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Abenteurer, Schlauköpfe und andere Experten

Jedes Kind hat seine Stärken: Eine typgerechte Erziehung hilft Kindern, zu starken und gesunden Persönlichkeiten zu wachsen.

"Wann sind endlich wieder Ferien?" fragt mein neunjähriger Sohn Daniel seit Wochen, und seine Stimmung steigt offensichtlich mit jedem Tag, den die ersehnte Freizeit näherrückt. In der Schule gilt er als eher stilles Kind, seine Lernfortschritte sind gut. Zuhause jedoch ist er lebhaft, laut und oft ziemlich "überdreht". Von Zeit zu Zeit scheint er sich geradezu in ein kleines Monster zu verwandeln, das es darauf abgesehen hat, seine Geschwister ebenso wie seine Eltern durch sein unangepasstes und wildes Verhalten zu provozieren. Regeln einzuhalten ist nicht gerade sein Ding, und von seinen Aktivitäten im Freien kommt er so oft mit völlig verdreckter, durchnässter oder zerrissener Kleidung zurück, dass er damit vor allem meiner Frau den letzten Nerv zu ziehen droht. Wie viele andere Eltern fragen wir uns gelegentlich, ob unser Kind vielleicht ein "Problemkind" ist oder ob wir in der Erziehung versagt haben.
Das Thema Kindererziehung hat heute Konjunktur, weil in vielen Familien Verunsicherung herrscht und so genannte Verhaltensauffälligkeit tatsächlich im Zunehmen begriffen sein dürfte. Woran sollen Eltern sich in einer kompliziert gewordenen Welt, in der alles relativ zu werden droht, denn halten? Auf einfache Formeln gebrachte Lösungen, die rasch Ergebnisse bringen sollen, sind gefragt. Erziehungsratgeber füllen ganze Regale der Buchhandlungen, und im Fernsehen, dem besonders schnellen und anschaulichen Massenmedium, hat nach "Big Brother", "Starmania" und anderen unterhaltsamen, langweiligen oder unappetitlichen Programmen eine neue Art von Reality Show Einzug gehalten, die "TV-Super Nanny". Dabei wird den Zuschauern mehr oder weniger unterhaltsam oder ernsthaft vorgeführt, wie Erziehungsberater (meist Beraterinnen) den anscheinend aus den Fugen geratenen Erziehungsalltag in ausgewählten Familien wieder ins Lot bringen. Die Meinungen von Pädagogen und Psychologen ebenso wie der Eltern zu solchen Shows sind geteilt. Doch das Zuschauerinteresse ist groß, und manche Erziehungswissenschaftler sind der Ansicht, dass allein schon die stärkere Beschäftigung mit dem Thema und die Diskussion darüber die Erziehungskompetenz der Eltern verbessert.

Die Ergebnisse der internationalen PISA-Vergleichsstudien, die die Schulleistungen von Schülern in vielen Ländern der Welt einander gegenüberstellen, haben besonders in der deutschen und österreichischen Öffentlichkeit eine aufgeregte Debatte ausgelöst. Hat unser Schulsystem darin versagt, unseren Kindern die wichtigsten Grundkenntisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten beizubringen? Die vergleichsweise enttäuschenden Rangplätze haben in Österreich eine Art Dammbruch im politisch bedingten Reformstau bewirkt. Ganztagsschule, Gesamtschule, Schulpflichtverlängerung und ähnliche bisher ideologisch zementierte Begriffe werden als mögliche Lösungen ins Spiel gebracht. Viel weniger hat man sich mit der mindestens ebenso interessanten Frage beschäftigt, ob unser Schulsystem bisher vielleicht der Entwicklung der Persönlichkeit und Individualität unserer Kinder zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Manche der im PISA-Vergleich erfolgreichen Länder scheinen uns gerade hier um einiges voraus zu sein.


Ein Leitfaden für das Leben und Arbeiten mit Kindern

Vor einiger Zeit fiel mir ein Buch in die Hand, das sich auf eine für mich als Vater ebenso wie als an Erziehungs- und Bildungsfragen interessierten Zeitgenossen sehr hilfreiche Weise mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzt. Der unspektakuläre und ganz und gar ohne Bezug auf Schulreformdebatten auskommende Band "Jedes Kind hat seine Stärken" von Christine Kaniak-Urban ist 1999 das erste Mal erschienen und seither in verschiedenen Ausgaben neu aufgelegt worden. Es beschreibt vier Persönlichkeitstypen, die die Autorin mit besonderem Bezug auf die Entwicklung von Kindern formuliert und mit vielen aufschlussreichen Beispielen und Hilfestellungen für Eltern und mit der Erziehung von Kindern befassten Personen versehen hat. Durch die geglückte Verbindung der Erkenntnisse der Autorin aus langjähriger praktischer Erfahrung als Schulpsychologin (und Mutter dreier Kinder) mit psychologischen Hintergründen, die in gut verständlicher Sprache verfasst sind, hat das Buch alle Voraussetzungen, um zu einem Erziehungs-Klassiker zu werden, der sowohl Elternbildung im besten Sinn vermittelt als auch auf keiner Grundlagen-Leseliste für Berufstätige im Erziehungswesen fehlen sollte.

