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Kinder auf die eigene Familie vorbereiten

Hilfreiche Umgebung und Stolpersteine

Interview mit Siegfried Klammsteiner
Institut für soziale Kompetenz www.sokom.net

FamPer: Herr Klammsteiner, Sie haben im Rahmen Ihrer Tätigkeit für das Institut für soziale Kompetenz direkt mit Einzelpersonen und Familien zu tun. Wie sehen Sie den Stellenwert der Familie und der zwischenmenschlichen Beziehungen?

Klammsteiner: Für mich bedeutet gute Beziehungen zu haben ein hohes Maß an Lebensqualität, wobei die Qualität der familiären Beziehungen hierfür eine ganz zentrale Rolle spielen. Ich kann es immer wieder beobachten, gute, ja erfüllende Beziehungen sind äußerst ausschlaggebend für mehr innere Ausgewogenheit und mehr Zufriedenheit als Einzelperson, als Paar und als Eltern.

Ein warmes Nest zu Hause ist zudem die beste Voraussetzung für heranwachsende, für glückliche und seelisch starke Kinder. Wenn ein Mensch zur Welt kommt, ist er zwar mit einem umfassenden Potential ausgestattet, aber es hängt dann auch noch vom Umfeld ab, ob und in welcher Weise er seine Anlagen entfalten kann oder nicht. Die Fähigkeit gute Beziehungen zu gestalten will ebenso gefördert und entfaltet werden wie andere Anlagen auch. Es ist wünschenswert, dass Menschen diese Fähigkeit in der Familie entwickeln. Dies später nachzuholen ist mit einem viel größeren Aufwand verbunden, als es in der Phase des Heranreifens der Fall ist.

FamPer: Wie können Eltern ihren Kindern helfen, gute Beziehungen zu pflegen?

Klammsteiner: Gute Beziehungen sind dadurch gekennzeichnet, dass ein ausgewogenes Verhältnis von Geben und Empfangen, von Ich und Du herrscht. Gute Beziehungen gelingen dort, wo Menschen nicht nur auf sich konzentriert sind, sondern wo auf die Bedürfnisse des anderen eingegangen wird, sprich wenn im eigenen Herzen genügend Platz auch für das ist, was dem anderen wichtig ist, wenn das, was den anderen ausmacht auch ins eigene Leben mit einbezogen wird. Solche Menschen haben einen Bezug zueinander. Aus dem Ich und Du ist allmählich ein Wir geworden.

Zunächst lernen Kinder durch Nachahmung. Insofern kommt es einmal auf das Vorbild an. Um von sich weg zu gehen und sich auf den anderen einlassen zu können, ist es zudem äußerst hilfreich, dass die eigenen seelischen Grundbedürfnisse abgedeckt sind. Kinder, deren seelischen Grundbedürfnisse wie Annahme, Wohlwollen, Zuneigung, Geborgenheit, Anerkennung, Bestätigung, Verständnis, usw. nicht ausreichend erfüllt wurden, tun sich später schwer, über sich hinauszugehen und sich auf eine verbindliche Beziehung einzulassen.  

Zum dritten ist zu sagen, dass das Miteinander auskommen gelernt werden will. Ohne sich nun dauernd und überall einzumischen ist es als Eltern doch wichtig, die Gelegenheiten wie Geschwisterstreit aufzugreifen und Kindern zu helfen, sich ein gutes Konfliktmanagement anzueignen.

FamPer: In der Entwicklung eines Kindes spielt der Umgang mit den eigenen Gefühlen, mit dem Verstand und  dem Willen eine zentrale Rolle? Was sollten die Eltern dabei besonders beachten?

Klammsteiner: Wer sein eigenes Instrument nicht beherrscht tut sich schwer, bzw. ist einfach überfordert in einem Konzert mitzuspielen. Jedes Kind hat seine eigenen Willen, entwickelt seine eigenen Vorstellungen, wird sehr stark von den Empfindungen und Gefühlen beherrscht und will im Laufe des Heranwachsens herausfinden, was seine eigne Identität, was sein Platz in der Gesellschaft, sein Lebensweg einmal sein wird. Die Entfaltung des Intellekts soll oder wird durch das Schulsystem gefördert. Worauf es im Elternhaus besonders ankommt, ist die Entfaltung der emotionalen Komponente sowie die Stärkung des Charakters und der Herzenskompetenzen. Der Intellekt beurteilt, analysiert, bewertet. Emotionen haben ihre eigene Dynamik. Sie wollen wahrgenommen, erkannt, zugelassen, akzeptiert, ausgedrückt und verstanden werden. Die Entfaltung der emotionalen Komponente bedeutet zu den eigenen Emotionen Zugang zu haben, sie angemessen ausdrücken zu können und fähig zu sein, sich in die Situation anderer einzufühlen. Das lernen Kinder nur durch Erfahrung. Indem sie erleben, dass mit ihren Emotionen emotionsgerecht umgegangen wird, können sie diese Fähigkeit für sich am besten entdecken und entwickeln.

