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An jenem Montag Nachmittag ging die Türe vom Cafe de la France schwungvoll auf. Eine etwa siebenundzwanzig Jahre alte junge Frau mit zwei riesigen Einkaufsnetzen stolperte herein. Es war Mirna Seiler, meine beste Freundin. Ihre schwarzen Locken fielen wirr in das verschwitzte Gesicht. "Tut mir echt leid, aber ich wurde aufgehalten. Und dann habe ich noch diese wunderbaren Schuhe entdeckt. Die musst du dir unbedingt ansehen und ..." "Jaja, schon gut. Nun setz' dich erst mal." Das war meine Mirna wie sie leibt und lebt: ein wenig im Stress und mit vollen Einkaufstaschen. "Wasch darfsch denn schein, meine Damen?", fragte der zahnlose Kellner freundlich. "Einen Kaffe, bitte!" "Wie immer mit drei Schück Schucker, Madame?" Mirna nickte. Wir kehrten sehr oft in diesem französichen Lokal ein. Es war billig und servierte den besten Kaffe in ganz Wien. Genau betrachtet, hatte es es eigentlich recht wenig mit Frankreich zu tun. Ich legte meine Zeitung zur Seite und tat einen genüsslichen Schluck. Mirna frischte rasch ihr Make-up auf und reichte mir dann eine rote Mappe über den Tisch. "Was ist denn das?". Mirna sah mich vorwurfsvoll an. "Na, die Unterlagen für den nächsten Werbespot. Kannst du mal einen Blick darauf werfen?" Ach ja, die Arbeit. Ich hatte schon ganz vergessen, warum ich mich eigentlich mit ihr getroffen hatte. Wir beide arbeiteten bei einer angesehenen Firma für Werbung und Marketing - in zwei verschiedenen Abteilungen. Sie kümmerte sich hauptsächlich um die Werbespots und die Texte. Ich hingegen setzte diese dann in die Tat um und beschäftigte mich mit Rechnungen und Zahlen. Auf diese Weise arbeiteten wir hervorragend zusammen. "Meinst du nicht, das wird ein bisschen zu teuer?" Sie sah mich fragend an. "Nein, nein, das ist gut. Damit erreichen wir sicher höhere Quoten als beim letzten Spülmittel ... die Idee ist wirklich nicht schlecht." Zufrieden ließ sich Mirna in den Sessel zurückfallen. "Ich habe doch gesagt, der nächste Auftrag wird mir gelingen." Der zahnlose Kellner tauchte kurz auf, stellte unseren Kaffee ab und verschwand wieder in der Küche. Kräftig biss ich in ein Stück Kuchen und widmete meine Aufmerksamkeit der Zeitung. Eine Weile lang konnte man die murmelnden Stimmen der Touristen vernehmen. Geschirr klapperte und draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei. Der Regen trommelte sanft gegen die Fenster. Unvermittelt lag plötzlich eine Spannung in der Luft. "Stefanie", sagte Mirna leise. In ihrer Stimme glaubte ich ein leichtes Zittern zu vernehmen. Eine merkwürdige Anspannung lag auf ihrem Gesicht. "Ja um Gottes Willen, was ist denn nur los?", fragte ich erschrocken. "Ich", sie stockte, "ich habe ein sehr gutes Angebot bekommen. Herr Bräuner will mir die Verantwortung für unser neues Projekt geben. Ich werde Projektleiterin! Davon habe ich schon immer geträumt!" "Aber das ist doch toll!" Ich begriff ihre Unruhe nicht. "Naja, die Sache hat leider einen Haken. Für dich zumindest. Das Projekt findet nämlich in Miami statt." Völlig fassungslos starrte ich sie an. "Wie bitte, Miami? Aber die Firma - wir brauchen dich doch hier." Langsam begriff ich erst. Meine beste Freundin würde nach Amerika gehen! Und mich alleine in Wien zurücklassen. "Ach, es ist alles nur halb so schlimm. Diese Chance kann und will ich mir nicht entgehen lassen. In Amerika könnte ich Karriere machen." Ratlos und schwer getroffen starrte ich auf meinen Teller. Wie durch eine dünne Wand getrennt hörte ich, wie sie fortfuhr. "Ich werde wohl für eine Weile dort bleiben müssen. Ein Jahr wird mich das schon kosten ..." "WAS? EIN JAHR? Ja bist du denn verrückt geworden?", setzte ich mit gedämpfter Stimme hinzu, da der Kellner erschrocken aufblickte. "Aber Stephanie, jetzt werde doch endlich vernünftig. Ich ..." " ICH soll vernünftig werden? Wer will denn mir nichts dir nichts