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Von der heilsamen Wirkung der Entschleunigung Rückblick auf das Stifterjahr 2005 I. Es war auszuhalten – das Stifterjahr Als bekennender Leser der Schriften Adalbert Stifters konnte man sich mitunter schon ein bisschen einsam fühlen. Wen bitte interessiert der oberösterreichische Biedermeier-dichter. Hochwald - nein danke! Verblüfft stolpere ich in einem Wochenend-Kurier über die Informationen zum Stifterjahr 2005. URL und so. Immerhin: ein paar Zeitgenossen haben den Mann noch nicht vergessen. Aber dann basses Erstaunen: Aktivitäten zu Hauf und eine ganze Region im Aufbruch. Überregional - das hätte ihn sicher gefreut. Bei soviel Marketing wäre er zwar wohl erschrocken, dass er aber so lange nach seinem Ableben vielen Menschen nicht egal ist, was für eine späte Genugtuung wäre das für den ruhelosen selbstkritischen Geist gewesen. Für die Veranstaltungen (der kostenlose Programmkatalog wies immerhin über 180 Termine auf) war das Motto – Sanfte Sensationen – Stifter 2005 gewählt worden.
Besonders reizvoll war die grenzüberschreitende Organisation, die sich aus der Biografie Adalbert Stifters geradezu anbot. Sein Geburtshaus im südböhmischen Operplan ist inzwischen zu dem am Moldaustausee gelegenen Horni Plana geworden. Viele der schöpferischesten Wochen und Monate verbrachte er im bayerischen Lackenhäuser – Gut (heute direkt an der oberösterreichisch-bayerischen Grenze gelegen) und wanderte ungezählte Male durch die Wäder seiner weiteren Heimat. Auch viele seiner Werke vom berühmten Hochwald bis zu seinem Spätwerk Witiko sind eine einzige Liebeserklärung an die immer schon grenzüberschreitend gedachte Landschaft des Böhmerwaldes. Rührige Literaturfreunde in Südböhmen konnten neben dem ganzjährig geöffneten und überaus sehenswerten Geburtshaus auch das Stift Hohenfurt (Vysššy Brod) mit einer Sonderausstellung aus seinem Dornröschenschlaf wecken. Etwas erstaunt trifft man überall im Böhmerwald verstreut auf kleine und größere Denkmäler des berühmtesten Literaten seiner Heimat. Um den 23. Oktober schließlich, dem eigentlichen Geburtstag Stifters vor 200 Jahren wurde auch im ORF etwas Platz in der knapp bemessenen Sendeleiste gefunden. Um 23:30 begann man mit einem Beitrag von Kurt Palm und geleitete so die (als offensichtlich sehr klein eingeschätzte) Interessentengemeinde in den frühen Morgen. Der Bericht über die Sanften Sensationen in der gleichen Woche zu einer attraktiveren Sendezeit wird wohl für viele etwas zu spät im Jahr gekommen sein. Ergiebiger war da schon die Internet-Information auf der ORF-Homepage, die mit einigen wohltuend aktuellen und auch recht eigenständigen Beiträgen aufwartete. II. Mein Stifter Mir ist Stifter vor zwanzig Jahren von einer lieben Freundin empfohlen worden, der ich meine Begeisterung nach der aufwühlenden Lektüre von Fjodor M. Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasov“ eingestand. Ihrer Meinung nach habe die Figur Aljoschas, des jüngsten der vier Brüder eine große Ähnlichkeit mit Witiko von Adalbert Stifter. Beide Romanfiguren suchen nach jenen entscheidenden Markierungen, an denen sie ihr Leben orientieren möchten und vermitteln dabei mehr vom christlichen Erbe, als es Theologie je könnte. Auch andere Stifterleser berichteten mir schon von jenem Drängen und jener Ungeduld, die in einem hochsteigen will, während Witiko mit einer Sturheit, die seinesgleichen sucht, einen Fuß vor den anderen setzt. Es ist ein Ringen mit dem längst verstorbenen Schriftsteller. Mein Widerstand bleibt aber letztlich vergebens. Ich möchte die Aussagen ja nicht missen, die wie kostbare