehabt hatte, traf Leute die sie wegen ihres Aussehens beschimpften. Und all das nahm sie nur auf sich, um Sebastian um Entschuldigung zu bitten. Genau zur selben Zeit des gleichen Tages hatte auch Sebastian noch einmal den Willen aufgebracht, zu Molly zu gehen und noch einen letzten Versuch zu wagen, Freundschaft mit ihr zu schließen. Und wie es das Schicksal wollte, liefen sie sich direkt in die Arme. Beide setzten an, etwas zu sagen, doch plötzlich wurde es dunkel über ihnen. Der Riesenvogel war wieder da. Er war motivierter und angriffslustiger als beim letzten Mal. Sogleich sank er herab, um Molly zu schnappen. Diese aber zog ihren Mantel weg ,um den Vogel zu blenden. Doch zu spät : Der Buchfink hatte sie bereits am Nacken gepackt und schwang sich in luftige Höhen. Und bevor Sebastian auch nur einen Mucks machen konnte, war der Vogel weg; und mit ihm Molly. Sebastian, der jetzt sehr wütend und besorgt zugleich war, überlegte nicht lange. Er rief seine Kumpels, die teils Raupen und teils Schmetterlinge waren zusammen. Gemeinsam überlegten sie sich einen Plan, wie sie den Feind mit Teamwork besiegen könnten. Es dauerte nicht lange, bis alle Kriegspläne geschmiedet waren und sich der Rettungstrupp, das Nest ins Visier nehmend, in Bewegung setzte. Als sie unter dem Nest angelangt waren, erfolgte Teil eins ihres Planes: Sebastian und zwei weitere seiner Artgenossen krabbelten den Baumstamm hinauf bis sie das Nest erreicht hatten. Sie hatten die Aufgabe, zu schauen, ob Molly da war und noch lebte. Molly lag dort und Sebastian war erleichtert, dass sie noch nicht aufgefressen worden war. Mit einem Blick auf ihren blutüberströmten Nacken machte sich der Gedanke in ihm breit, dass sie vielleicht schon tot war und dass er zu spät gekommen war. Doch er sagte sich :"Tot oder lebendig. Ich bringe dich hier weg!" Und genau das hatte er vor, als er das Kreischen des sich nähernden Vogels hörte. Schnell rief er den zweiten Teil des Plans auf, bei dem die Schmetterlinge Molly schnell wegbringen sollten. Auf Sebastians Ruf hin, kamen sie zum Nest geflattert und hoben Molly vorsichtig aus dem Nest. Gerade rechtzeitig. Denn schon drohte der Schnabel des Vogels sie zu töten. Schnell wie der Wind trugen die Schmetterlinge sie zu ihrem Haus. Sebastian war hinterher geflogen und trug Molly hinein in ihre Höhle, die sie nie verschloss. Dort richtete er ihr das Bett zurecht, legte sie sanft auf das Kissen und verarztete mit Hilfe seiner Kumpels ihre Wunde. Als Molly aufwachte und sie Sebastian neben sich sitzen sah,
war die Freude in ihren Augen groß. Er hatte bemerkt, dass Molly
ihre Augen aufgeschlagen hatte und fragte: "Na, wie fühlt
man sich, wenn man nur knapp dem Schnabel eines Riesenvogels
entgangen ist?" "Sehr gut", antwortete Molly,
"danke dass du mich gerettet hast! Aber das hättest du
nicht tun müssen." Sebastian aber antwortete: " Wenn
mich nicht alles täuscht, helfen Freunde einander!" |
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Yvonne Nowosielski , 15 Jahre
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