Die Ergebnisse der internationalen PISA-Vergleichsstudien, die die Schulleistungen von Schülern in vielen Ländern der Welt einander gegenüberstellen, haben besonders in der deutschen und österreichischen Öffentlichkeit eine aufgeregte Debatte ausgelöst. Hat unser Schulsystem darin versagt, unseren Kindern die wichtigsten Grundkenntisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten beizubringen? Die vergleichsweise enttäuschenden Rangplätze haben in Österreich eine Art Dammbruch im politisch bedingten Reformstau bewirkt. Ganztagsschule, Gesamtschule, Schulpflichtverlängerung und ähnliche bisher ideologisch zementierte Begriffe werden als mögliche Lösungen ins Spiel gebracht. Viel weniger hat man sich mit der mindestens ebenso interessanten Frage beschäftigt, ob unser Schulsystem bisher vielleicht der Entwicklung der Persönlichkeit und Individualität unserer Kinder zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Manche der im PISA-Vergleich erfolgreichen Länder scheinen uns gerade hier um einiges voraus zu sein.
Seit Jahrtausenden haben Philosophen und Psychologen versucht, die verwirrende Vielfalt an Persönlichkeitsmerkmalen in ein leichter darstellbares Modell von Persönlichkeitstypen oder "Temperamenten" zu fassen. Das berühmteste davon ist das des griechischen Arztes Galenus, der vor zwei Jahrtausenden zwischen sanguinischem, phlegmatischem, cholerischem und melancholischem Temperament unterschied. Kaniak-Urban baut auf der vor etwa 80 Jahren von dem berühmten Schweizer Psychologen C.G. Jung vorgestellten Typologie und deren Weiterentwicklung durch amerikanische Psychologen auf. Ihr besonderes Verdienst ist es, sie auf die Entwicklung von Kindern abgestimmt und für den Erziehungsalltag nutzbar gemacht zu haben.
Was bringt eine Einteilung in Persönlichkeitstypen? Eine grundlegende Hilfe, die wir von einer Typologie erwarten können, ist, uns davor zu bewahren, in eine der gefährlichsten Fallen für jede Beziehung (auch zu uns selbst) - und im Besondern für die Beziehung zu Kindern - zu tappen: Allzu oft neigen wir dazu, Persönlichkeitsmerkmale auch dort in "gut" und "schlecht" einzuteilen, wo sie eigentlich nur verschieden - und weder "gut" noch "schlecht" - sind. Eine weitere Sackgasse, die wir mithilfe der Erkenntnisse aus einer sinnvollen Typeneinteilung vermeiden können, ist die zu starke Konzentration auf Schwächen und Probleme. Die Beschreibung der Typen lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Stärken und besonderen Fähigkeiten eines Kindes oder eines Menschen im Allgemeinen. Kaniak-Urban hat daher für ihr Buch den Titel "Jedes Kind hat seine Stärken" gewählt - und als Untertitel "Typgerecht erziehen, seelische Nöte erkennen, Kompetenzen fördern". Die Vorteile dieser Betrachtungsweise beschreibt sie so: "Der Kindertypus leistet Hilfe, das Verhalten eines Kindes zu erklären, ermöglicht Einfühlung und Verstehen und fördert Toleranz und Wertschätzung."
Eine wichtige, für den Alltag als Eltern oder Pädagogen sehr hilfreiche Erkenntnis wird dabei "so nebenbei" vermittelt: Auch wir waren einmal Kinder, und so manches eigene Verhalten als Erwachsene verstehen wir oft erst im Spiegel einer Persönlichkeitstypologie, wie die Autorin sie vorstellt. Sie hat hier zwar in erster Linie Kinder im Blick, mit ihnen aber auch alle erwachsenen Bezugspersonen, auf die ihre Einteilung genauso anwendbar ist.
Die Autorin gibt ein einfaches Beispiel, wie die Anwendung (Hilfe beim Verstehen und Anregung zum Handeln) für Eltern bei einem bestimmten Kinder-Typ aussehen kann:
"Mein Kind
Dass verschiedene Lebensstile in einer Famile auch Konflikte und Probleme in Beziehungen und in der Erziehung heraufbeschwören können, ist klar. In unserer Familie jedenfalls ist Daniel der einzige stark ausgeprägte Abenteurer-Typ. Sein um eineinhalb Jahre älterer Bruder und täglicher Spielgefährte ist eine völlig anderere Persönlichkeit, nämlich - überraschenderweise - zu ziemlich gleichen Teilen das, was in dem Buch als "Schlaukopf-Kind" und "Seelchen-Kind" beschrieben wird. Für ihn spielen Ideen, Wissen und Erklärungen einerseits ("Schlaukopf") und Gefühle und emotionale Beziehungen andererseits ("Seelchen") eine große Rolle. Die jüngere Schwester Rebecca ist vier - und offenbar die (für Eltern und Erzieher relativ unkomplizierte) Variante eines Kindes, das alle vier Typen relativ gleichgewichtig in sich vereint. Je nach Situation kommen bei ihr zu unterschiedlichen Typen passende Verhaltensweisen zum Vorschein - so auch die Eigenschaften des "Pflicht-Kindes", das sich dadurch auszeichnet, dass es gerne der Gemeinschaft, vor allem aber seinen Eltern oder anderen älteren Bezugspersonen, durch praktische Hilfe zur Seite steht und allgemein deren Erwartungen erfüllen möchte.
