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Ich, Hatice Gülmez, komme aus einem kleinen Dorf in der Türkei. Ich bin gläubige Muslime und stehe zu meinem Glauben. Auch wenn meine Eltern sehr arm sind, haben wir doch das Nötigste zum Überleben. Bei uns in der Gegend gibt es sehr viele Unruhen und deshalb habe ich auch keine Freunde, weil sich niemand nach draußen begibt, wenn es nicht nötig ist. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem wir in ein anderes Land fliehen müssen. Vielleicht sehe ich meine Heimat nie wieder. Jetzt ist es so weit. Terroristen belagern die Stadt und man erzählt, als nächstes würden sie zu uns kommen. Meine Eltern haben dies alles schon als Kinder durchgemacht, deshalb wollen sie nicht nochmals in Angst leben und sie beschließen, dass wir flüchten. Wir lassen unsere Verwandten und alles andere hinter uns. Tage vergehen und wir treffen auf andere Flüchtlinge, die nach Griechenland wollen und wir schließen uns ihnen an. Ein Monat lang Qual, Hunger und Not. Meine Füße sind von den täglichen Strapazen ganz wund und von den vielen schlaflosen Nächten habe ich ganz rote Augen. Ich habe schon keine Hoffnung mehr, dass wir jemals in Griechenland ankommen, doch meine Ängste sind umsonst. Erschöpft und mit Tränen in den Augen bin ich froh, als wir bei der griechischen Grenze ankommen. Steht mir jetzt ein besseres Leben bevor? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich hier ein glückliches Leben führen werde und noch dazu kommt, dass das Flüchtlingslager, von dem wir aufgenommen worden sind, sehr klein ist und es niemanden in meinen Alter gibt. Traurig und alleingelassen füge ich mich in das einseitige Leben eines Flüchtlings. Mein Vater will hier eine Existenz aufbauen, weil er in der alten Heimat seine Arbeit verloren hat. Meine Mutter ist davon nicht begeistert. Sie will zurück, auch wenn sie sich fürchtet, denn sie kann sich hier kein Leben vorstellen, genauso wenig wie ich. Doch dies ändert sich sehr schnell. In der Nähe unseres Lagers ist ein Fluss. Er ist nicht gerade tief, die Kinder können gerade noch den Kopf aus dem Wasser halten. Es ist Mittag und die Jüngeren gehen baden. Ich beobachte sie, als gerade ein Junge den Halt unter seinen Füßen verliert. Ohne zu denken laufe ich ins Wasser und hole ihn wieder an die Wasseroberfläche. Keuchend bringe ich den Jungen ans Ufer. "Alles in Ordnung?" "Ja, danke für deine Hilfe! Ich heiße Serdal und du?" "Ich bin Hatice. Bist du auch aus der Türkei?" "Ja, ich bin mit meinen Vater hierher gekommen. Bei uns wurde die Stadt belagert, doch mein Vater will so schnell wie möglich zurück, aber ich fürchte mich davor!" "Das kann ich verstehen, komm ich bring dich zu deinem Vater!" "Treffen wir uns morgen wieder? Ich habe hier keine Freunde und alleine weiß ich nicht, was ich tun soll!," und ohne meine Antwort abzuwarten läuft er ins Zelt. Am nächsten Morgen holt er mich ab. "Ich zeige dir einen wunderschönen Platz, den ich gefunden habe. Er wird dir sicher gefallen!," sagt mir Serdal. Ich bin froh, eine Person gefunden zu haben, mit der ich meine Zeit vertreiben kann, auch wenn derjenige ziemlich jung ist. Er führt mich in den Wald, bis wir zu einer Lichtung kommen. Noch nie habe ich so etwas Wunderbares gesehen. Es kommt mir vor wie in einem Traum. Serdal sieht das Leuchten in meinen Augen. " Ich wusste dass es dir gefallen würde!", und er lächelte mich an. Hier beginnt unsere Freundschaft und ich bin richtig froh darüber endlich einen Freund zu haben. Die meiste Zeit verbringen Serdal und ich bei unserer "Hoffnungslichtung". Wir nennen sie so, weil wir hier all unsere Ängste und Sorgen dem Wind erzählen können, denn wir wissen, er wird sie wegtragen, und hoffen, dass sie nie wieder kommen. Wir vertrauen uns vieles an und Serdal meint, er sei in seinem Leben noch nie so glücklich gewesen. Das kann ich mir gut vorstellen, denn mir geht es auch so. Wir beide haben vieles gemeinsam und mir ist es egal, was die anderen im Lager sagen. Sie meinen unser Altersunterschied wäre zu groß, um befreundet zu sein. Ich finde das Alter spielt in der Freundschaft keine Rolle. Man kann doch auch mit Tieren eine Freundschaft aufbauen. Manche Kinder verspotten uns sogar, doch dies ist egal, denn wir haben uns beide und das zählt. Da ist es nicht wichtig, was die anderen sagen. Mir wird bewusst, dass ich eigentlich