Seit Jahrtausenden haben Philosophen und Psychologen versucht, die verwirrende Vielfalt an Persönlichkeitsmerkmalen in ein leichter darstellbares Modell von Persönlichkeitstypen oder "Temperamenten" zu fassen. Das berühmteste davon ist das des griechischen Arztes Galenus, der vor zwei Jahrtausenden zwischen sanguinischem, phlegmatischem, cholerischem und melancholischem Temperament unterschied. Kaniak-Urban baut auf der vor etwa 80 Jahren von dem berühmten Schweizer Psychologen C.G. Jung vorgestellten Typologie und deren Weiterentwicklung durch amerikanische Psychologen auf. Ihr besonderes Verdienst ist es, sie auf die Entwicklung von Kindern abgestimmt und für den Erziehungsalltag nutzbar gemacht zu haben.

Was bringt eine Einteilung in Persönlichkeitstypen? Eine grundlegende Hilfe, die wir von einer Typologie erwarten können, ist, uns davor zu bewahren, in eine der gefährlichsten Fallen für jede Beziehung (auch zu uns selbst) - und im Besondern für die Beziehung zu Kindern - zu tappen: Allzu oft neigen wir dazu, Persönlichkeitsmerkmale auch dort in "gut" und "schlecht" einzuteilen, wo sie eigentlich nur verschieden - und weder "gut" noch "schlecht" - sind. Eine weitere Sackgasse, die wir mithilfe der Erkenntnisse aus einer sinnvollen Typeneinteilung vermeiden können, ist die zu starke Konzentration auf Schwächen und Probleme. Die Beschreibung der Typen lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Stärken und besonderen Fähigkeiten eines Kindes oder eines Menschen im Allgemeinen. Kaniak-Urban hat daher für ihr Buch den Titel "Jedes Kind hat seine Stärken" gewählt - und als Untertitel "Typgerecht erziehen, seelische Nöte erkennen, Kompetenzen fördern". Die Vorteile  dieser Betrachtungsweise beschreibt sie so: "Der Kindertypus leistet Hilfe, das Verhalten eines Kindes zu erklären, ermöglicht Einfühlung und Verstehen und fördert Toleranz und Wertschätzung."

Eine wichtige, für den Alltag als Eltern oder Pädagogen sehr hilfreiche Erkenntnis wird dabei "so nebenbei" vermittelt: Auch wir waren einmal Kinder, und so manches eigene Verhalten als Erwachsene verstehen wir oft erst  im Spiegel einer Persönlichkeitstypologie, wie die Autorin sie vorstellt. Sie hat hier zwar in erster Linie Kinder im Blick, mit ihnen aber auch alle erwachsenen Bezugspersonen, auf die ihre Einteilung genauso anwendbar ist.



"Ich-Experten" und "Wir-Experten" - vier Kindertypen und ihre Mischformen

Kaniak-Urban gruppiert die Persönlichkeiten von Kindern in vier Typen mit einfachen Bezeichnungen: "Seelchen-Kinder" und "Pflicht-Kinder", die sie gemeinsam "Wir-Experten" nennt, sind zwei von ihnen, "Abenteuer-Kinder" und "Schlaukopf-Kinder", die sie unter dem Begriff "Ich-Experten" zusammenfasst, die anderen beiden. Um die Leser nicht zu verwirren, beschränkt sie sich darauf, diese Typen jeweils in einer "reinen Form" zu beschreiben. In der Wirklichkeit kommen diese entweder mehr oder weniger eindeutig ausgeprägt vor, oder auch als - zum Teil recht überraschende - Mischformen. Wie ich selbst feststellen konnte, ist das Einteilungsraster auch bei diesen "Mischtypus-Kindern" sehr hilfreich.

