Mein Apfel-
bäumchen

Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute mein Apfelbäumchen pflanzen.
(Martin Luther zugeschrieben)

Ich war gerade allein zu Haus und las das Buch von Stephen R. Covey: "Die sieben Wege zur Effektivität". Da kam ich an eine Stelle, wo er über ein Verhaltensmuster spricht, das er "Image-Ethik" nennt. Seine Gedanken erfüllten mich mit einer so großen inneren Zustimmung, daß ich gar nicht mehr weiterlesen konnte. Wäre meine Frau dagewesen, hätte ich sie bei ihrer Tätigkeit aufgehalten und ihr von den aufregend richtigen Dingen erzählt, die ich gerade gelesen hatte. Unwillkürlich blickte ich um mich und ich konnte gegen die aufgewühlten Gefühle in mir nicht mehr als ein paar Schritte in unserem Wohnzimmer tun. Vielleicht passende Musik? Ich nehme zuerst Reinhard Mey´s "Mein Apfelbäumchen". Doch nach einigen Sekunden merke ich, daß ich ja gar nicht in der Lage bin, weitere sinnvolle Gedanken aufzunehmen. So komme ich doch wieder zu meiner Morgenstimmung aus den Peer Gynt Suiten zurück, die verläßlich ihre therapeutische Wirkung an mir entfaltet.

Das, was Stephen Covey hier "Image-Ethik" nannte, kannte ich selbst nur allzu gut. Aber noch hatte niemand diesen seltsamen Verhaltenskodex so treffend aufgezeigt wie er. Wie oft versuchen wir, endlich den Regler zu finden, an dem man drehen muß, um unsere Kinder zum "Funktionieren" zu bringen. Oh ja, wer hätte nicht gerne die herzeigbaren Kinder mit den guten Zeugnissen, den Freunden aus besten Familien, den aufgeräumten Jugendzimmern, rundum adrett und nett. Und ist es nicht ganz im Interesse eben dieser Kinder, daß alle unsere Erziehungsbemühungen sich darauf konzentrieren, sie zu eben dem zu machen? Ich gebe ja zu, das sind boshafte Fragen, Suggestivfragen überdies.

Wieder muß ich aufstehen und im Zimmer meine Kreise drehen. Der erste Satz von Peer Gynt, den ich so sehr liebe, ist auch längst vorbei. Ich stelle das Gerät wieder an den Anfang zurück. Nun kann ich mich wieder hinsetzen und den anstürmenden Gedanken entgegenstellen.

Das lateinische Wort "educare" bedeutet "herausziehen", also das Fördern von etwas schon Vorhandenem: Allzuviel von dem, was unsere herkömmliche Erziehung widerspiegelt, ist dagegen offener Drill oder versteckte Dressur und drückt sich aus im Ausgeben von Anweisungen. Im hintersten Winkel unseres Herzens wissen wir zwar alle, daß ein Mensch nicht so einfach "funktioniert", aber beharrlich versuchen wir es doch, wollen uns drücken vor einem tieferen Verständnis des Menschen. Nicht jeder ist schließlich zum Philosophen geboren, nicht wahr?

Als meine Frau nach Hause kommt vom ersten Elternsprechtag in der Volksschule, ist sie völlig zerschmettert und kaum in der Stimmung, über meine tollen neuen Erkenntnisse zu plaudern. Die Lehrerin hat nach den ersten Schulmonaten ein bestürzendes Urteil über unsere Tochter ausgesprochen. Zusammen mit dem, was wir schon selbst bemerkt hatten, reichte das aus, um die höchste Alarmstufe auszulösen. In unserem Gespräch als Eltern fehlte es nicht an Emotionen. Auch gegenseitige Vorwürfe blieben nicht aus. Es mußte etwas geschehen, aber was? Wir hätten allzu gerne eine "Methode" angewandt, um eine schnelle Veränderung zu bewirken. Doch wir fanden keine.

Das hat man nun von all seinen schönen Erziehungstheorien und schlauen Büchern und der treffsicheren Diagnose: "Image-Ethik". Hier aber, im wirklichen Leben, da war guter Rat viel teurer. So ging unsere Aussprache auch ohne tröstendes Ergebnis zu Ende und Eltern wissen, wie man schläft nach so einem Keulenschlag - und wie man danach aufwacht.

Am nächsten Abend, als unsere Kinder bereits wieder im Bett waren, nahmen wir das Gespräch wieder auf. Ich war mir inzwischen bewußt geworden, daß ich doch etwas tun konnte. Mir ist klar geworden, daß unsere Tochter nicht zu unserer höheren Ehre geboren wurde, nicht dazu da, uns Eltern stolz zu machen. Sie hat ihren eigenen Lebenssinn, den wir nicht an ihrer Stelle erfüllen können und auch nicht von vornherein wissen. Damit sie zu ihren eigenen Stärken und ihrem eigenen Wesen finden kann, muß ich nur eines tun: Etwas was so simpel ist, daß man es für eine Plattheit halten kann und doch unendlich schwer. Ich kann wirklich an sie glauben, an das Gute in ihr, das ich als Eltern nicht geschaffen und nicht verursacht habe. Dieses ursprüngliche Gute in uns ist die wirkliche Quelle für jede positive Entwicklung.

Es waren schmerzhafte und doch im nachhinein unendlich wichtige Stunden, die schließlich zu einer erneuerten und tiefen Beziehung mit unserer Tochter führten. Wir konnten beide, jeder auf seine Art ihr sagen: "Wir sehen das Problem mit der Schule und würden gerne helfen, es zu lösen. Aber da ist eines, das du wissen mußt: Wir werden dich immer lieben, auch wenn es in der Schule nicht besser wird. Wenn wir uns einmischen in deine Aufgaben und morgens darauf drängen, pünktlich aufzubrechen, dann vergiß bitte nie: unsere Liebe hängt davon nicht ab."

Es war meine Frau, die seit diesen dramatischen Tagen unzählige Gespräche mit ihr führte. Als erstes wurde die Verbesserung der Beziehung untereinander sichtbar, doch in wenigen Wochen begannen sich auch die schulischen Erfolge derart zu verbessern, daß es eine große Freude für uns alle war.

Stephen Covey setzt seine Gedanken mit der "Charakter-Ethik" fort, eine Förderung der Charakterstärke und Integrität als ein Mittel, Ziele zu erreichen und vor allem das zentrale Ziel des Lebens nicht zu verfehlen. Und nach diesem Kapitel war es ein großer Genuß, Reinhard Mey´s "Ich pflanzte ein Apfelbäumchen" zu hören.

Florian Kliman


Quellen: Stephen R. Covey: "Die sieben Wege zur Effektivität", Reinhard Mey: "Mein Apfelbäumchen", Edvard Grieg: "Peer Gynt-Suite Morgenstimmung"



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