nach Amerika gehen ohne zu überlegen?", fragte ich aufgebracht. Die Wut trieb mir eine heiße Röte ins Gesicht. "Damit eines klar ist, Mirna Seiler: mit unserer Freundschaft ist es aus, endgültig!" Ich achtete nicht auf die erstaunten Gäste, welche sich nach meinem Wutausbruch zu uns umgedreht hatten und verließ das Cafe wie ein Wirbelwind. Eine erstaunte und traurige Mirna blieb zurück. Als ich dem Regen schutzlos ausgesetzt war, begann ich schneller zu gehen. In der Eile hatte ich auch meinen Schirm vergessen. Der Wind pfiff mir um die Ohren und kühlte mein erhitztes Gesicht ab. So begann ich nachzudenken. Meine Wut legte sich langsam, aber ein anderes, dumpfes Gefühl legte sich schwer wie Blei über mich. Damals konnte ich ja nicht wissen, dass es der Neid war, der mir vor Hass die Kehle zuschnürte. Tausende Gedanken schossen mir durch den Kopf. Warum? Warum tat sie mir das an? Aber ging es mir wirklich um Mirna? Erstaunt über mich selbst blieb ich stehen. "Natürlich. Was denn sonst. Ich bin doch nicht eifersüchtig. Das ist ja kindisch", sagte ich streng zu mir selbst und ging weiter. Daheim angekommen, ließ ich mich verzweifelt aufs Bett fallen. Nicht einmal mein Kater Simon konnte mich trösten, als er sich schnurrend auf meinem Schoß zusammenrollte. Also holte ich mir einige Kekse aus der Küche und tat das, was ich immer tat, wenn ich beleidigt war: fernsehen. Die beste Medizin für Frust- und Stressabbau. Irgendwann schlief ich dann auch ein. Am nächsten Morgen erwachte ich erst um halb zehn. Müde rappelte ich mich auf und ging in die Küche. Auf Müsli hatte ich keine Lust, also holte ich mir einen Apfel aus der Obstschale. Für Simon goss ich noch eine Schale Milch ein, aber der faule Kater schlief sowieso den ganzen Tag. Müde und schlecht gelaunt, setzte ich mich an den Esstisch. Normalerweise kam Mirna jeden Tag zum Frühstück zu mir, da sie nur einen Block weiter wohnte. Aber dass sie heute nicht kam, war ja kein Wunder. Ich konnte auch gut darauf verzichten. Am Apfel kauend dachte ich über mein elendes Dasein nach. Mirna war immer besser gewesen. In der Handelsakademie, wo wir uns kennen gelernt hatten, war sie in der Schule immer beliebter gewesen. Bei den Lehrern als auch bei den Schülern. Sie hatte hübsche Locken und eine Spitzenfigur, um die ich sie immer beneidet hatte, während ich ein wenig pummelig war und das, was ich auf dem Kopf trug, waren eher Borsten als Haare. Mirna dagegen musste man einfach gerne haben. Immer hatte sie bessere Noten gehabt als ich, obwohl ich genauso hart dafür gearbeitet hatte, wie sie. Und jetzt bekam sie natürlich auch den besseren Job. Klar. Ich würde wahrscheinlich irgendwann einmal als unbekannte und arme Angestellte in Wien zugrunde gehen. Da schlug die alte Standuhr halb elf. Ich hatte mittlerweile eine Stunde lang an meinem Apfel gekaut und über mein Schicksal nachgedacht. Nun sprang ich auf, wie vom Donner gerührt, und lief ins Bad, wo ich einen prüfenden Blick in den Spiegel warf. Schnell ein Lippenstift, eine neue Jeans übergestreift und die Autoschlüssel in der Hand - fertig. Krachend fiel die Türe hinter mir ins Schloss. In der Firma war die Hölle los. Ein Stapel von Verträgen, Rechnungen und Angeboten türmte sich auf meinem Schreibtisch. Als ich gerade damit beschäftigt war, das Chaos zu beseitigen, kam mein Chef mit hochrotem Gesicht ins Büro gestürmt und er schrie mich lauthals an, warum ich zu spät gekommen wäre. Das Unangenehme war nur, dass er dabei eine Menge Spucke verlor. " ... Noch dazu geht Frau Seiler demnächst nach Amerika und ich habe noch keine Aushilfe für sie gefunden, also reißen Sie sich zusammen!" Aufgebracht verließ er den Raum. Bespuckt und gerügt wendete ich mich nun den Werbespots zu. In der Mittagspause um halb eins stattete ich dem Buffet in der ersten Etage einen Besuch ab. Ich traf Mirna, doch sie würdigte mich keines Blickes. "Dann eben nicht, du