Das Gemeinsame in der Vielfalt kennen lernen

In Österreich gehen immer mehr Kinder aus kirchenfernen Familien und religiösen Minderheiten zur Schule. Interreligiöser Religionsunterricht als Auswahlmöglichkeit wäre heute ein wichtiger Beitrag zur Friedenserziehung.

"Wer hält sich denn schon an die 'sieben Gebote'?" zitierte in den 90-er Jahren eine deutschen Langzeitstudie einen modernen Jugendlichen. Sie untersuchte, über mehrere Jahrzehnte hinweg, die Veränderung der Religiosität junger Menschen, von denen immer weniger in religiösen Institutionen verankert sind. Brav die - Zehn - Gebote hersagen zu können, gehörte ja früher einmal zu den Hauptzielen der religiösen Erziehung - besser gesagt des traditionellen konfessionellen Religionsunterrichts in der Schule, wie er in Österreich und einigen europäischen Ländern etabliert ist.

Zumindest was die Teilnahme österreichischer Schüler am römisch-katholischen Religionsunterricht betrifft, scheint Österreich noch auf der "Insel der Seligen" zu liegen. Denn mehr als 94 Prozent der katholischen Schüler nehmen an ihm teil. Dieser hohe Anteil ist allerdings nur relativ zu sehen, vor allem wenn man ihn mit der abnehmenden Mitgliederzahl der Katholischen Kirche vergleicht: Laut Volkszählung machten die Katholiken 1981 noch 84 Prozent, 1991 78 Prozent, 2001 aber nur mehr 73,6% der Bevölkerung aus. Es nehmen allerdings - gerade in der Pflichtschule - auch viele Kinder von "Konfessionslosen" (über alle Schulstufen ca. 25%) ebenso am Religionsunterricht teil wie die der meisten "Taufscheinkatholiken".

Ein Grund für diesen scheinbaren Widerspruch: "Religion" ist in Österreich für Angehörige staatlich anerkannter Religionsgemeinschaften  Pflichtgegenstand, allerdings mit Abmeldemöglichkeit. Die Abmelderaten sind selbst in der Oberstufe im Durchschnitt nicht allzu hoch, in manchen Großstadtschulen aber bis zu 60%. Bei einem Status als Freifach, zu dem man sich eigens anmelden muss, sähe die Sache vermutlich schon etwas anders aus. Doch das klärt den Widerspruch nicht völlig auf, da der Aufwand für eine Abmeldung ja ebenfalls nicht enorm ist.

Eltern wollen, dass ihre Kinder moralisch einwandfreie Menschen werden

Es scheint also doch so etwas wie ein allgemeines Bedürfnis zu geben, dessen Erfüllung sich die Eltern, selbst wenn sie gar keine kirchlichen Bindungen mehr haben, am ehesten vom Religionsunterricht versprechen. Das nur unter dem Motto: "Nutzt's nix, so schadt's nix!" einzuordnen, wäre zu billig.
 

Eltern sind offenbar im allgemeinen der Meinung, dass ihre Kinder einmal moralisch einwandfreie Menschen werden sollen - auch wenn sie es damit bei sich selbst nicht immer so genau nehmen. Und dass Moral - bei noch so großer intellektueller Anstrengung - ohne transzendente Begründung letztlich doch in der Luft hängt, scheint den meisten zumindest unbewusst klar zu sein. Immerhin glauben laut der "österreichischen Wertestudie 2000" des Instituts für Pastoraltheologie an der Universität Wien 83% aller Österreicher in irgendeiner Form an die Existenz eines Gottes oder eines absoluten Wesens, die Hälfte glaubt an ein Leben nach dem Tod.
 