Edelsteine hineingestreut sind in eine Abfolge von selbstverständlichen und unspektakulären Tätigkeiten und Verrichtungen. Ich kann nicht davon lassen und leide unter dem Tempo – besser gesagt unter dem völligen Fehlen eines solchen! Etliche Tage und auch viele Seiten später hat sich Stifter auch bei mir durchgesetzt. Ich habe mich eingelassen in sein Zeitgefühl, habe mich ergeben und fallen lassen in jene Welt der Ordnung und der Würde. Über diese therapeutischen Nebenwirkungen habe ich noch keinen Begleitzettel gelesen. Eine Erleichterung und ein Aufatmen hat sich über mich gelegt - Entschleunigung würde man so etwas heute wohl nennen. In der übrigens sehr umfangreichen Sekundärliteratur zu Stifter wird die Sprache Witikos ausführlichst analysiert. So manchem mag scheinen, der Roman wäre in einem „veralteten“ Stil geschrieben – ihm sei gesagt, dass auch Stifters Zeitgenossen recht ratlos auf seinen 1865 erschienenen ersten Band seines Epos reagierten. Schon damals wollte der Roman so gar nicht in die Zeit passen. Neben der ungewohnten Schreibweise war da auch noch die politisch als unpassend eingeschätzte große Wertschätzung für die böhmische Geschichte, die dieses Werk durchflutet. Obwohl er für die Recherchen einen auch für ihn aussergewöhnlichen Aufwand trieb und unzählige historische Begebenheiten höchst detailtreu geschildert werden, verändert er andererseits wichtige Ereignisse. Auf der Suche nach dem Tempo hat auch schon mancher völlig übersehen, dass hier die dramatischen böhmischen Erbfolgekriege beschrieben werden, dass eine Liebe beginnt und wächst und reift und ein Mann für sich endgültig herausfinden muss, wo nun das Recht zu finden ist. Eingebettet in der Nussschale des Lebens erhält durch die Zuhilfenahme der eigenen Verantwortung alles seinen zustehenden Platz. Geschichte passiert nicht laut und nicht ohne sich wiederholende verlässliche Erfüllung von einmal übernommenen Aufgaben. Die Sätze dazwischen erwähnen nur, was unbeeinflussbar vom Einzelnen ebenfalls stattfindet. Es bleiben nur Sätze – mögen sie auch ein Königreich erschüttern. Ein Mensch aber lebt sein Leben in seinem Tag. Er tut nur, was er zu tun vermag. Auch wenn er die Erwartungen erkennt, so beugt er sich ihnen doch nicht und handelt nicht unterschiedlich vor den Großen und den vermeintlich Kleinen. Das, was gut getan war, fließt ein in das große Gute. Es bleibt so edel und vornehm, dem Wirt zu danken für den Dienst, den er ohnehin bezahlt bekommt wie es nicht unter seiner Würde ist , sondern im Gegenteil gerade Teil davon, sein Pferd gut zu behandeln. Diese kleinen Dienste zählen nicht geringer als auch beim Reichstag vor dem Herzoge einen Bericht zu geben. Alles will gut getan sein. Wird es gut getan, entfaltet es seine Wirkung, und sei es auch in den Augen aller Beteiligten ein winziger Beitrag gewesen.
Die 5-blättrige Rose der Witigonen und Rosenberger Dieses halstarrige behäbige Verharren innerhalb des Kreises dessen, was man selbst beeinflussen kann hat Stifter im Vorwort zu den Bunten Steinen einmal das Sanfte Gesetz genannt. Seine Naturschilderungen sind da für ihn nur ein weiteres Beispiel, keineswegs ein anderes Thema. Ohne jede spektakuläre Heldentat geht Witiko mit seiner anscheinend auch für damalige Verhältnisse nicht gerade modischen Lederhaube an das Werk der Erhöhung des Lebens. Vor der Reise in den Böhmerwald, die ich - Stifterjahr sei Dank – im September 2005 unternahm wollte ich nur ein wenig auffrischen. Aber auch hier hatte ich meine Überlegungen ohne den listigen Adalbert gemacht. So ein bisschen reinlesen ging nicht! Es wurde ein völlig desorganisiertes