Urlaub
ohne
Reue

Beim Versuch, dem Streß und den Mühen des Alltags im Urlaub zu entkommen, tappen immer mehr Bürger in eine Erwartungsfalle: Die in der Werbung geweckten Hoffnungen werden in der Realität des beinharten Tourismusgeschäfts oft nicht erfüllt. Zurück bleiben Enttäuschung und Frustration

Es sollte der Traumurlaub werden, es wurde offenbar ein Alptraum: Helmut M. schüttete, als er wieder in sein Büro zurückkehrte, seinem Kollegen das Herz aus. Zuerst sind wir stundenlang im Stau gesteckt, Die Zimmer mit Meeresblick waren zwei Kabinette über dem Motorboot-Hafen. Es war so heiß, daß wir kaum schlafen konnten. Und das Fenster konnten wir kaum offenlassen, den dann war's zu laut oder es hat nach Dieselöl gestunken. Die Kinder wollten immer nur zum Strand laufen und meine Frau war verärgert, weil wir so wenig unternahmen: Ihr war es am Strand zu heiß." Die wenigen Plätze in Schattennähe waren schnell besetzt und jeden Tag fast 100 Schilling für Schirm und Liege bezahlen, wollte Helmut M auch wieder nicht. Auf der Heimfahrt hatten wir schließlich noch eine Panne und mußten über drei Stunden warten, bis endlich ein Pannendienst zur stelle war. Die ganzen drei Wochen sind beim Teufel", jammerte M.

M. steht mit seinem Kummer nicht allein da. Immer mehr Menschen sehen sich mit dem Problem konfrontiert, daß der heißersehnte Urlaub nicht das hält, was man sich von ihm erhofft hat. Die Probleme beginnen schon bei der Abreise: Endlos-Kolonnen auf den Autobahnen, Überfüllte Wartesäle in den Flughäfen, Verspätungen bei An und Abflügen, Troubles bei Anschlußflügen, und, und, und...

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) registriert bei Beschwerden über Urlaub und Reisen jedes Jahr Steigerungsraten von zehn Prozent und mehr. Dabei sind jene Fälle, die durch die plötzliche Insolvenz eines Reiseveranstalters entstanden sind, gar nicht mit eingerechnet", erläutert DI Monika Wagner. Ihr Kollege, Dr. Peter Kolba ergänzt: Wir führen mehr und mehr Musterprozesse. Auf dem Markt herrscht ein wilder Preiswettbewerb, bei dem vor allem die Qualität unter die Räder gerät."

Ganz unschuldig sind jedoch auch die Reisenden nicht. Abgesehen davon, daß sich viele zu Ferienbeginn wie Lemminge ins Auto stürzen und prompt im erwähnten Stau stecken, anstatt ein paar Tage zuzuwarten drohen zahlreiche Fallstricke, von der Organisation bis hin zur seelischen Vorbereitung.

In unserem hektischem Leben nimmt die Freizeit und eben vor allem auch der Urlaub einen immer wichtigeren Stellenwert in der Lebensgestaltung ein. Dr. Sophie Karmasin vom Institut für Motivforschung: Der Urlaub ist eine Gegenwelt zur Arbeitssituation. Für die Menschen verkörpert er die Vorstellung von Paradies und Glück. Man versucht daher das Gegenteil dessen zu inszenieren, was einem sonst während der Arbeit belastet: keinen Zwang, keine Regulierung, möglichst wenig Hierarchien. Das ganze Jahr laufen die Menschen herum, wegzukommen von den kleinen Ärgernissen. Die Enttäuschung ist dann doppelt so groß, wenn es nicht so läuft wie man es sich erwartet hat."

Die schlimmsten Urlaubskiller sind unerwartete Verlegungen in ein anderes Hotel wegen Überbuchung, Mängel bei der Unterbringung, wenn etwa die versprochene Klimaanlage nicht vorhanden ist, oder der Strand, der gleich vor der Haustür beginnen sollte, erst nach 20 Minuten Fußmarsch zu erreichen ist. Besonders gefürchtet sind auch Flugverspätungen oder -verschiebungen, etwa wenn im Prospekt ein Flug am Vormittag angesetzt ist und man mit Erhalt des Tickets erfährt, daß man sich um 4.30 Uhr früh am Flughafen einzufinden hat. Unzufriedenheit mit dem Essen wird vor allem dann ins Treffen geführt, wenn auch andere Dinge Anlaß zu Beschwerden bieten.