eingebildete Kuh!" Erhobenen Hauptes schnappte ich mir einen griechischen Salat und setzte mich an einen freien Tisch. Zum ersten Mal saß ich ohne sie über meinem Mittagessen. Es fehlte mir irgendwie, mich mit ihr über die bescheidene Kost des Buffets lustig zu machen. "Ach was, sie ist doch nur meine Freundin gewesen. Ich werde mir neue Freunde suchen", sagte ich zu mir selbst. Erst heute ist mir bewusst, wie dumm ich damals war. Jedenfalls waren die nächsten Tage vor Mirnas Abreise alles andere als rosig. Die Spannung war deutlich zu spüren. Wir straften uns gegenseitig mit kalten Blicken. Und die alte, steife Dame aus der Personalabteilung, mit der ich von diesem Tage an am Mittagstisch saß, war lange nicht so unterhaltsam wie Mirna. Sie fehlte mir entsetzlich, aber lieber hätte ich mir die Zunge abgebissen, als das zuzugeben. Nicht einmal meine Mutter konnte mich aufmuntern, als sie mich am Samstag besuchte. "Na sag einmal, was ist denn nur mit dir los? Erst vergisst du, mich vom Bahnhof abzuholen, dann machst du ein Gesicht, als würdest du bei meinem Anblick am liebsten in Tränen ausbrechen, und jetzt starrst du die ganze Zeit über nur in die Luft. Nicht einmal deine Lieblingskekse hast du angerührt. Was ist denn nur mit dir los, Kind?" Ja, so sind Mütter eben. Sie merken immer gleich alles und ihre Blicke zwingen einen ja fast dazu, sein Herz auszuschütten. Adleraugen, Ohren wie ein Luchs und ein unglaubliches Geschick, wenn es darum geht, Gefühle zu deuten. Zuerst wollte ich ja auch wirklich nichts sagen. Aber ihr stummes Bitten und der vorwurfsvolle Blick ... das war zu viel. Ich erzählte ihr von unserem Streit und fühlte mich danach erstaunlich leicht. Meine Mutter sah mich ein wenig entsetzt an. "Nicht wahr, Mama. Sie hätte mich bei dieser wichtigen Entscheidung doch fragen müssen, ob ich etwas dagegen habe und ..." "Nein, nein. Du verstehst mich falsch." Ich sah sie verwundert an. "Ich denke nicht, dass Mirna im Unrecht ist. Sie bekam ein großartiges Angebot und griff zu. Was ist denn nur falsch daran? Manche Entscheidungen muss man alleine treffen. Und hättest du nicht genauso gehandelt wie sie?" Das war wieder einmal sehr weise. Meine Mutter redete nie um den Brei herum, sondern sagte immer das, was sie dachte. Damit traf sie wie immer genau den Punkt. Ich spürte, dass sie Recht hatte und auf einmal fühlte ich mich sehr schlecht. Ich hatte einen Fehler gemacht und war sogar zu dumm gewesen, mir diesen einzugestehen. Kein Wunder, dass Mirna nichts mehr von mir wissen wollte. Sie hat mir von ihrer wichtigen Entscheidung erzählt, und ich habe ihr Vertrauen missbraucht. Dabei sollte man Freundinnnen doch alles erzählen können. Und was, wenn sie jetzt nie mehr mit mir sprechen wollte? Ich musste schnell wieder alles in Ordnung bringen, oder ich würde es bereuen. In der folgenden Nacht überlegte ich lange, wie ich das alles wieder gut machen konnte. Mich bei ihr persönlich zu entschuldigen brachte ich nicht übers Herz. Also formulierte ich einen Entschuldigungsbrief und warf ihn in ihr Postfach. Am nächsten Tag, als ich Mirna beim Buffet begegnete, fiel sie mir strahlend um den Hals. Es tat so gut, wieder eine Freundin zu haben. So kindisch das auch klingt, aber eine kleine Freudenträne habe ich sogar vergossen. Jedenfalls half ich ihr in den letzten Tagen vor der Abreise bei den Vorbereitungen und unterstützte sie, wo ich nur konnte. Wir versprachen einander, uns zu schreiben, und so oft wie möglich zu telefonieren. Am Flughafen drückte ich sie noch einmal. "Und vergiss nicht, mir Photos zu schicken, ja?" "Bestimmt nicht." Wir wechselten noch einige hastige Worte und dann folgte Mirna der kleinen Truppe hinaus auf den Flugplatz. Und als ich sah, wie ihr Flugzeug abhob und langsam zwischen den Wolken verschwand, da spürte ich, was wahre Freundschaft bedeutet. |
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