Wohl nicht zuletzt, um sich auch weiterhin Einflussmöglichkeiten auf die Kinder kirchenferner oder sogar konfessionsloser Eltern zu sichern, hält die Katholische Kirche an diesem Quasi-Monopol aus der Vergangenheit weiter fest. Damit nimmt sie aber auch eine gewisse Abhängigkeit vom Staat in Kauf, die in einer Demokratie bedenklich sein kann. Um zu verhindern, dass Schüler und Schülerinnen an der Oberstufe die dem Religionsunterricht vorbehaltenen Stunden gänzlich "einsparen" können und damit auch keinen ausdrücklich wertebildenden Gegenstand mehr besuchen, wurde vom Staat an einigen Schulen der Schulversuch "Ethikunterricht" eingeführt. An ihm müssen grundsätzlich alle teilnehmen, die sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben oder keiner Konfession angehören. Hier wird Religion und Spiritualität allerdings nur mehr aus der "Außenperspektive" einer Art Religionskunde behandelt, Ethik und Moral sind philosophisch zu begründen.

Der Staat und der Religionsunterricht

Welches Interesse hat aber der Staat - außer an einer Moralerziehung der Kinder - am Religionsunterricht? Zu Zeiten der Monarchie bezog das österreichische Herrscherhaus einen wesentlichen Teil seiner Legitimität aus seinem katholischen Selbstverständnis. Und noch die Zweite Republik verlässt sich zur Stabilisierung der österreichischen Identität auf eine Art "katholische Mentalität" der Bevölkerung. Der Staat stellt also sein Schulwesen als Rahmen für den Religionsunterricht zur Verfügung. Etablierte Minderheiten, nämlich die anderen staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften dürfen heute an diesem Privileg teilhaben. Damit hier die "Übersicht" nicht verlorengeht, sind allerdings die Hürden zur staatlichen Anerkennung religiöser Minderheiten ausgesprochen hoch.
 

Derartiges wäre in vielen Ländern völlig undenkbar, gerade auch in den USA, auf deren Geldscheinen "In God we trust" steht, und wo viele Politiker ohne Scheu Gott und andere religiöse Begriffe im Mund führen. Ausgerechnet in diesem Land, das seine Identität immer durch christliche Werte gestützt hat, wird im öffentlichen Schulwesen, ausgenommen an konfessionellen Privatschulen, auf jeden Anflug konfessioneller Unterweisung verzichtet.
 

Der Religionsunterricht an Österreichs Schulen ist als Instrument der Vermittlung grundlegender konfessioneller Glaubensinhalte an einen möglichst breiten Schülerkreis gedacht. Eigene Erziehungsleistungen der Eltern auf diesem Gebiet waren wohl immer schon Fleißaufgaben für besonders Eifrige. Heute gilt das umso mehr: Wenn heute in der Schule, besonders in den Großstädten, noch konfessionelle Glaubensinhalte weitergegeben werden sollen, dann geschieht das für einen großen Teil der Schüler völlig abgehoben von ihren persönlichen Lebensumständen. Denn ihre Eltern gehen, selbst wenn sie nicht ausgetreten sind, fast nie in die Kirche - höchstens einmal zu einer Hochzeit oder Beerdigung - und wissen auch sonst mit den offiziellen Lehren ihrer Kirche kaum mehr etwas anzufangen.

Richten sich Religionslehrer und -lehereinnen nun nach dieser Gruppe und gehen zur Behandlung allgemein religiöser Grundfragen über, so werden sie wahrscheinlich die "wirklich katholischen" oder "kirchlichen" Eltern verärgern. Sie könnten auch versuchen, einen nicht vorhandenen Gegenstand für praktische und psychologische Lebenshilfe zu ersetzen oder sich in der Oberstufe ganz auf das Diskutieren gesellschaftlich- politischer Probleme verlegen. Wer sich so die Auseinandersetzung mit geistigen Lebenszusammenhängen erspart, geht von der Annahme aus, Jugendliche der "Medien-   und Konsumgeneration" seien rein humanistischen Argumenten gegenüber leichter zugänglich. Dies würde natürlich mit den von kirchlichen Institutionen vorgegebenen Lehrplänen in Konflikt geraten und die Frage aufwerfen, ob man nicht gleich den Namen "Religion" abschaffen könnte.