noch nie eine richtige Freundin hatte, doch Serdal lässt meine Vergangenheit verblassen und nur die Gegenwart ist mir jetzt noch wichtig. Wir lassen uns von der Sonne wärmen und basteln gerade einen Blumenkranz als mir Serdal ein Geheimnis anvertraut. "Weist du, bevor wir aus unserer Heimat flüchteten war ich mit meinem Vater bei einem Arzt! Ich weiß, dass mit mir etwas nicht stimmt, denn Papa hat entsetzt gewirkt, als der Arzt sagte, ich hätte Aids. Ich weiß nicht, was das ist und mein Vater will es auch nicht sagen, aber jedenfalls spüre ich nichts und das ist auch gut so, oder?" Nur mühsam kann ich meine Gefühle zurückhalten und entsetzt stelle ich fest, was dies bedeuten wird. Er wird vielleicht nie alt werden, keine Zukunft haben. Mit einem Mal wird mir ganz übel und schnell stehe ich auf. "Was hast du Hatice, ist dir nicht gut?" "Nein, nein, alles in Ordnung.!" Gerade hat unsere Freundschaft begonnen und nun soll sie durch diese Krankheit zerstört werden? Das will ich einfach nicht glauben und ich kann es auch nicht. Tage vergehen und unsere Freundschaft wird noch inniger. Ich will ihm noch möglichst schöne Tage verschaffen und heimlich beobachte ich ihn, ob er sich Schmerzen ansehen lässt, doch ich bemerke nichts. Mein Vater sagt immer wahre Freunde zeigen sich, wenn es dir schlecht geht und ich versuche so gut es geht für Serdal da zu sein. Für einige Zeit kann ich diese Krankheit vergessen und ich bin so glücklich wie zuvor. Doch dies ändert sich schnell. Serdal holt mich sonst immer ab, doch heute ist er nicht gekommen und langsam werde ich misstrauisch. Ich bin gerade unterwegs ihn abzuholen als mir sein Vater den Weg versperrt. "Entschuldigung, darf ich zu Serdal?" "Nein, ihm geht es nicht gut!" "Kann ich denn nicht ganz kurz zu ihm? Ich würde ihm so gerne etwas sagen!" Doch sein Vater bleibt stur. "Nein! Serdal darf sich nicht anstrengen! Du kannst auch die nächsten Tage nicht kommen!", und schon verschwindet er im Zelt. Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf und die meisten davon sind keine guten. Doch was soll ich schon ausrichten gegen diese Krankheit? Tage vergehen und noch immer höre ich nichts von Serdal. Ich habe schlechte Träume und wache öfters schweißgebadet auf. Da fällt mir ein, dass ich ihn noch gar nicht gefragt habe, was mit seiner Mutter passiert ist. Da wird mir klar, dass Aids ja ansteckend ist und wahrscheinlich hat es Serdal von seiner Mutter, dann muss doch sein Vater auch infiziert sein? Entsetzt sehe ich diesen Teufelskreis vor mir. Dies macht mich noch betrübter als zuvor. Irgendwie fühle ich mich mies und ich suche Rat bei meiner Mutter. Die meint, ich kann nur Allah um ein Wunder bitten. Ende der Woche fasse ich Mut und schreite zaghaft zum Zelt meines Freundes. Ich öffne den Zelteingang und mir wird schwindelig. Alle Sachen sind verschwunden und keine Spur das hier jemand gewohnt hätte. Mir wird bewusst, dass ich Serdal wahrscheinlich nie wieder sehen werde. Die Tränen schießen mir aus den Augen und stolpernd laufe ich zu unserer Lichtung. Dort verbringe ich den Rest des Tages. Mir gehen jetzt schon Serdals Lächeln, seine Stimme und all die anderen Sachen, die sonst nicht so auffallen, ab. Wieder zu Hause blickt mich meine Mutter besorgt an und weinend falle ich ihr um den Hals. Sie sagt, ich solle mich erst mal beruhigen und nachdem ich ihr alles erzählt habe, geht es mir schon ein wenig besser. Sie meint, er werde nur etwas Bauchschmerzen haben, da er immer das Doppelte isst und bald würde er wieder vor dem Zelt stehen. Ich weiß aber, dass das nicht stimmt , aber trotzdem komme ich mir schon etwas erleichtert vor. Wüsste ich nur wo sie sind, ich habe so vieles auf dem Herzen, das ich Serdal sagen möchte. Könnte ich mich wenigstens von ihm verabschieden. Dieser und viele andere Gedanken gehen mir durch den Kopf. Wozu sind Freunde da, wenn man sie doch wieder verliert? Doch es wird mir bewusst, dass ich die Frage gar nicht stellen darf, denn sie ist falsch. Ich habe viel nachgedacht und bin darauf gekommen, dass eine Freundschaft nie endet, solange man sich nicht vergisst. Serdal wird für immer in meinen Herzen sein und ich werde mich immer an ihn erinnern, auch wenn wir uns nie wieder sehen. |
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Isabel Kogler , 15 Jahre
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