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Hogwarts - Schule des Lebens

Harry Potter, ein Held wie du und ich, verzaubert nicht nur durch seine lebendige, spannende Geschichte, sondern fordert auch zur Auseinan- dersetzung mit grundlegenden Werten heraus.

"Alles streng vertraulich und geheim - nichts darf nach draußen dringen!", lautete die Losung.  Doch keine bis ins Detail geplante Geheimdienstaktion lief da ab, sondern die Marketingmaschinerie um das Erscheinen eines äußerst populären Jugendbuches. Nach der englischen Originalausgabe im Frühsommer 2005 ist Anfang Oktober auch die deutschsprachige Version von "Harry Potter und der Halbblutprinz" erschienen. Die Fans konnten sich das Buch auf Bestellung sogar um Mitternacht ins Haus liefern lassen.

Doch alle momentane Hysterie und skurrile Geheimniskrämerei erklärt nicht das Geheimnis des Erfolges der mittlerweile sechs Harry Potter - Bände. Als 1997 "Harry Potter und der Stein der Weisen", das Erstlingswerk der arbeitslosen Lehrerin Joanne K. Rowling, in den Buchhandlungen lag, war das Buch anfangs nur ein Geheimtipp, das ohne viel Werbeaufwand seine jungen - vielfach auch Erwachsenen - Leser und Leserinnen fand. Dass so viele Jugendliche - Mädchen und Burschen - der Internet- und Play-Station-Generation die hunderte Seiten starken Wälzer verschlingen, liegt offenbar nicht nur an der unterhaltsamen, spannenden Geschichte und an der phantastischen Zauberwelt, in der sie spielt. Nicht zu übersehen ist, dass sich die Jugendlichen mit den Haupfiguren der Geschichte identifizieren, weil sie - vor dem Hintergrund der magischen Welt - ihre eigene Lebenssituation wiedererkennen und sich, so wie ihre Helden, bewähren und zu gefestigten Persönlichkeiten reifen wollen.

Jugendliche sind heute vielfältigen und oft gegensätzlichen Einflüssen ausgesetzt. So ergab eine 2005 in Österreich durchgeführte Studie (mit ausführlicher persönlicher Befragung von 450 Jugendlichen) eine tiefgreifende Spaltung im Lebensbild vieler Jugendlicher, die meist mit einem Hin- und Hergerissensein zwischen "positiven" und "negativen" Gefühlen verbunden ist. Die von den Jugendlichen selbst oft als Ausweg gesehene "Flucht in eine Phantasiewelt" ist in diesem Fall nicht Drogen- oder Alkoholkonsum, allzu intensives Abtauchen in virtuelle Welten der Computer- und Konsolenspiele oder Konsumrausch aller Art, sondern das lesende Mitleben mit einem jungen literarischen Helden, der in einer ähnlichen Gefühlswelt lebt und sich an Herausforderungen bewährt. Das sollte natürlich Erwachsenen, denen die Entwicklung der eigenen oder zur Erziehung anvertrauten Kinder und Jugendlichen am Herzen liegt, nur recht sein.
=> Österreichische Jugendstudie 2005 über die Befindlichkeit der Jugend und Ursachen der Gewalt

Wenn so viele Kinder und Jugendliche über Jahre hinweg eine schwergewichtige Romanreihe lesen, lohnt es sich, der Philosophie und dem Werteverständnis, die dem vielbändigen Werk zugrunde liegen, einige Aufmerksamkeit zu schenken. Harry Potter ist "phantastische Literatur" - im doppelten Wortsinn. Wer auch als Erwachsener dafür offen ist, wird die Geschichte jedenfalls nicht eindimensional als "Hohelied der Zauberei" missverstehen. Die magische Welt ist bei Harry Potter eine Parallelwelt, die dadurch, dass sie so verschieden von der normalen "Muggelwelt" ist, die Phantasie freisetzt. Die Leserinnen und Leser können sich so - ganz unverkrampft - mit grundlegenden Fragen wie dem Sinn des Lebens, der Bedeutung von Gut und Böse und damit zusammenhängenden moralischen Werten oder mit dem Leben nach dem Tod auseinandersetzen. Das ist schon eine Menge wert, da gerade in einer Gesellschaft wie unserer diese Fragen von einer Vielzahl oberflächlicher "Antworten" zugeschüttet werden, die der grassierende Konsumismus und die moderne Technik- und Wissenschaftsgläubigkeit bereitstellen.

