Um Gottes Willen Heinrich Krcek schlägt uns eine Brücke
aus dem Familienalltag direkt in den Himmel
Im trauten Familien (Halb)kreis ?Wozu, stöhnt die Mama, sind wir eigentlich eine Familie? Jeder kommt und geht wann es ihm passt, tut und lässt, was ihm beliebt, und am Ende sitze ich mit dem schmutzigen Geschirr allein in der Küche!
Schweigen in der Runde. Endlich schlägt Papa vor, am Sonntag einen Ausflug zu machen. Mama fängt den Ball auf, die beiden Töchter ziehen lange Gesichter. Die Ältere will fernsehen, die Jüngere zur Freundin.
Ein gemeinsamer Gottesdienst? Stößt auf erhebliche Schwierigkeiten. Die Erstgeborene weiß mit Gott und Religion zur Zeit ohnehin nichts anzufangen und die Jüngere findet so etwas - in Nachahmung ihrer älteren Schwester - auch nicht so cool. Zwingen? Gott bewahre! In jener Zeit, die nur deshalb gut genannt wird, weil sie alt ist, versammelten wir uns zu geeigneten Kindersendungen vor dem Fernseher. Danach hatten wir alle zwar nichts gemeinsam erlebt, aber ein Erlebnis gemeinsam angeschaut. Doch diese spärlichen Familienhalbkreise sind auch schon Geschichte.
Mitunter gewinne ich den Eindruck, dass unsere Familie nur mehr durch die gemeinsame Anschrift und Telefonnummer zusammengehalten wird.
Das sind die eher äußeren Erfahrungen und Argumente. Es gibt aber auch innere.
Vor etlichen Jahren hat mir einmal die Mutter von drei Söhnen gesagt: Ich denke mir, wir Eltern sind die Gastgeber unserer Kinder. Wir müssen alles tun, dass sie in diesem Haus, genannt Erde, leben, sich wohl fühlen und gedeihen können.
Wir wollen gerne Werte bewahren, alte Traditionen, idyllisches Familienglück. Waren die Familien, die an den Wochenenden und langen Winterabenden zusammengesessen sind, wirklich um so viel glücklicher? Gab es hier Raum zur Entfaltung des Einzelnen und des fruchbaren und beglückenden Miteinander?
War der Freiraum früher eher karg bemessen, sind die Kinder heute oft einer Grenzenlosigkeit ausgesetzt, in der sie meinen, alle Freiheit zu haben. Doch Grenzen gibt es keine Richtung und ohne Führung finden sie ihren Weg nicht.
Ich denke, dass wir Eltern als Gastgeber unseren Kinder einen doppelten Schutz gewähren dürfen und müssen:
Zum einen gewähren wir ihnen ein Dach über dem Kopf mit dem nötigen Equipment darunter und den entsprechenden Lebensunterhalt. Zum anderen brauchen unsere Kinder auch einen geistigen Schutz. Sie benötigen ein geistiges Haus, in dem ihnen gesunde geistige Kost serviert wird. Mitunter sind sie neugierig, wie es bei einem geistigen Würstelstand draußen schmeckt, doch daheim gibts Vollwertkost, oder jedenfalls das, was wir dafür halten.
In der Zeit der Pubertät wird es schwierig, die Hausordnung durch Verbote auszudrücken. Die äußere Versorgung nehmen die Teens und Twens gerne an, das Taschengeld, die Weihnachtsgeschenke, die Finanzierung ihrer Hobbys und Freizeitgestaltung und manches andere mehr.
Darüber hinaus sollen sie wissen, erfahren, erleben, dass bestimmte Verhaltensweisen in diesem Familienkreis nicht üblich sind, dass gewisse Fernsehsendungen und Zeitschriften bei uns nicht auf dem Programm stehen. Womöglich sehen oder lesen sie diese woanders. Doch das ist dann ihre eigene Verantwortung.
Es scheint die Zeit gekommen zu sein, wo wir unseren Kindern nur mehr sagen können: Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr essen. Ihr dürft euren Interessen nachgehen, ihr dürft euch umschauen in dieser Welt, dürft jede Art von Beziehung eingehen. Geht hinaus, schaut euch die Welt an, macht euere Erfahrungen.
Wir dürfen aber nicht vergessen, den zweiten Teil dieses Satzes hinzuzufügen: Nur von einem Baum dürft ihr nicht essen: vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Wenn ihr davon esst, werdet ihr sterben.
Wir müssen es ihnen sagen, sonst wissen sie es nicht.
Wir müssen es ihnen sagen, auch wenn sie uns vorwerfen, wir würden ihnen ein schlechtes Gewissen einreden. Wir müssen es ihnen sagen, damit sie immer im Haus wohnen können.
Trotz aller divergierender Kräfte, die unsere Familien auszuweichen drohen, spüren unsere Kinder die Heimat des Herzens, selbst wenn die einzige gemeinsame Veranstaltung ein Halbkreis um den Fernseher wäre.