Auswege aus dem Dilemma

Die österreichische Demokratie wird wohl auf den "Notnagel" Religionsunterricht zur Vermittlung ihres geistigen Unterbaues zumindest vorläufig weiter nicht verzichten wollen. Denn bei einer Umwandlung in eine von der Schule völlig getrennte Angelegenheit der Kirchen oder Religionsgemeinschaften, bliebe vermutlich nur ein harter Kern von "Gläubigen" übrig. Das würde wahrscheinlich ebenso die nichtchristlichen Religionen betreffen, wie etwa den Islam, und könnte in der religiösen Erziehung da und dort zu einer Dominanz fundamentalistisch geprägter Angebote führen, die der religiösen Orientierung der meisten Familien eigentlich nicht entsprechen. Die Kinder der sogenannten Fernstehenden und Konfessionslosen wären damit ersatzlos um den einzigen Gegenstand gebracht, der sich mit dieser zentralen Lebensdimension nicht nur in äußerlich beschreibender Form befasst.
 

Als Ausweg, um dem Dilemma des konfessionellen Pflichtgegenstandes zu entgehen, ohne gleichzeitig das Kind mit dem Bad auszuschütten, bietet sich an, zumindest eine Wahlmöglichkeit für die Eltern - oder älteren Schüler - zu schaffen (statt oder neben dem nicht-religösen Ethikunterricht): einen nicht-konfessionellen Religionsunterricht. Den Lehrplan könnte ein Gremium aus angesehenen religiösen Persönlichkeiten ausarbeiten, die nicht unbedingt Amtsträger oder Funktionäre konfessioneller Institutionen sein müssten. Er müsste, natürlich gemäß dem Alter der Schüler, neben den Verschiedenheiten religiöser Vorstellungen und Traditionen vor allem Gemeinsames in den grundsätzlichen Fragen, in den Antworten und praktischen Konsequenzen aufzeigen. Eine entsprechende Lehrerausbildung wäre ebenfalls notwendig.

Interreligiöser Religionsunterricht - praktische Friedenserziehung in der Schule

Ein derartiger Religionsunterricht müsste Raum schaffen für die Vorstellungen und Erfahrungen aller beteiligten Schülerinnen und Schüler - auch der in Österreich staatlich nicht anerkannten religiösen Minderheiten. Die Konkurrenz um die Kinder der nicht oder wenig integrierten Kirchenmitglieder könnte auch für den jeweiligen Konfessionsunterricht sehr belebend sein. Auf der anderen Seite wäre wohl auch ein Denkanstoß für die Öffentlichkeit damit verbunden, die letztlich dazu führen könnte, die bestehende religiöse Diskriminierung abzuschaffen und auch den bisher staatlich nicht anerkannten Religiongemeinschaften auf Wunsch Schulraum für ihre religiöse Erziehung zur Verfügung zu stellen.
 

Die Fundamente für das friedliche Zusammenleben der Menschen, sei es zwischen Religionen, Kulturen und Nationen im Großen oder zwischen Menschen verschiedener Religion, Kultur, Nation oder Hautfarbe in der Nachbarschaft einer Stadt oder Gemeinde, werden im Lern- und Entwicklungsprozess der Kinder und Jugendlichen gelegt. Hier kann die religiöse Erziehung in der Schule eine wichtige Rolle spielen.
 