Joanne K. Rowling hat auch das Verdienst, die gerade in der modernen Kinder- und Jugenliteratur seltene Gattung des Entwicklungsromans wieder populär gemacht zu haben. Harry Potter ist kein ewig junger Held, sondern durchlebt Jahr für Jahr die für alle jungen Menschen schwierige und entscheidende Phase der Pubertät. Den Alltag - mit allen Höhen und Tiefen - an der wahrhaft zauberhaften Schule Hogwarts muss Harry ebenso meistern wie die immer wieder an die Grenzen seiner Kräfte gehenden Abenteuer. Bei solchen Aufgaben sind natürlich auch Geschicklichkeit im Zaubern und Klugheit gefragt, denn in der Schule lernt man offenbar Dinge, die man auch im praktischen Leben brauchen kann. Letztlich aber kommt es auf Wichtigeres an, das finden Harry und seine Freunde bald heraus. So weiß auch Hermine, die beste Schülerin des Freundestriumvirats (Harry, Ron, Hermine):  „...es gibt wichtigere Dinge - Freundschaft und Mut...“ Harry hatte sie, die er anfangs für eine "abgehobene Streberin" gehalten hatte, einige Monate früher todesmutig davor bewahrt, von einem riesigen Bergtroll zermalmt zu werden.

Harry hat Probleme, wie alle anderen Jugendlichen auch, mangelndes Selbstbewusstsein macht ihm zu schaffen, und oft verstellen ihm Vorurteile den Blick. Doch im entscheidenden Moment hört er auf seine "innere Stimme". Im vierten Band, "Harry Potter und der Feuerkelch", schließt Harry sogar Freundschaft mit seinem unmittelbaren Konkurrenten beim Endkampf des "Trimagischen Turniers" und hilft diesem aus der Patsche. Im Turnier siegreich zu sein, ist ihm zwar wichtig, vor allem, weil er seine engsten Freunde, die Erwartungen der "Gryffindors", mit denen er im selben Internatshaus zusammenlebt, und die Hoffnung der ganzen Hogwarts-Schule nicht enttäuschen will. Vor die Entscheidung gestellt, ist Harry jedoch immer bereit, den Sieg zu opfern oder sogar sein eigenes Leben zu riskieren, wenn es um das Leben Anderer, um Fairness, Freundschaft, Liebe und höhere Werte im Allgemeinen geht. Genau diese Haltung rettet ihm selbst immer wieder das Leben und bringt schließlich auch den Sieg, den er eigentlich bereits aufgegeben hat.

Bevor Harry Potters spezielle Begabung offenbar wird, lebt er das Leben eines "Underdogs", nämlich eines männlichen Aschenputtels, einer Figur, die wir in mehreren Varianten aus Grimms Märchen kennen. Die Ziehfamilie, bei der er lebt, weil seine Eltern kurz nach seiner Geburt auf mysteriöse Weise umgekommen sind, duldet ihn eigentlich nur. Liebe und Achtung als Person kann er hier nicht erwarten. Als er zu seinem elften Geburtstag plötzlich darüber aufgeklärt wird, dass er zu den Menschen mit magischen Fähigkeiten gehört, und dass diese in einer anderen "Welt" hoch geachtet sind, fühlt er sich das erste Mal  wirklich wertgeschätzt und angenommen.

Die einschneidendste Erkenntnis ist für ihn aber, zu erfahren, dass seine Eltern nicht durch einen zufälligen Autounfall, sondern von einem übermächtigen, bösen Zauberer getötet wurden. Er selbst, als kleines Baby, hat nur durch die selbstlose Liebe seiner Mutter überlebt, die für ihn ihr eigenes Leben opferte. Selbst der mächtigste Zauberfluch hatte diesen Schutz nicht durchbrechen können. Harry ist von dieser Zeit an ein "Gezeichneter" (mit einer blitzförmigen Narbe auf der Stirn). Seit seinem Eintritt in Hogwarts, der Internatsschule für Zauberer, spürt Harry, dass er dem Erbe der Liebe und des Opfers seiner Eltern gerecht werden und sich dem Bösen - in seiner gewalttätigen ebenso wie in seiner verführerischen Form - mutig entgegenstellen muss. Im Kampf gegen den bösen Zauberer Voldemort, der sich selbst durch die Macht definiert, die er über andere ausüben kann, wird für Harry immer klarer, wie er niemals sein will. Im Alltag wiederum versucht ihm der arrogante, rassistische Mitschüler Draco Malfoy (ebenfalls Anführer eines "Triumvirats") das Leben schwer zu machen.