FamPer: Eltern sind selbst durch Ihre Erfahrungen in der eigenen Herkunftsfamilie geprägt. Beziehungsverhalten wird gleichsam mit der Muttermilch aufgenommen. Wie können Eltern sich von Ihrer Vergangenheit lösen, sofern dies nötig ist?

Klammsteiner: Gerade in den ersten Lebensjahren übernehmen Kinder unbewusst viele Verhaltensmuster ihrer Eltern, die sie dann anwenden, wenn sie selbst in Partnerschaft leben oder Eltern sind. Sich davon zu lösen ist nicht leicht, weil sie tief verankert sind. Diese Verhaltensmuster kommen dann besonders in Stresssituationen oder wenn die eigenen Emotionen wie Wut Ärger, Zorn  intensiv sind zur Anwendung. Wer an sich Verhaltensmuster entdeckt, die für ihn nicht stimmig sind, und die er ändern möchte, muss  sich zunächst neue Verhaltensweisen erarbeiten und Schritt für Schritt zur Anwendung bringen. Z.B. nächstes Mal, wenn wieder dieselbe Situation auftritt, werde ich anders handeln. Das gelingt allerdings nur, wenn man gleichzeitig lernt oder gelernt hat, mit den damit verbunden Emotionen so umzugehen, dass sie einem nicht erneut in dieselbe Verhaltensweise hineinmanövrieren. Daran zu arbeiten, dass man einen ausgeglichenen „Emotionshaushalt“ hat, wäre eine wichtige Vorbedingung, um Verhalten ändern zu können.

FamPer: Familie kann ein Platz für innere Nähe und freudiges Glück sein, sie kann aber auch zu tiefen Verletzungen führen und leidvolle Erfahrungen bringen. Wie helfen Sie Familien, wo Heilung in den Beziehungen dringend notwendig ist?

Klammsteiner: Das hängt nun sehr davon ab, ob man nur mit der Person arbeiten kann, die tiefe Verletzungen erlitten hat, oder ob auch andere Familienmitglieder sich mit einbringen und gemeinsam an einer besseren Form des Umganges, oder an der Aufarbeitung dessen, was geschehen ist, arbeiten möchten. Mein Ziel ist es immer wieder, soweit es möglich ist, die Familienmitglieder miteinzubeziehen, die Familien dahingehend zu begleiten, dass die Heilung auch in der Familie stattfindet. Das gelingt dann, wenn alle Beteiligten dahin geführt werden können, mit den eignen Emotionen aber vor allem auch mit den Emotionen des anderen emotionsgerecht - wie es eben den Emotionen entspricht - umzugehen. Eine schöne Arbeit, weil dadurch die Beziehungen in den Familien auf ein ganz neues Niveau geführt werden können.

FamPer: Was sind Ihrer Erfahrung nach wichtige Faktoren, die den heranwachsenden Jugendlichen gute Voraussetzungen geben, eine eigene Familie zu gründen, die Aussicht auf Erfolg hat?

Klammsteiner: Zunächst sind es einmal die guten Erfahrungen in der eigenen Herkunftsfamilie. Sich auf eine Beziehung einlassen tun sich die Menschen leichter, die keinen Nachholbedarf haben, sprich deren seelischen Bedürfnisse möglichst abgedeckt wurden und die emotional gesättigt aus der Entwicklung in der eigene Familie hervorgehen. Eltern, die ihre eigene Beziehung gut meistern und ihre Kinder der Entwicklung entsprechend begleiten, sind eine wertvolle Ausgangsbasis für die Gestaltung einer späteren eigenen Familie. Im Umgang mit Geschwistern, im Umgang mit Freunden sollte die Beziehungsfähigkeit erarbeitet und entwickelt werden. Gerade in der Phase der Pubertät ist allen Jugendlichen zu wünschen, dass die Freundschaften kein Ersatz, sondern ein Zusatz zu dem sind, was sie im Elternhaus erleben. Damit Familie gelingt, sollten meiner Meinung nach die Eltern gut begleitet und unterstützt werden, damit diese ihrer Rolle gerecht werden, zum anderen sollten heranwachsende Jugendliche nicht nur viel Energie aufwenden, um sich auf das spätere Berufsleben vorzubereiten, sondern genauso auch durch entsprechende Kurse, Seminare, Trainings auf eine positive Lebensgestaltung hingeführt werden.

FamPer: Sie sind selbst Familienvater von drei Kindern. Gibt es da persönliche Erfahrungen, die Sie ansprechen möchten?

Klammsteiner: Ein wichtiges Anliegen im Umgang mit meinen Kindern ist für mich, dass wir stets in Kontakt sind, dass die Beziehung lebendig ist, das Offenheit und Austausch vorhanden ist. Kinder in ihrer Selbständigkeit fördern, aber für sie da zu sein, wenn sie mich brauchen, ist mir ganz wichtig. Es ist verhältnismäßig leicht, die seelischen Bedürfnisse von Kleinkindern, oder im Schulalter zu erkennen und zu erfüllen, man muss sich ganz schön anstrengen, um mit den Pubertierenden mitgehen zu können. Für bestimmte Musikrichtungen, für bestimmte Filme usw. hätte ich mich ohne meine Kinder wahrscheinlich nie interessiert. Mir ist es ein Anliegen, dass das, was meinen Kindern wichtig ist, auch für mich einen Platz hat, um so die Beziehung lebendig halten zu können.