Die Autorin gibt ein einfaches Beispiel, wie die Anwendung (Hilfe beim Verstehen und Anregung zum Handeln) für Eltern bei einem bestimmten Kinder-Typ aussehen kann:

"Mein Kind

  • liebt aufregende Erlebnisse und ist viel in Bewegung (so verhält sich mein Kind);
  • gehört wahrscheinlich zum Typus des Abenteurer-Kindes (mein Kind gehört zu diesem Typus);
  • ist Experte für Unternehmungen mit anderen Kindern und für neue spannende Erfahrungen (das kann mein Kind);
  • braucht eine Lernwelt, in der es mit allen Sinnen lernen und sich viel bewegen kann, und in Krisenzeiten einen Erwachsenen, der ihm wertschätzend hilft, mit seiner Wut umzugehen (das braucht mein Kind)"


Aha-Erlebnisse - Kinder und Eltern im Spiegel der Persönlichkeitstypen

Mein eigenes Aha-Erlebnis beim Lesen dieses Buches ist nicht schwer zu erraten: Mein jüngerer Sohn Daniel ist ein ziemlich stark ausgeprägtes Abenteurer-Kind. Alles, was mit Aufregung, Spannung und buchstäblich "handgreiflicher" Erfahrung zu tun hat, zieht ihn an. Immer in Bewegung sein - wild mit dem Fahrrad oder mit der Rodel fahren, interessante Dinge anfassen und ausprobieren, was man mit ihnen machen kann, Spinnen, Frösche und anderes Getier fangen und in der Hand halten und vieles mehr, aber auch Actionfilme im Fernsehen und entsprechende Spiele am Gameboy oder Computer haben es ihm angetan. Superhelden sind seine Identifikationsfiguren. "Ich bin Spiderman!" würde er am liebsten von sich sagen. Mithilfe dieser Lebensweise versucht er sein Selbst zu entwickeln. Die Schule möchte er möglichst reibungslos über die Runden bringen, die Hausaufgaben schnell und perfekt erledigen, damit er danach ungestört seinen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen kann. Unter dem selbst ausgeübten Zeitdruck kann er sich gut konzentrieren. Fehler, die ihm unterlaufen oder Aufgaben, die er nicht sofort versteht, lösen allerdings oft Wutanfälle aus. Wenn andererseits seine Leistungen gelobt werden, stärkt das sein Selbstgefühl, von dem er eine hohe Dosis braucht. Nichts ist schlimmer für ihn als Langeweile - und wenn dieser Zustand unerträglich zu werden droht, dann müssen eben die langweiligen Geschwister oder Eltern einmal ordentlich provoziert werden, damit wieder Aufregung, Aufmerksamkeit und Spannung ins Leben kommen.

Dass verschiedene Lebensstile in einer Famile auch Konflikte und Probleme in Beziehungen und in der Erziehung heraufbeschwören können, ist klar. In unserer Familie jedenfalls ist Daniel der einzige stark ausgeprägte Abenteurer-Typ. Sein um eineinhalb Jahre älterer Bruder und täglicher Spielgefährte ist eine völlig anderere Persönlichkeit, nämlich - überraschenderweise - zu ziemlich gleichen Teilen das, was in dem Buch als "Schlaukopf-Kind" und "Seelchen-Kind" beschrieben wird. Für ihn spielen Ideen, Wissen und Erklärungen einerseits ("Schlaukopf") und Gefühle und emotionale Beziehungen andererseits ("Seelchen") eine große Rolle. Die jüngere Schwester Rebecca ist vier - und offenbar die (für Eltern und Erzieher relativ unkomplizierte) Variante eines Kindes, das alle vier Typen relativ gleichgewichtig in sich vereint. Je nach Situation kommen bei ihr zu unterschiedlichen Typen passende Verhaltensweisen zum Vorschein - so auch die Eigenschaften des "Pflicht-Kindes", das sich dadurch auszeichnet, dass es gerne der Gemeinschaft, vor allem aber seinen Eltern oder anderen älteren Bezugspersonen, durch praktische Hilfe zur Seite steht und allgemein deren Erwartungen erfüllen möchte.

Wir Eltern können uns nunmehr auch relativ leicht einordnen, und es ist klar, dass unser eigener Typus eine mindestens genauso große Rolle spielt wie der der Kinder: Meine Frau ist ganz offensichtlich sehr gefühlsorientiert - und damit ein stark ausgeprägter "Seelchen-Typ", für den es beispielsweise nicht leicht ist, die Mentalität eines Abenteurer-Kindes zu begreifen. Und ich selbst dürfte (wie mein Ältester) ein "Doppel-Typ" sein - allerdings wohl eine Art "Schlaukpf-/Pflicht-Typ". Ideen, Wissen und Verstehen waren für mich immer genauso wichtig wie Verlässlichkeit und Berücksichtigen der Erwartungen von Bezugspersonen und Gemeinschaft. Mit unserem Abenteurer-Kind etwa habe auch ich es nicht immer leicht, reagiere aber meinem Naturell entsprechend nicht so spontan-emotional wie meine Frau. Dafür kann mein Verhalten gelegentlich als "zuwenig feinfühlig", "intellektuell-abgehoben" oder  "unflexibel" ausgelegt werden.