In Ron Weasley dagegen hat Harry seinen besten Freund, und in dessen wunderbarer Großfamilie erlebt er erstmals Geborgenheit und bekommt eine Ahnung davon, was Leben in einer Familie bedeuten könnte. Hermine Granger, die dritte im Bunde, vereinigt in ihrer Persönlichkeit lebenspraktische Klugheit, Zielstrebigkeit und hohe moralische Ansprüche, die sich etwa in ihrem Engagement für die niedrig eingestuften Hauselfen äußern. Die Macht der Elternliebe und die Identitätssuche auf den Spuren der Eltern ist eigentlich das zentrale Motiv, das Harry antreibt. Dabei findet er auch allmählich heraus, dass Menschen nach ihrem Tod nicht einfach weg sind, sondern in einer anderen Dimension weiterleben und mit den in dieser Welt Lebenden auf verschiedene Weise in Beziehung treten. Eindrucksvoll führt ihm das der magische Spiegel "NERHEGEB" vor Augen, als er im Spiegelbild - seiner tiefsten Sehnsucht entsprechend - plötzlich seine Eltern, und nicht nur sie, sondern darüber hinaus seine Großeltern und Urgroßeltern mit ihm im selben Raum versammelt sieht. Im vierten Band stehen ihm seine Eltern und alle, die durch Voldemort ums Leben kamen, durch ihre Anwesenheit sogar im Kampf gegen den Widersacher bei.

Harry Potter ist ein für Transzendenz offenes, ja religiöses Buch, auch wenn keine bestimmten religiösen Riten praktiziert werden oder Gott beim Namen genannt wird. Man feiert etwa Weihnachten als fröhliches Gemeinschaftsfest mit Geschenken, aber die Autorin will offenbar von keiner Religionsgemeinschaft vereinnahmt werden. Auch die Magie ist bei Harry Potter keinesfalls Religionsersatz, das machen viele Aussagen des weisen Schuldirektors Albus Dumbledore klar. In Hogwarts gibt es zwar auch widerwärtige, obwohl fachlich exzellente Lehrer, wie Snape, der an Harry "eine alte Rechnung begleichen will", ebenso wie unfähige Pädagogen, und auch dem Bösen Hörige schleichen sich in den Lehrkörper ein. Doch Harry hat mehrere erwachsene Mentoren, die ihn auf unterschiedliche Weise unterstützen und begleiten. Von Anfang an sind das etwa Albus Dumbledore, der in seiner reifen Weisheit als eine Art Merlin (oder Gandalf in "Herr der Ringe")  und zugleich wie ein Sokrates der Zauberwelt erscheint, und Rubeus Hagrid, der naturverbundene Riese mit dem guten Herzen. Insgesamt ist die Schule ein Platz, wo man sich vielfältig aufs Erwachsenenleben vorbereit - auch und gerade durch die von Jugendlichen heute oft vermisste "Herzensbildung".

Für Jugendliche sind die Harry Potter-Bücher auf jeden Fall ein hervorragender Ersatz für zahlreiche Angebote, mit denen man sonst die Zeit totschlagen kann. Sich als Erwachsener für die in dieser phantastischen Romanreihe erzählte Geschichte zu interessieren, bietet neben Unterhaltung und Reflexion des eigenen Werdegangs viel Stoff, um mit seinen Kindern, Enkeln oder Schülern über Themen reden zu können, die es wert sind, besprochen zu werden. Dabei können wir selbst zu besseren Mentorinnen und Mentoren werden, so wie sie alle jungen Menschen in ihrem oft herausfordernden und oft schwierigen Entwicklungsweg brauchen.
 

Links zum Thema:

Links zu Familienperspektiven - Artikeln:

Vom Zauber des Lesens

Hexen, Hobbits und Piraten

Werte vermitteln in einer turbulenten Zeit

Abenteurer, Schlauköpfe und andere Experten

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Werde, was du bist!

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Wer ist mein Nächster? Moralentwicklung: Kinder und Jugendliche brauchen eine moralische Identität.

Pubertät als Achterbahn der Gefühle

Leuchttürme weichen nicht aus

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Keine Zeit, erwachsen zu werden?

Mit Gefühlen richtig umgehen

Kinder auf die eigene Familie vorbereiten

Perspektivenwechsel

Freundschaft heißt...

Die kleine Made Molly. Eine neue Freundschaft beginnt.

Grisu will Feuerwehrmann werden
 

Diverse Links zum Thema:

Österreichische Jugendstudie 2005 über die Befindlichkeit der Jugend und Ursachen der Gewalt

Harry für alle - Artikel im Online-Archiv der "Zeit" über das Erfolgsgeheimnis der Harry Potter-Bücher

Zauberhafter Harry Potter - Ein Anstoß für die Religionspädagogik - Artikel auf der Website der Katholischen Jungschar

Harry Potter - ein zeitgenössischer Entwicklungsroman verzaubert uns - Artikel auf der Website der pädagogisch-psychologischen Beratungsstelle München

Die Suche nach dem rechten Lebens-Mittel - Artikel aus theologischer Perspektive auf der Website der (katholischen) Karl - Leisner - Jugend



 
 

Friedrich Moshammer