Familie und Selbstverwirklichung Modelle fürs nächste Jahrtausend
"Was tun Familien gemeinsam? Essen und fernschauen." Auf diesen Punkt bringt das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖIF) seine Studie des Zusammenlebens in Österreichs Familien. Österreichisches Institut für Familienforschung
Die Basis bildete eine umfangreiche Erhebung des Österreichischen Statistischen Zentralamtes (ÖSTAT), in der erfragt wurde, wie die Menschen in diesem Land ihre Zeit verwenden. Besonders betrachtet wurden in der Analyse des ÖIF die Unterschiede, die sich aus dem Alter der Kinder ergeben. Und da zeigt sich, daß es bei Familien mit Kindern ab 10 Jahren vor allem die passiv-konsumierenden Tätigkeiten des Essens und Fernsehens sind, die alle - oder wenigstens einige - Familienmitglieder "an einen Tisch" bringen. Aktivere Tätigkeiten sind entweder - wie etwa Mithilfe im Haushalt - bei den meisten Kindern eine vernachlässigbare Größe oder sie werden - wie etwa Spiele und Sport - zum allergrößten Teil mit Freunden oder alleine ausgeübt. Die Studie zeigt auf, daß etwa gemeinsame Spiele mit den Eltern bereits bei den Zehnjährigen nicht mehr sehr bedeutsam sind. Während insgesamt 37% der befragten Burschen und 29% der Mädchen werktags zumindest eine kurze Zeit spielen, spielen mit den Eltern nur 6%. Und dann auch nur höchstens eine Stunde, am Wochenende etwas mehr.Es ist klar, daß Kinder ab einem gewissen Alter Bereiche brauchen, in denen sie sich vom Elternhaus abgrenzen und Eigenständigkeit, Umgang mit Gleichaltrigen und Behauptung in der Gesellschaft üben können. Wer nicht mehr ganz jung ist, wird sich jedoch auch noch an eine Zeit erinnern können, in der diese "Flucht aus der Familie" - auch bei der Freizeitgestaltung der Erwachsenen - noch nicht so ausgeprägt war. Zunahme von Individualismus und Bevorzugung eher unverbindlicher Gemeinschaften scheinen unaufhaltsame Trends unserer Zeit zu sein.- Wirklich unaufhaltsam?
Mittlerweile gibt es auch schon wieder Gegenbewegungen, die zwar den familienfeindlichen Trend zum Individualismus noch nicht aufhalten können, aber zeigen, wohin der Weg im 21. Jahrhundert voraussichtlich gehen wird: Unter anderem hat die Freizeitindustrie - meist aus kommerziellen Interessen, aber immerhin - erkannt, daß Hotels, diverse Themenparks, Museen und dergleichen Angebote für alle Familienmitglieder bereithalten müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Und da ist eben vieles dabei, was Eltern und Kinder und sogar Großeltern und Enkelkinder gemeinsam tun können.
Eigenes Zimmer mit Stereoanlage, Fernseher, Spielkonsole und Computer
Die Zunahme des Wohlstandes in den letzten Jahrzehnten macht es den einzelnen Familienmitgliedern heute viel leichter, Aktivitäten alleine oder mit anderen - außerhalb der Familie - nachzugehen: Immer früher haben Kinder ein eigenes Zimmer mit Stereoanlage, Fernseher, Spielkonsole und Computer - neben anderen aufwendigen Spielsachen. Außer Haus betriebene Freizeitaktivitäten der Kinder, aber natürlich auch der Eltern, sind oft ebenfalls recht kostspielig und werden unabhängig voneinander an den verschiedensten Plätzen betrieben: Gemeinsam mit den Eltern ins Kino zu gehen ist nicht "cool"; die sehen sich inzwischen einen anderen Film in einem anderen Kino an. Papa oder Mama bringen die Kids zum Fußballtraining, zur Klavier- oder Ballettstunde. Nachdem der Älteste beim Karatekurs abgeliefert ist, bleibt bis zum Ende der Reitstunde der Tochter noch ein bißchen Verschnaufpause, um sich die Vorabendserie im Fernsehen anzusehen. Die Faszination der Kinder für Computerspiele hat mit der "ernsthaften", eher von beruflicher Notwendigkeit bestimmten Beschäftigung der Eltern mit dem Computer rein gar nichts zu tun. Kein Wunder, daß die nicht einmal wissen, wer Lara Croft ist, und sie daher auf diesem Gebiet nicht mitreden können.