aufwühlendes Lesewochenende - Witiko übers Wochenende ! Obwohl oder vielleicht gerade weil mir der Witiko schon so vertraut ist, steigen wieder und wieder Tränen auf in mir. Vorbei am intellektuellen Rationalisieren und Relativieren, am Zeitgeist und Bestsellerlisten so direkt in der Seele angesprochen zu werden, das ergreift jedesmal wieder, zeigt unbeleuchtete Tiefen in mir, die ich alleine noch gar nicht betreten hatte. Er hat es wieder getan ! III. Stifterorte - eine Reise in den Böhmerwald Dem Stifter Bertl seinen Spuren zu folgen, dazu hätte ich schon Lust gehabt. Allein die Schilderung seiner Wanderungen in der Novelle “Hochwald“ aber führt mir vor Augen, dass ich nicht die geringste Chance habe, jemals soviel Zeit abzweigen zu können, als Familienvater, als Berufstätiger und – als Wiener. Nein – das ist zu hochgegriffen. Wenn aber nun schon mal dieses Stifterjahr soviel zusammenträgt über Orte mit Stifterbezug, dannn wollte ich schon auch aus dieser Vorauswahl einige Kostbarkeiten selbst entdecken. Witkuv hradek - Ruine Wittinghausen
Witkuv Hradek das "Witikohaus" Diese Ruine hätte auch noch im September 2005 einen Adalbert Stifter inspirieren können. So viel ist schon verfallen und doch bleibt der Eindruck von etwas ehemals Mächtigem. Ein nebeliger regnerischer Tag tut das seine und schon kann man mittelalterliche Stimmen hören, kann ahnen, dass hier Menschen aus Fleisch und Blut ein Leben führten, von dem wir mehr ahnen als wissen. Auch die Lage der Burg oben auf dem südböhmischen Rosenhügel symbolisiert Autorität, Stolz und Standhaftigkeit für seinen Erbauer und für das verstreute Waldvolk des Böhmerwaldes. Es gibt ein neu restauriertes Aussichtsgerüst, von dem aus man einen großen Teil jenes Hochwaldes überschauen kann, der auch heute noch an vielen Stellen undurchdringlich wie ein Urwald die Zeiten überdauert hat. Dass wir an dem Tag darauf verzichten mussten erspart dem Monument eine Erniedrigung zur Aussichtswarte. Hier ist in der Stifter’schen Welt nämlich mehr zu erleben, als eine zugegeben eindrucksvolle Landschaft. Witiko hat hier sein Haus gehabt. Die historischen Witigonen, deren Ahnherr Witiko wahr, haben hier ihr Stammhaus gehabt. Viele Ritte muss Witiko durch seinen Böhmischen Wald unternehmen, nach Prag und nach Mähren, auf dem Schiff nach Wien bevor er selbst sich bereit fühlt, ein eigenes Haus zu bauen. So ist das Witikohaus bereits ein Meilenstein in einem Leben, das nach seinen eigenen Regeln nicht den äußeren Erfolg sucht, sondern Tatsachen schafft, die für sich selbst weiterwirken. Wie oft die kleinen und großen Sünden der Vergangenheit uns einholen, so holt ihn das Gute der Vergangenheit ein. Dass Stifter in Hochwald die Ruine am Ende ihrer Existenz noch eine Rolle spielen lässt und auch den 30-jährigen Krieg hier in seine tragische Erzählung hereinholt, hat den Perfektionisten später sehr beschämt, weil er nach der Arbeit an Witiko ein ganz neues Niveau an historischer Genauigkeit erreicht hatte, dem sein erstes Erfolgswerk noch nicht so recht entsprechen konnte. Witiko – Ausstellung im Stift Hohenfurth Dem historischen Witiko ist die mit offensichtlich bedeutender (ober-) österreichischer Unterstützung erarbeitete Ausstellung im teilweise renovierten Stift Vyssi Brod gewidmet. Stifter-Geburtshaus in Horni Plana (Oberplan) Am mächtigen, 1959 fertiggestellten Moldaustausee (heute etwas profan „Lipno-Stausee“ ) liegt der kleine Flecken Oberplan, in dem sich das liebevoll und durchaus professionell gestaltete Geburtshaus Stifters befindet. Ein Glück, dass dieses Museum auch über das Gedenkjahr hinaus zur Verfügung stehen wird.