Wir Eltern können uns nunmehr auch relativ leicht einordnen, und es ist klar, dass unser eigener Typus eine mindestens genauso große Rolle spielt wie der der Kinder: Meine Frau ist ganz offensichtlich sehr gefühlsorientiert - und damit ein stark ausgeprägter "Seelchen-Typ", für den es beispielsweise nicht leicht ist, die Mentalität eines Abenteurer-Kindes zu begreifen. Und ich selbst dürfte (wie mein Ältester) ein "Doppel-Typ" sein - allerdings wohl eine Art "Schlaukpf-/Pflicht-Typ". Ideen, Wissen und Verstehen waren für mich immer genauso wichtig wie Verlässlichkeit und Berücksichtigen der Erwartungen von Bezugspersonen und Gemeinschaft. Mit unserem Abenteurer-Kind etwa habe auch ich es nicht immer leicht, reagiere aber meinem Naturell entsprechend nicht so spontan-emotional wie meine Frau. Dafür kann mein Verhalten gelegentlich als "zuwenig feinfühlig", "intellektuell-abgehoben" oder "unflexibel" ausgelegt werden.
Wer sich selbst und seine Bezugspersonen in einen Persönlichkeitstyp einordnen kann, wird mit diesen Einschätzungen anderer leichter umgehen können. Auch für Lehrerinnen und Lehrer kann eine solche Hilfe zur Selbsterkenntnis sehr nützlich sein. Kaniak-Urban vermutet aus langjähriger Erfahrung, dass die überwiegende Mehrheit der Pädagogen - nicht zuletzt aufgrund unseres eher anpassungs-orientierten Schulsystems - dem Pflicht-Typ zuzuordnen ist. Wird in der Schule die Verschiedenheit der individuellen Lebensstile nicht berücksichtigt, sind Konflikte zwischen Lehrern und Schülern, Lernschwierigkeiten und andere Probleme - bis zum Mobbing - vorprogrammiert.
Das Grundanliegen hinter dieser Anleitung
zur typgerechten Erziehung ist ein durch und durch gemeinschaftsförderliches.
Respekt vor der Verschiedenheit und Individualität von Kindern ebenso
wie von Erwachsenen bedeutet gerade nicht, einem schrankenlosen Individualismus
oder dem rücksichtslosem Vormachtstreben einzelner das Wort zu reden.
Denn egoistischer Individualismus und Streben nach Überwältigung
anderer beruhen auf Minderwertigkeitsgefühlen, die meist in der Kindheit
entstanden sind. Im Gegenteil: Wer sich bereits als Kind als einzigartige
Persönlichkeit angenommen fühlt, der oder die wird es viel leichter
finden, anderen Menschen Respekt und Liebe entgegenzubringen, wie verschieden
sie auch sein mögen.
Literatur:
Kaniak-Urban, Christine
Jedes Kind hat seine Stärken
Typgerecht erziehen, seelische Nöte erkennen,
Kompetenzen fördern
KÖSEL, 3. Aufl. 2002. 199 S.
ISBN 3466304830
Taschenbuchausgabe:
DTV
dtv Taschenbücher Bd.34092
2004. 199 S.
ISBN 3423340924,
Im Internet bestellen:
beim ÖBV-Buchservice (Wien) http://www.buchservice.at/eduhi.php3/index.php3:
Bücher
von Christine Kaniak-Urban
bei Amazon Deutschland:
Bücher
von Christine Kaniak-Urban
Links zum Thema:
Links zu Familienperspektiven - Artikeln:
Erstgeborener, Mittelkind oder Nesthäkchen? Wie die Geschwisterfolge unser Leben beeinflusst
Wer ist mein Nächster? Moralentwicklung: Kinder und Jugendliche brauchen eine moralische Identität.
Fehlende Väter. Wissenschaft im Widerspruch zum Zeitgeist?
Familie ist nicht gleich Familie - Gedanken über die emotionale Qualität menschlicher Beziehungen
Konsequenz in der Erziehung - den Kindern richtig begegnen
Flugangst (prämierter Wettbewerbs-Beitrag - Familienperspektiven)
Grisu
will Feuerwehrmann werden
Diverse Links zum Thema Erziehung und Bildung:
PISA Austria (internationale Vergleichsstudie der Schülerleistungen) - Projektwebsite
Anwendung der Ergebnisse der Kindertemperamentsforschung in der Schule