Wer sich selbst und seine Bezugspersonen in einen Persönlichkeitstyp einordnen kann, wird mit diesen Einschätzungen anderer leichter umgehen können. Auch für Lehrerinnen und  Lehrer kann eine solche Hilfe zur Selbsterkenntnis sehr nützlich sein. Kaniak-Urban vermutet aus langjähriger Erfahrung, dass die überwiegende Mehrheit der Pädagogen - nicht zuletzt aufgrund unseres eher anpassungs-orientierten Schulsystems - dem Pflicht-Typ zuzuordnen ist. Wird in der Schule die Verschiedenheit der individuellen Lebensstile nicht berücksichtigt, sind Konflikte zwischen Lehrern und Schülern, Lernschwierigkeiten und andere Probleme - bis zum Mobbing - vorprogrammiert.


Wer sich als Persönlichkeit angenommen fühlt, kann Krisen überwinden und sich und andere lieben

Christine Kaniak-Urban wurde in ihrer Tätigkeit als Schulpsychologin naturgemäß vor allem dann konsultiert, wenn Lernschwierigkeiten, schulische Konfliktsituationen oder persönliche und familiäre Krisen zu bewältigen waren. Ein Drittel des Buches ist daher "typgerechten Angeboten zum Lernen und zur Krisenbewältigung" gewidmet. Hier gibt es Antworten auf Fragen wie "Welche Lernanregungen und Lernhilfen wünschen sich die Kindertypen?" oder zum Thema "Wie die Kindertypen den Ablauf einer Krise erleben: Gefahr und Gelegenheit erkennen." Neben dem Verstehen der Gründe und Ursachen für Probleme geht es dabei vor allem immer darum, bisher nicht erkannte oder zuwenig anerkannte Fähigkeiten und Kräfte der Kinder für Lösungen zu nutzen.

Das Grundanliegen hinter dieser Anleitung zur typgerechten Erziehung ist ein durch und durch gemeinschaftsförderliches. Respekt vor der Verschiedenheit und Individualität von Kindern ebenso wie von Erwachsenen bedeutet gerade nicht, einem schrankenlosen Individualismus oder dem rücksichtslosem Vormachtstreben einzelner das Wort zu reden. Denn egoistischer Individualismus und Streben nach Überwältigung anderer beruhen auf Minderwertigkeitsgefühlen, die meist in der Kindheit entstanden sind. Im Gegenteil: Wer sich bereits als Kind als einzigartige Persönlichkeit angenommen fühlt, der oder die wird es viel leichter finden, anderen Menschen Respekt und Liebe entgegenzubringen, wie verschieden sie auch sein mögen.

Literatur:

Kaniak-Urban, Christine
Jedes Kind hat seine Stärken
Typgerecht erziehen, seelische Nöte erkennen, Kompetenzen fördern
KÖSEL, 3. Aufl. 2002. 199 S.
ISBN 3466304830

Taschenbuchausgabe: DTV
dtv Taschenbücher Bd.34092
2004. 199 S.
ISBN 3423340924,

Im Internet bestellen:
beim ÖBV-Buchservice (Wien) http://www.buchservice.at/eduhi.php3/index.php3:
Bücher von Christine Kaniak-Urban

bei Amazon Deutschland:
Bücher von Christine Kaniak-Urban
 

Links zum Thema:

Links zu Familienperspektiven - Artikeln:

Werde, was du bist! Wie wir als Eltern die Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder unterstützen können

Achten und wertschätzen

Erstgeborener, Mittelkind oder Nesthäkchen? Wie die Geschwisterfolge unser Leben beeinflusst

Wer ist mein Nächster? Moralentwicklung: Kinder und Jugendliche brauchen eine moralische Identität.

Fehlende Väter. Wissenschaft im Widerspruch zum Zeitgeist?

Mit Gefühlen richtig umgehen

Die Gefühlswelt der Eltern

Familie ist nicht gleich Familie - Gedanken über die emotionale Qualität menschlicher Beziehungen

Läßt sich Eltern-sein lernen?

Erziehen Sie zeitgemäß ?

Konsequenz in der Erziehung - den Kindern richtig begegnen

Flugangst (prämierter Wettbewerbs-Beitrag - Familienperspektiven)

Grisu will Feuerwehrmann werden
 

Diverse Links zum Thema Erziehung und Bildung:

Autoritär, liebevoll oder einfach nur konsequent: Wie funktioniert die „richtige Erziehung“ - ORF-Beitrag vom Februar 2005

PISA Austria (internationale Vergleichsstudie der Schülerleistungen) - Projektwebsite

Anwendung der Ergebnisse der Kindertemperamentsforschung in der Schule



 
 

  Friedrich Moshammer