Getrennte "Welten" von Eltern und Kindern
Die "Welten" von Eltern und Kindern scheinen in vieler Hinsicht auseinanderzudriften: Väter und Mütter verbringen einen mehr oder weniger großen Teil ihrer Zeit in der Arbeitswelt, von der die Kinder meist keine Ahnung haben. Von der Schule, die den Tagesablauf der Kinder ab sechs bestimmt, meinen wiederum viele Eltern, daß sie weit weg vom "Ernst des Lebens" sei. Hier werden schon seit langem die Grundlagen für eine individualistisch ausgerichtete Lebenseinstellung gelegt. Wer in seiner Arbeit erfolgreich sein will, muß einen möglichst scharfen Trennstrich zwischen seiner Rolle als arbeitender Mensch und seiner Rolle als Mutter oder Vater ziehen können. Das wird Männern meist leichter gemacht als Frauen. Als Lösungsvorschlag legt man den Frauen meist nahe, das doch ebenso konsequent zu tun - also die Kinder möglichst früh professioneller Betreuung zu überantworten. An den familienfeindlichen Strukturen der Wirtschafts- und Arbeitswelt braucht sich dann nichts zu ändern. Immerhin gibt es hier auch schon eine Gegenbewegung: Gute Beispiele von Firmen zeigen, daß es ganz ohne betriebswirtschaftliche Katastrophe möglich ist, Arbeitszeiten familienfreundlicher zu gestalten, Kinderbetreuung am Arbeitsplatz anzubieten oder den Wiedereinstieg nach der Kinderpause durch Schulungsangebote vorzubereiten. Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie
Eltern stärker ins Schulgeschehen einbinden
Auf der anderen Seite gibt es an einzelnen Schulen Ansätze, die Eltern stärker ins Schulgeschehen einzubinden und ihnen sogar Mitverantwortung zu überlassen. Das alte Muster, den Kontakt zwischen Lehrern und Eltern hauptsächlich auf Elternsprechtage und auf die leidige Notenfrage zu beschränken, wird sich nach der Jahrtausendwende wohl in absehbarer Zeit überlebt haben. Warum sollten Eltern oder Großeltern nicht dann und wann ins Unterrichtsgeschehen einbezogen werden? Lehrer verlieren im Zeitalter der neuen Medien, die Fakten und Hintergründe anschaulich und anregend vermitteln können, ohnehin das "Lehrmonopol". Sie sollten stattdessen reife Persönlichkeiten mit fachlicher Kompetenz sein, die durch Organisation, Vermittlung, Beratung und Begleitung Lernerfahrungen verschiedenster Art ermöglichen und in geregelte Bahnen lenken. Wäre es nicht auch Aufgabe der Schulen, die Eltern mit dem vertraut zu machen, womit sich Kinder in der Schule beschäftigen, statt ängstlich den "Störfaktor" Eltern aus der Schule draußen halten zu wollen? Heikle oder umstrittene Themenbereiche können sehr wohl auch mit den Eltern diskutiert werden - wenn erst die passive, Verantwortung abschiebende Haltung vieler Eltern überwunden ist. Schulveranstaltungen können von Eltern mitgetragen werden, Schulen den Eltern eine Einführung in Computer und Internet oder Beratung zur Auswahl von Computerspielen, Lernsoftware und Internet-Adressen für Kinder anbieten.
Gemeinsame Erlebnisse stärken die Familienbande
Eltern können wiederum vieles tun, um gemeinsame Aktivitäten für die ganze Familie attraktiv zu machen: Auch ohne kommerzielle Angebote gibt es viele Möglichkeiten: Natur pur muß gar nicht langweilig sein, wenn die Erwachsenen nicht nur ihre eigenen Interessen und Vorlieben in den Mittelpunkt stellen. Das Lagerfeuer im ausgetrockneten Bachbett läßt den Geruch von Freiheit und Abenteuer erleben, Camping im Zelt oder Übernachten auf der Almhütte sind gemeinsame Erlebnisse, die sowohl die Familienbande stärken als auch das Verständnis für die natürliche Umwelt fördern. Die sportliche Leistungsfähigkeit der Familienmitglieder ist natürlich verschieden, aber warum nicht Plätze aufsuchen, wo es sowohl Raum für Aktivitäten gibt, die alle oder einige gemeinsam ausüben können als auch "für jeden etwas" im nahen Umkreis. Hier wäre neben dem Ideenreichtum der Familien selbst auch die Kreativität der Veranstalter von Festen und Wettbewerben gefragt: Spiel, Sport und auch kulturelle Aktivitäten, je nachdem wo die speziellen Fähigkeiten des einzelnen liegen, könnten auch so kombiniert werden, daß nicht nur die Einzelleistung zählt, sondern Familien als "Mannschaften" auftreten, die vom Jonglieren über Ping Pong bis zum Geige-Spielen ihre Stärke als Gemeinschaft durch Kombination individueller Fähigkeiten beweisen. Der Phantasie wären hier keine Grenzen gesetzt. Auch Familienmusik (ob Pop, Klassik oder Volksmusik) sollte heute nicht unbedingt auf Berühmtheiten wie die Kelly Family beschränkt sein.
Tendenz, die Leistung von Individuen hochzujubeln
Generell besteht heute die Tendenz, die Leistung von Individuen hochzujubeln und dabei zu vergessen, daß kein Mensch seinen Wert nur aus seiner Anerkennung im öffentlichen Raum ableiten kann: Berühmte Schauspieler und Schauspielerinnen werden von populären Medien zu begehrenswerten Objekten hochstilisiert, sie werden mit Briefen von Fans überschüttet, die überhaupt keine Rücksicht darauf nehmen, daß diese Stars auch noch private Beziehungen - oft eine Familie - haben, die für sie als Mensch wichtiger sind als all der Erfolg in der Öffentlichkeit. Erfolg im Rampenlicht oder in den Zirkeln der Macht isoliert nicht selten im privaten Bereich. Auch hier wird von den Erfolgreichen verlangt, sich als Individuum von der Familie abzugrenzen, was leider nur allzuoft in Scheidungen und persönlichen Tragödien endet.
