Jesus zwischen Kill Bill und dem
"modernen" Christentum
In Europa ist man mit einem sehr seltsamen Phänomen konfrontiert.
Es sind zwei Filme an welchen wir das bemerken können. "Kill
Bill Vol. 1 & 2" von Quentin Tarantino und "The
Passion of Christ" von Mel Gibson.
Es stimmt, diese Filme haben weder inhaltlich noch stilistisch
etwas miteinander zu tun. Im Gegenteil beide Filme sprechen
völlig unterschiedliche Zielgruppen an. Der Film von Mel Gibson
zieht religiös interessierte Menschen an, während Kill Bill
sich an die Filmfreaks und Freunde von Action und Gewalt wendet
- gilt doch Tarantino als "Regietalent".
Was die Filme verbindet sind die Reaktionen der Kritiker
und Medien hier in Europa.
Mel Gibsons filmische Interpretation der letzten 24 Stunden
im Leben von Jesus Christus erntete in Europa durch die Bank
Verrisse und Ablehnung. Von "plumpen Kitsch" war die
Rede und überzeichneter Gewalt, von naiver Weltsicht und manipulativer
Regie wird gesprochen. Der Vorwurf des Antisemitismus war da,
bevor jemand einen Meter Film gesehen hat. Der Film wurde von
Medien und Kritik grundsätzlich als schlecht und unnötig verworfen.
Christoph Huber von der Presse erklärt sich die Begeisterung
der Amerikaner für den Film damit, dass die im Film gezeigte
Haltung von Jesus mit der Mentalität eines Selbstmordattentäters
einhergeht. Für uns schwerintellektuelle Europäer natürlich
kein Thema.
http://www.diepresse.at/
Huber zieht hier im Kugelschreiber-Umdrehen einen Vergleich
zwischen einem Unschuldigen, welcher seine Ermordung durch Kreuzigung
auf sich nimmt und einem bewussten Mörder, welcher Unschuldige
mit in den Tod reißt. Es scheint sich hier eher um die verzweifelte
Suche nach weiteren Gründen für Antiamerikanismus zu handeln.
Sehr merkwürdig - das am Rande.
Man kann zu dem Film stehen wie man will und natürlich ist
er pathetisch und übertrieben, die Gewalt ist explizit, die
Bibel zum Teil interpretiert und Regisseur Gibson drückt bewusst
auf die Tränendrüse - all das mag sein. Und es ist trotzdem
kein Grund dieses Werk derart zu zerreißen und abzulehnen. Es
scheint, dass wenn Mel Gibson die Bibel interpretiert - und
anders geht es ja nicht, er war ja nicht dabei - und man ihm
die berühmte künstlerische Freiheit nicht gewährt.
Jene KÜNSTLERISCHE FFREIHEIT, welche sich jeder Fäkalkünstler
auf die Fahnen schreibt, wenn nur die leiseste Kritik am Werk
laut wird.
Quentin Tarantino genießt diese Freiheit und gilt auch als
(wahrscheinlich) größtes Regietalent der 90er. Seine Filme "Reservoir
Dogs" - 1993, ""Pulp Fiktion" - 1994, "Jackie
Brown" - 1997 gelten als Meilensteine der Filmkunst des
letzten Jahrzehnt. Natürlich hat Tarantino auch genug Schelte
und Prügel einstecken müssen.
Der - nicht unberechtigte - Vorwurf der übertriebenen Gewaltdarstellung
und Gewaltverherrlichung begleitete sein Schaffen.
Auch sein neuester Streich Kill Bill Vol.1" (lief im
vergangenen Oktober im Kino, soeben startete der 2.Teil) muss
mit diesen Vorwurf leben. Tarantinos Filme sind voller Gewalt
und werden trotzdem von der Presse gelobt und gepriesen. "Kill
Bill Vol.1" wurde von mehreren Musik und Kinomagazinen
zum Film des Jahres 2003 gewählt und landete bei all den anderen
Kritikern zumindest unter den besten 10 des Jahres. Der Film
erzählt die simple Geschichte einer Frau, welche einen Mordanschlag
knapp überlebt und nach ihrer Genesung damit beginnt, die Täter
nacheinander zu liquidieren. Sie benützt eine Liste welche sie
sehr penibel - und blutig - durcharbeitet. Das Samuraischwert
ist die bevorzugte Waffe und Blut darf in Strömen fließen. Wer`s
mag, soll sich dran erfreuen. Hier gilt es nicht den Film zu
beurteilen - auch diese Werke der Filmkunst darf es geben. Die
Frage stellt sich, was Tarantino denn kann, um mit seinen Filmen
solche Begeisterungsstürme zu entfachen.