FamPer: Sie halten von Zeit zu Zeit Ehevorbereitungsseminare ab? Gibt es da Erfahrungen, die Sie weitergeben möchten? Wann beginnt die Vorbereitung bezogen auf die Fähigkeit gute zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten?

Klammsteiner: Mir fällt auf, dass es zunächst einmal verhältnismäßig wenige sind, die die Notwendigkeit sehen, sich durch Seminare auf die Partnerschaft, die Ehe vorzubereiten. Jeder weiß, Pilot, Arzt oder was auch immer kann ich nur werden, wenn ich die entsprechenden Kenntnisse habe, ein guter Partner ein liebevoller Vater oder eine liebevolle Mutter fällt ebenso nicht einfach vom Himmel. Mir fällt auf, dass das Verständnis um Liebe und wie liebevolle Beziehungen gelingen können sehr vage ist und durch den Trend, verhältnismäßig früh schon sexuelle Erfahrungen zu haben, nicht gefördert wird. Das allgemeine Denken, der Zeitgeist unterstützt nicht unbedingt die Aspekte, die für eine gelungene Partnerschaft und Familie förderlich sind.

Die Vorbereitung sollte schon in der Herkunftsfamilie beginnen und zwar dahingehend, dass Eltern fitt gemacht werden, in den Kindern und heranwachsenden Jugendlichen die Aspekte zu fördern, die für die Bindungs- und Beziehungsfähigkeit förderlich sind. Jugendliche sollten über das Wesen von Beziehungen der Liebe informiert werden und ihnen sollte diesbezüglich nicht eine Scheinwelt vorgegaukelt werden, was ja durch Filme, Fernsehen usw. vielfach der Fall ist. Immer wieder wird gezeigt, dass es das Höchste ist, wenn sich zwei verlieben und dann im Bett landen. Liebe beginnt, wenn die Phase der Verleibtheit vorüber ist, dann erst werden Beziehungen der Liebe geschmiedet. Gelungene Beziehungen bauen auf bestimmten Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten auf, ebenso wie das Scheiten ähnlichen Mustern folgt. Über eine positiven Beziehungsverlauf gibt es zu wenig zu sehen, dahingehend wird die Phantasie kaum angeregt, da wird den Jugendlichen kaum was Anstrebenswertes geboten.

Ein entsprechendes Elternhaus und eine entsprechende Umwelt ist, was ich mir für die heranwachsenden Kinder und Jugendlichen wünsche. Wer dann selbst ernsthaft darüber nachdenkt, eine verbindliche Beziehung in Angriff zu nehmen, eine Familie zu gründen, tut meiner Meinung nach gut daran, sich dafür angemessen darauf vorzubereiten.

FamPer: Die Jugendlichen von heute werden mit einer Vielzahl von gesellschaftlichen Einflüssen konfrontiert. Was können Eltern Ihren Kindern an spirituellen Werten mitgeben? Was kann in einer Familie helfen, so etwas wie eine spirituelle Dimension im Alltagsleben erfahrbar zu machen?

Klammsteiner: Vorleben und den Kommunikationsfluss im Gang halten, in Beziehung bleiben, in die Beziehungen zu den Kindern kontinuierlich zu investieren, darin sehe ich eine Möglichkeit, auf den gesellschaftlichen Einfluss reagieren und den Jugendlichen helfen zu können, diesen einzuordnen. Die eigentliche Herausforderung sehe ich allerdings darin, dem gesellschaftlichen Einfluss etwas entgegen zu setzen, das diesem die Kraft, den Zauber nimmt. Wer Schokolade kennt, begnügt sich nicht mit Seife.

Für mich ist die Gestaltung von Beziehungen, die auf Liebe beruhen, ein hoher Wert, den ich den Kindern mit in ihr Leben geben möchte. Doch jede Familie muss für sich herausfinden, welche spirituellen Werte sie den Kindern weitergeben möchte. Die Frage ist für mich, was können Eltern prinzipiell tun, damit die Werte, die sie den Kindern mitgeben wollen, auch haften bleiben? Dazu ist es gut, sich vor Augen zu führen, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Ohne Aktivierung der emotionalen Zentren bleibt nichts im Hirn „haften“, und wenn Gefühle im Spiel sind, bleiben z.B. negative Erfahrungen lange, ja oft ein Leben lang  haften. Das bedeutet für mich, dass Werte nur dann im Leben unserer Kinder eine tragende Rolle spielen werden, wenn diese nicht nur intellektuell, sondern gepaart mit tiefen emotionalen Erlebnissen vermittelt werden, wenn in den Familien eine Atmosphäre herrscht, die von Herzlichkeit und Nähe getragen ist.

FamPer: Wir danken für das Gespräch.



  

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