New York

Kleine Leute

große Welt

Vom Abenteuer, das erste Mal in einem Flugzeug zu fliegen und ein fremdes Land zu erleben: Eltern-Tagebuch einer großen Reise mit kleinen Kindern

Sie haben noch keine Ahnung davon, wo Amerika liegt, und wissen erst recht nicht, daß der Weg dorthin sehr weit ist und über einen Ozean führt. Vier Jahre und zweieinhalb Jahre sind unsere zwei Knirpse alt. Immerhin wissen sie schon, daß irgendwo noch eine Oma und ein Opa auf sie warten. Denn wir Eltern reden in letzter Zeit immer wieder davon, daß wir bald alle zusammen in ein großes Flugzeug steigen werden, um Oma und Opa, Onkeln und Tanten - und wen immer es da noch geben mag - zu besuchen.

Der Tag X rückt immer näher: Tonnen von Kinderbekleidung türmen sich neben den Koffern auf.- Wie wird das Wetter in Amerika sein, was brauchen wir wirklich? Nach realistischer Einschätzung der Gepäckskapazität landen schließlich drei Viertel wieder im Kleiderschrank.

Drei schwere Koffer ins Auto gehievt, dazu noch - als eiserne Reserve - eine Tasche und einen Rucksack fürs Handgepäck und natürlich eine Rückentrage für den Jüngsten, für den Fall, daß er unterwegs müde wird. Dann geht es endlich ab zum Flughafen. Gut, daß wir früh dran sind, da können sich die Kinder vor dem langen Flug noch die Beine vertreten.

Unser Älterer will partout nicht einsehen, daß das große Spielzeugflugzeug, das da in einem der Flughafen-Läden lockt, denn doch etwas teuer und außerdem für die Reise viel zu sperrig wäre. Schließlich gibt er sich aber doch mit der sicheren Aussicht zufrieden, daß wir ja bald in einem noch viel größeren, richtigen Flugzeug sitzen werden. Die hübsche Glückwunschkarte, eine Sonnenblume mit rollenden Augen, die er inzwischen unbemerkt "gekauft" hat, muß Papa schließlich doch mit guter Miene bezahlen.- Eine solch weite Reise soll ja nicht mit Mißtönen beginnen.

Das Flugzeug rollt zur Startbahn. Mit großen Augen beobachten die beiden die anderen Flugzeuge auf dem Rollfeld. Trotz Sitzpolster sind die Sicherheitsgurten immer noch zu weit. Keine Spur von Flugangst - die kleinen Häuser tief unten und die rasch vorbeiziehenden Wolkenfetzen fesseln die ganze Aufmerksamkeit.

Mit Kleinkindern im Flugzeug essen?- Nun ja, auch Erwachsene haben sich mit dem Flugmenü schon Hemd und Hose angepatzt. In dieser Preisklasse werden für Kinder keine Extrawürste gebraten, für Alt und Jung werden gleich große Portionen serviert. Manches davon essen die Kleinen auch tatsächlich; ein umfangreicher Vorrat an Papierservietten verhindert ein ärgeres Schlamassel.

In Paris, wissen wir Erwachsenen, werden wir in ein anderes Flugzeug umsteigen, ahnen aber nicht, welches Abenteuer uns da erwartet: die Durchquerung eines Großflughafens mit zwei neugierigen Knirpsen.

Nach einem Labyrinth von Gängen stehen wir endlich im Hauptgebäude des Flughafens. Eine freundliche Fluglinienbedienstete nimmt uns schließlich die Decke aus dem Flugzeug ab, die unser Großer immer noch unter dem Arm trägt. Papa stellt sich, wie es sich für einen richtigen Gentleman gehört, als Lastesel für das Handgepäck zur Verfügung.

Dann aber wird's richtig spannend: Links locken Souvenirs, Spielsachen, Taschen und Ansichtskarten, rechts hinter den großen Fenstern, auf dem Flugfeld, stehen und rollen riesige Jets. Da fällt es schwer, sich zu entscheiden. Warum es die Eltern wohl so eilig haben? In zwanzig Minuten müssen wir einsteigen - also schneller gehen. Das ist aber leichter gesagt als getan - und auf keinen Fall die Kinder aus den Augen lassen! In diesem Menschengewimmel nur ja keinen verlieren!

Nach einer halben Stunde Fußmarsch endlich geschafft! Jetzt nur noch die Gepäckskontrolle. Daniel ist der Meinung, daß auch er durchleuchtet gehört und schickt sich an, auf das Förderband des Röntgentunnels zu klettern. Das können wir gerade noch verhindern; erschöpft fallen wir schließlich in unsere Sitze. Das Bordpersonal bemüht sich redlich, in dem voll besetzten Flugzeug durch Sitztausch Familien jeweils in einer Sitzreihe oder wenigstens in benachbarten Sitzen unterzubringen. In unserem Fall muß nur ich eine Reihe hinter meinen Lieben Platz nehmen. Zeichenmaterial und Puzzles für die Kinder werden verteilt. Das hält sie eine Weile beschäftigt, dann ist es ohnehin Zeit zum Schlafen.