Nun, er ist ein brillanter Techniker und arbeitet perfekt
mit der Kamera und seinen Schauspielern. Seine Choreografie
ist brilliant und arbeitet äußerst geschickt mit Schnitten Rückblenden
und verschachtelt die Zeitebenen. Er versteht sein Handwerk
durchaus, und - er zitiert. Tarantino ist ein Filmfreak und
hat Tausende Schund und Trash-Filme in seinem Haus - und diese
auch gesehen - Karate - Action - Thriller - Italowestern, das
volle Programm.
Seine eigenen Filme sind voller Anspielungen auf andere Filme.
Gebastelt nach dem Baukastenprinzip eines Peter Pans, der alles
Vernünftige und Erwachsene ablehnt. Patchwork-Kunst nennt man
das wahrscheinlich. Tarantino schnipselt, bastelt und verschachtelt
und schafft damit (scheinbar) Neues - und das kann er wirklich
gut.
Seine größte Stärke liegt jedoch ganz woanders. Nämlich:
Seine Filme sind völlig sinnfrei - sie haben NICHTS zu sagen.
Es gibt keine Aussagen oder Erkenntnisse. Es gibt keine Moral
oder Werte - es gibt NICHTS - nur sehr gekonnt zusammengestellte
Bilder. Die dargestellte Gewalt ist comicartig übertrieben -
es darf gelacht werden, wenn die abgehackten Gliedmaßen in Teilen
herumfliegen. Es ist nichts ernst oder real. Nichts stört das
verschüttetet geglaubte Gewissen des Zusehers.
Werte sind in unserer Zeit nicht mehr gefragt - es gilt nur
noch einen Wert - die Toleranz. Jeder soll tun dürfen, was er
will. Tarantino selbst entstammt einer Generation, welche ohne
Werte aufwuchs. Es gab keine Familienideale mehr, Religionen
und andere Institutionen, an welchen man sich orientiert hatte,
verloren ihre Bedeutung. Es gab nur Entertainment - das Fernsehen
war der neue Gott. Und das vermitteln auch seine Filme. Ein
hohles Nichts an Unterhaltung gebastelt aus gebrauchten Ersatzteilen.
"The Passion of Christ" hat weniger Gewalt als
ein Tarantino-Film. Mel Gibson zeigt die Gewalt in seinen Film
jedoch nicht cool comic-haft mit einem zynischen Grinsen, sondern
als reales Ereignis, das so passiert sein könnte - und das schmerzt.
Er zeigt die Geschichte eines Menschen, der bereit war, sein
Leben unter unglaublichen Umständen für andere zu opfern. Er
zeigt Werte. Er zeigt christliche Werte, welche unsere Gesellschaft
in den letztzten Jahrzehnten mit einem Mantel des Zynismus mehr
und mehr erfolgreich überdeckte. Mel Gibson zeigt diese Werte
und damit uns einen Spiegel über unsere Wurzeln. Er erzählt
eine wahre Geschichte, die manche nicht mehr hören wollen. Es
scheint das mancher Kritiker hier an Dinge erinnert wurde, welche
schon lange als "überwunden" galten. Es scheint, dass
so manche Priester und Kirchenfürsten welche den Film verurteilen
und ablehnen hier an eine Jesusdarstellung stoßen, welche mit
dem aktuellen "Stil" ihrer Kirche nichts mehr zu tun
hat.
Mel Gibson zeigt, dass "Gutes" möglich war und
ist - und das scheint doch Einige zu stören.
Die Kritik am Film von Mel Gibson ist keine Kritik am Werk
oder an seiner Filmkunst. Es ist eine Kritik an den Werten,
die dieser Film transportiert. Toleranz ist für diese Welt nicht
genug und der Film zeigt, dass es sehr wohl Menschen gab, welche
bereit waren, alles für andere zu opfern.
Wer das nicht sehen will, bleibt bei Tarantino, lobt dessen
filmische Brillanz und führt oberflächige Diskussionen über
Gewalt im Film.
Das Leben bietet jedoch mehr - und wir wissen das auch.
Andreas Bauer
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