Die Familie des nächsten Jahrtausends wird in vielem etwas Neues sein
Im allgemeinen scheint der Zenit der Extreme mit der Jahrtausendwende erreicht zu sein. Eine Bereitschaft, vom Weltbild des exklusiven Individualismus abzurücken, ist erkennbar. Familienwerte werden - wenn auch oft noch als Schlagworte - wieder "salonfähig", denn die Schäden, die bereits angerichtet sind, bleiben niemandem verborgen.
Auch von ausführlichen Studien über die Einstellung der österreichischen Bevölkerung zur Familie läßt sich ein solcher Trend relativ deutlich ablesen. Der vom Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie herausgegebene "Österreichische Familienbericht 1999" faßt mehrere Studien auf diesem Gebiet zusammen. Trotz vielfach gegenläufiger realer Situation zeigen sich bei den Einstellungen bemerkenswerte Ergebnisse. So werden etwa die steigenden Scheidungszahlen von 80% der 20-39jährigen negativ beurteilt von Allein- bzw. ohne Trauschein Zusammenlebenden zu 71%, von Eheleuten und AlleinerzieherInnen zu 84%. Am wenigsten akzeptiert werden Scheidungen von Ehen mit Kleinkindern.
Die individualistischen Trends der vergangenen Jahrzehnte haben es auch nicht geschafft, für Elternschaft fundamentale Einstellungen außer Kraft zu setzen. Nach wie vor (oder wieder) wird in Umfragen Verantwortung gegenüber den Kindern großgeschrieben: 62% der 20-39jährigen meinen, daß die Eltern ihr eigenes Leben hinter das ihrer Kinder stellen sollten. Nur etwas mehr als ein Viertel hält nichts davon, daß Eltern ihr Leben um der Kinder willen opfern.
Auch der Sinn der Elternschaft wird neu reflektiert. Bekamen Menschen früher oft Kinder, um ökonomisch abgesichert zu sein, sind es heute andere Gründe: Am häufigsten für zwei Drittel relevant genannt werden Kinder helfen einem, sich selbst weiterzuentwickeln und Durch Kinder bekommt das Leben einen Sinn. Kinder bringen die Partner einander näher und weniger Einsamkeit im Alter zählten für 44%. Die unhinterfragte Selbstverständlichkeit familiärer Strukturen der Vergangenheit wird zwar nun von manchen bis zur völligen Beliebigkeit in Frage gestellt. Doch die Mehrheit - auch die Jugendlichen - sind offenbar anderer Meinung: Stärkung der Familie im klassischen Sinn ist angesagt. Denn andere Modelle des Zusammenlebens haben sich als wenig tragfähig erwiesen: Unverbindliche Beziehungen sind eine Folge persönlicher Unsicherheit, aber auf Dauer kein erstrebenswerter Zustand.
Eine wieder gestärkte Familie im nächsten Jahrtausend wird jedoch nicht einfach im nostalgischen Rückgriff auf vergangene Zeiten bestehen können, sondern sich in vielem auf neue Fundamente stützen müssen: Weder eine hauptsächlich durch Regeln der Tradition und wirtschaftlicher Abhängigkeit bestimmte noch eine bloße, zeitlich begrenzte Wohngemeinschaft, in der jeder seinen eigenen Interessen nachgeht, erfüllt die wirklichen Bedürfnisse der Menschen. Moralische Instanzen, wie etwa die Religionen, waren früher und sind vielfach auch heute noch wichtige Stabilitätsfaktoren der Familie. Doch unerklärte Gebote, auf die eigene Gemeinschaft beschränkte Doktrinen oder mythische Vorstellungen reichen heute - und erst recht in der Zukunft - als Basis stabiler Familien nicht aus.
Orientierungshilfen für Familien des neuen Jahrtausends müssen auf verständlichen Grundlagen beruhen und gleichzeitig die Grundbedürfnisse nach tiefen, inneren Wurzeln befriedigen. Sie müssen auch praktische Vorbilder, Lebenshilfe und Möglichkeiten der Gemeinschaft unter den Familien bieten. Nicht zuletzt sollte eine Familienbewegung des nächsten Jahrtausends die Entwicklung der "Kunst des Liebens" fördern. Denn nach den oft pragmatischen Familienvorstellungen der Vergangenheit und einer von Individualismus geprägten Gegenwart, werden sich die gebrannten Kinder auf die Suche nach der "wahren Liebe" machen, die mit schmalztriefenden Schnulzenrefrains nur wenig gemein hat, dafür umso mehr mit dem täglichen Versuch, Selbstlosigkeit nicht als Verlust, sondern als Quelle der Freude zu erfahren.