New York, John F. Kennedy-Flughafen: Der Beamte, der die Pässe kontrolliert, möchte die Gesichter der Kinder mit den Paßbildern vergleichen. Aber Tobias versteckt sich vorsichtshalber hinter der Abschrankung. Er hat den Verdacht, daß es sich um einen Arzt handelt, der ihm eine Spritze verabreichen will - dagegen ist er nämlich allergisch.

Oma und Opa, Onkel und Tante warten schon.- Lollo und Lolla, Tito und Tita heißt das ab jetzt, denn die Eltern meiner Frau sind aus den Philippinen eingewandert. Die Eltern des Schwagers stammen aus Deutschland. Wir tauchen also ein in die multikulturelle Vielfalt Amerikas, in den "Schmelztiegel" New York.

Sprachenvielfalt und -durcheinander gehören ab jetzt zum Alltag: Unsere Kinder sind mit Englisch durchaus vertraut.- Mama spricht auch in Österreich großteils Englisch mit ihnen, was aber nicht bedeutet, daß sie auch in Englisch antworten. Da bevorzugen sie mittlerweile Deutsch. Daß Mamas Sprache Englisch und Papas Sprache Deutsch heißt, werden sie erst später lernen. Auf jeden Fall sind sie einigermaßen verwirrt, daß sie selbst mit der hiesigen Sprache überhaupt kein Problem haben, aber seltsamerweise - außer Onkel Erik - keiner ihre Sprache versteht.

Aber Kinder lassen sich in ihrem Drang, die Welt zu erforschen, nicht beirren. Schließlich gibt es immer irgendeinen Weg, sich verständlich zu machen. Und wenn, wie bei uns, die sprichwörtlichen "Onkeln und Tanten in Amerika" ihrem Ruf gerecht werden, dann fällt auch einiges an Spielzeug und Mac Donald's-Besuchen ab.

Wer eine große Familie hat, den erwartet ein großes Familientreffen.- Meine Frau hat eine große Familie: acht Geschwister, dazu natürlich eine entsprechende Zahl von Nichten und Neffen, nicht zu vergessen auch Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen. Nur Großmutter ist schon zu gebrechlich, um noch zum Haus der Enkelin auf dem Land zu fahren. Für die Erwachsenen ist es eine richtige philippinische Party - die eingeheirateten "Weißen", wie ich, kennen die Bräuche schon - mit einem riesigen Buffet, das garantiert nicht aufgegessen werden kann, zahlreichen Neuigkeiten aus dem gesamten Verwandtenkreis und vielen vielen Photos. Alle sind eine große Familie.

Die Kinder - zwölf an der Zahl - vergnügen sich auf ihre Weise mit Spielzeug, Videospielen und im Garten. Verschiedenheit der Sprachen ist kein Hindernis - höchstens eine Quelle der Erheiterung. "Give me the car!", auf Deutsch "Gib mir das Auto!", klingt doch lustig - oder? Über einen solchen Mindestwortschatz hat man sich bald verständigt, sogar ohne unsere nachträgliche Übersetzungshilfe.

Amerika kann auch sehr kinderfreundlich sein: Für einige Dollar Eintrittspreis pro Person gibt's einen ganzen Vergnügungspark - nur für Kinder und ihre Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten. Ringelspiele, Autos, Mini-Eisenbahnen, Rutschen, Märchenszenerien - alles, was das Herz begehrt, ist im Preis inbegriffen. Der wird auch diesmal von Onkel und Tante getragen, und neun Kinder haben viel Spaß miteinander.

Mit Vorschulkindern ins Museum? In New York gibt es eines, in dem sich auch die Kleinen gut unterhalten: Die "New York Hall of Science", ein Wissenschaftsmuseum zum Angreifen. Computerbildschirme, die auch Kinder verwenden können, erklären, wie der Körper funktioniert. Unter dem Mikroskop werden bizarre Pantoffeltierchen sichtbar, die in einem Wassertropfen schwimmen. Da gibt es eine Wand, die Schatten einige Minuten lang festhält, dort einen Apparat, der die eigene Stimme verändert. Ein abgegrenztes Spielzentrum für Vorschulkinder gibt den Eltern Gelegenheit zum Verschnaufen. Jedenfalls ist es schwer, die Kinder wieder von dort wegzubringen.

Ein Besuch in Staten Island: Hier meint man nicht in New York, sondern in einer Kleinstadt zu sein. Auf dem Weg dorthin fahren die Kinder das erste Mal auf einem Schiff. Die Fähre ist gratis, und wir können im Vorbeifahren der Freiheitsstatue zuwinken.

Wie der Rückweg wird? Das Gepäck wird wieder schwer, soviel ist sicher: Diesmal wird aber nichts quer durch den Flugplatz getragen, denn Papa wird nicht dabei sein; er muß schon früher abreisen. Auch zum ersten Mal: vier Wochen in Amerika ohne Papa, während der zum ersten Mal vier Wochen ohne Frau und Kinder verbringt.

Friedrich Moshammer


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