Heimatstube in Schwarzenberg am Böhmerwald Gegen Abend sind es nur weniges Schritte nach Bayern und gegen Mitternacht steigt die Landschaft noch weiter an bis sie schließlich sich zu jener geologischen Grenze und Wasserscheide auftürmt, die auch die Grenze zum tschechischen Südböhmen darstellt. Der Plöckensteinersee ist von hier aus ebenso erreichbar wie der Dreisesselberg nahe dem Dreiländereck. Im ersten Stockwerk des alten Schulhauses wurde eine dauerhafte Stifter-Ausstellung eingerichtet. Das bereits auf einem Hügel liegende Haus bietet aus diesen Räumen durch die Fenster epische Eindrücke vom umgebenden Böhmerwald. Durch einfache technische Installationen (MP3-Player) kann man sich zu diesem herrlichen Ausblick stellen aus der Erzählung Hochwald anhören. Die Böhmerwaldgemeinde hat Stifter die Vergrößerung der Schule um ebendieses Stockwerk zu verdanken, die er im Jahre 1855 in seiner Eigenschaft als Schulinspektor in die Wege geleitet hat. Zu seinen pädagogischen Ansätzen kann man in dieser Ausstellung Erstaunliches erfahren. Seine Tätigkeit, die mit mühevollen ausführlichen Reisen verbunden war und von ihm mit großem Ernst ausgefüllt wurde blieb ihm allerdings nicht unverleidet. Ein neues Lesebuch etwa, das dem Literaten sehr am Herzen lag, wurde abgelehnt und zunehmende Unstimmigkeiten mit seiner vorgesetzten Behörde erregten und kränkten den Dichter, der sich ja immer als Pädagoge fühlte, sosehr, dass sie maßgeblich zu seiner Erkrankung beitrugen. Aigen/Schlägl – Von der Natur der Dinge
Blick aus der Heimatstube Schwarzenberg im Böhmerwald In einem mächtigen Stadel nahe des Stiftes fand sich schließlich eine Ausstellung des Gedenkjahres, die mit modernen Installationen das naturwissenschaftliche Interesse und Wissen des vielseitigen Adalbert würdigen wollte. Die Elementarkräfte der Natur und viele Arten von Katastrophen haben vor allem in seinen Erzählungen eine große Rolle gespielt. Während in den böhmischen Ausstellungen Witiko im Vordergrund stand, ist hier der Roman „Nachsommer“ der ideelle Mittelpunkt. Die aufgeschlossene Ausbildung, die er in Stiftsgymnasium Kremsmünster in Oberösterreich erhält, entfaltet im Bildungsroman seine volle Blüte, wo ein Freiherr von Risach jenes neue gebildete und wissende Zeitalter repräsentieren darf, auf das auch Stifter große Hoffnung setzt. Das Revolutionsjahr 1848, das er anfangs in Wien miterlebte hatte in ihm anfangs große Hoffnungen geweckt, aber auch schnell umsogrößere Enttäuschung in ihm hinterlassen. Zu gesellschaftlichen Entwicklungen wollte er sich, teilweise auch zum Ärgernis mancher seiner Freunde nie verbindlich äußern. Seine Werke schienen an der Oberfläche der Konfrontation mit den herrschenden Verhält-nissen auszuweichen, was im sogar die besonders spitze Kritik einbrache, lediglich ein „Käferdichter“ zu sein. Im Nachsommer kommt jedoch ein Ideal der Entwicklung und Veränderung der Dinge zum Vorschein, die ihm nachhaltiger scheint, weil sie naturgesetzlich begründet ist. Das Buch war die subtile Antwort des sich unbeirrt gebenden sensiblen Künstlers in seiner Sprache und auf seinem Niveau. Religiöse Bezüge im Werk Adalbert Stifters Komplementär zur naturwissenschaftlichen Gedankenwelt Stifters hat das Stift Schlägl einen Nebenraum der monumentalen Stiftsbibliothek umgestaltet und in diesem Raum liebevoll und nicht vereinnahmend seine religiösen Bezugspunkte zusammengestellt. Wie andere Dichterfürsten hat auch er Gott nicht unbedingt in der institutionellen Kirche gesucht. Sein Werk, seine Erlebnisse auf den ungezählten einsamen Wanderungen, sein Ringen in seiner kinderlosen Ehe, die tragischen Misserfolge als Stiefvater und schließlich sein Kampf gegen eine Krankheit, von der er sich selbst heilen wollte, aber nicht konnte – dies war sein Feld der existenziellen Auseinandersetzungen, die er mit seiner eigenen Religiösität führte. In Anklang an den traumhaft schönen Garten, den Freiherr von Risach im Nachsommer gestaltet und pflegt, wurde im Stift Schlägl ein schon von den Ausmaßen her beeindruckendes Projekt begonnen: der Stiftergarten. Neben sorgfältig beschriebenen Exponaten aller typischen Pflanzen der Region integrieren sich einige erstaunliche technische Installationen in diesen „Garten zum Verweilen“: Sitzbänke, neben denen aus Lautsprechern Szenen aus Stifters Werken vorgelesen werden. Ein Einstieg für jene, die noch Scheu haben, sich mit einem Werk einzulassen, das man bis vor kurzem noch für uninteressant hielt, nun aber, wo sie einen erstaunt und beeindruckt, sich von einer Lektüre überfordert glaubt – und weiterhin nicht liest. Es ist noch so vieles nicht genannt worden, aber wird Zeit,
hier einen Schlusspunkt zu ziehen unter einem persönlichen
Bericht aus meiner Erlebniswelt. Es hat mir gebrannt auf der
Seele. Ich musste es erzählen. Wenn es ein Anstoß ist für Ihre
eigene Überraschungen und innerliche Entdeckungen – ein Grund
mehr für mich, Stifter dankbar zu sein. Florian Kliman |
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LINKS Deutschsprachige Information der Region Krumau (Südböhmen)Artikel Rosenberg (Adelsfamilie). In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. |
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