Es gibt bereits Unterrichtsmodelle, die ausdrücklich dieses Ziel verfolgen. Im deutschsprachigen Raum ist das Konzept des "interreligiösen Religionsunterrichts", wie es im Rahmen des "Religionsunterrichts für alle" in der deutschen Großstadt Hamburg zum Teil praktiziert wird, eines der interessantesten Beispiele. Es beruht auf der Zusammenarbeit verschiedener religiöser Gruppen und hat auch in anderen Bundesländern eine rege Diskussion ausgelöst. In Österreich, im Gegensatz zu Deutschland ein überwiegend "katholisches Land" mit relativ starren und zentralistischen gesetzlichen Regelungen auf diesem Gebiet, hat eine solche Diskussion jedoch - zumindest in der Öffentlichkeit - bisher kaum stattgefunden.

Im Zeitalter der Globalisierung, in dem auch die sogenannten "einfachen Menschen" dem Druck weltweiter wirtschaftlicher, politischer und kultureller Einflüsse ausgesetzt sind, hat die Selbstbezogenheit der einzelnen Religionen und Konfessionen oft gefährliche Folgen. In dieser Situation selbstgerecht mit dem Finger auf Andere zu zeigen, die mit ihrer Ideologie an Krieg und Terror schuld seien, hilft gar nichts. Das ist nur die andere Seite derselben Medaille. Mit einer abwertenden Einstellung ist kein tiefergehendes Gespräch und keine Gemeinschaftlichkeit, die die Basis für Frieden ist, möglich.

Eine Lösung der Probleme an der Wurzel wird es wohl erst geben, wenn die Religionen und Kulturen aufhören, "im eigenen Saft zu schmoren" und in einen wirklichen Dialog mit praktischen Konsequenzen eintreten. Dazu ist vor allem auch sehr viel Respekt vor der Authentizität der anderen Religionen und Kulturen sowie die Bereitschaft, voneinander zu lernen, notwendig. Wer diese Haltung bereits von früher Kindheit an in der Schule entwickelt und praktisch geübt hat, wird als Erwachsener Verschiedenheit nicht als Bedrohung, sondern als bereichernde Vielfalt erleben und darüber hinaus fähig sein, Konflikte statt durch Verdrängung oder Gewalt mit friedlichen Mitteln zu lösen.
 

Links zum Thema:

Und wenn Ihr Kind Sie mal nach Gott fragt? Ein Elternbrief zur religiösen Erziehung. Von Rainer Jungnitsch

Volkszählung 2001: Wohnbevölkerung nach Religion (Statistik Austria)

Studie: Österreicher werden zu "Religionskomponisten" (ORF-Bericht)

Pastoraltheologe Zulehner: "Megatrend zur Respiritualisierung" (ORF-Bericht)

Wertestudie 2000: "Österreicher werden religiöser" (ORF-Bericht)

900.000 Schüler besuchen katholischen Religionsunterricht (ORF-Bericht)

"Reli"-Abmeldungen: Wien bleibt Schlusslicht (ORF-Bericht)

Ethikunterricht: Versuche positiv (ORF-Bericht)

Gesetzliche Grundlagen für den römisch-katholischen Religionsunterricht (RPI Graz)

"Religionsunterricht für alle": Erklär' mir den Begriff, während ich auf einem Bein stehen kann!

Vereinigung Hamburger Religionslehrerinnen und Religionslehrer e.V.: Unsere Interreligiöse Konzeption

Gesprächskreis Interreligiöser Religionsunterricht in Hamburg: Presseerklärung vom 12. November 1998

Gesprächskreis Interreligiöser Religionsunterricht in Hamburg: Empfehlungen zum Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Hamburg, Februar 1997

"Glaubst Du an Gott? - Ja oder Nein?" - Erfahrungen und Gedanken zum interreligiösen Religionsunterricht von Dirk Chr. Siedler

Der Religionsunterricht der Zukunft - überkonfessionell und interreligiös? von Andreas Verhülsdonk (kritische Position)

Auseinandersetzungen mit Einstellungen bzw. Auffassungen zur Religionsfreiheit und zur Haltung gegenüber anderen Religionen. Von Marianne Ottmaier, Seminararbeit an der Universität Wien




  

  Friedrich Moshammer