Zwischen persönlichen Wünschen und Lockungen der Werber

Zu den persönlichen Vorstellungen und Erwartungen kommt, daß sich eine ganze Industrie dieser Sehnsüchte annimmt und den Menschen den Urlaub mit ausgefeilten Werbemitteln schmackhaft zu machen sucht. In einer schier unüberschaubaren Zahl von Katalogen werden Träume verkauft: Vom einfachen Badeurlaub am Meer oder dem Wandern in den Bergen über Kreuzfahrten, Studien-, Gesundheits- oder Kulturreisen bis hin zu waghalsigen Abenteuern, bei denen die persönlichen Grenzen physischer Leistungsfähigkeit ausgetestet werden können. Und das in einer Vielfalt und zunehmend auch in Mengen, die die Veranstalter oft nicht mehr unter Kontrolle haben.

Weil man der Vorstellung einer Gegenwelt entsprechen möchte, werden die Urlaubsangebote ganz genau den verschiedenen Kundenbedürfnissen angepaßt. Ein Abenteuerurlaub ist typisch für ein jüngeres Publikum, das im Alltag eben dieses Abenteuer vermißt. Ein Manager wird sich mehr einen Typ Urlaub suchen, der ihm das bietet, was er sonst kaum hat, nämlich Zeit", erklärt Karmasin.

Wegen der gewaltigen Konkurrenz werden Kunden gern mit Sonderpreisen angelockt. Kein Wunder also, wenn dann das versprochene Hotel ausgebucht ist und man anstatt in Strandnähe irgendwo in einer Absteige landet, die mit den versprochenen Träumen im Prospekt nur wenig zu tun hat. VKI-Urlaubsexpertin Wagner: Die Kunden müssen sich im Klaren sein: Ein Unternehmer schenkt nichts her: Wenn also der Preis besonders günstig ist, dann ist Vorsicht angebracht oder die Erwartungen müssen zurückgeschraubt werden."

Wie weit die Inszenierung des Urlaubs geht, zeigt der gängige Trend hin zum Event-Urlaub". Der Gast will unterhalten sein. Tourismusexperte Wilhelm Dantine vom Meinungsforschungsinstitut Fessl Gfk: Dieser Trend wird sehr stark durch das mediale Bewußtsein geprägt. Nicht mehr die Erholung steht bei vielen Tourismusmanagern im Vordergrund sondern eben die action, ein event (Ereignis). Dabei wird gerne übersehen, daß noch immer die drei- bis vierfache Menge der Kunden einfach Erholung sucht."

Nicht nur die Anbieter, auch die Urlauber selber geraten zunehmend unter Druck: Sei es, daß aufgrund der steigenden Belastung in der Arbeitswelt die Sehnsucht nach Erholung wächst, sei es daß ein gewisser gesellschaftlicher Ruf zu wahren ist &SHY Die Nachbarn waren heuer schon wieder auf einer tollen Rundreise in den USA und wir fahren nur in die Steiermark" &SHY sei es, daß man einfach von Modeströmungen oder den subtilen Verlockungen der Werbung vereinnahmt wird: Die Erwartungshaltung wächst und verlangt nach Befriedigung. Die Wünsche und Begehren wollen klar formuliert, das passende Arrangement, das man sich auch leisten kann, in der schier unüberschaubaren Masse an Angeboten auch gefunden werden.

Und weil die Urlaubszeit so kostbar ist, wünschen sich immer mehr Kunden gewisse Garantien. Karmasin: Der Trend geht hin zu standardisierten Angeboten. Da kann man sich darauf einstellen, da kann nichts passieren. In einem Intercont-Hotel haben Sie auf der ganzen Welt das gleiche Service." Ihre Einschätzung wird durch die heimischen Tourismuszahlen bestätigt: Hotels der gehobeneren Kategorie verzeichnen im Gegensatz zu den kleinen Betrieben trotz der höheren Preise kaum Umsatzeinbußen, im Gegenteil, sie locken sogar mehr Gäste an.

Interessanterweise gehen nur etwa 50 Prozent der Österreicher auf Urlaub, wie Dantine herausgefunden hat: Die Ausgaben für Urlaub sind in den vergangenen Jahren ziemlich gleich geblieben. Allerdings fährt der Teil der Bevölkerung, der Urlaub macht, immer häufiger, der Teil, der in der Regel keinen macht, immer seltener auf Urlaub."

Modetorheit lenkt vom ursprünglichen Ziel ab

In Österreich ist Urlaub aber nicht nur ein Thema für Erholungsuchende. Vielmehr beschäftigt er die Menschen als Arbeit und Broterwerb. Das Klagen sinkender Nächtigungszahlen und stagnierender Umsätze beschäftigt die Medien mindestens genauso intensiv wie die Beschreibung neuer Urlaubsziele. In aufwendigen Studien wird erhoben, wie potentielle Gäste angelockt, welche events geboten werden könnten. Dabei kommt es dann zu Situationen, daß in einem Ort ein Ereignis das andere jagt, womit wieder langjährige Stammgäste vertrieben werden, weil ihnen der Trubel zu groß wird", erklärt Dantine.

Karmasin schlägt in dieselbe Kerbe: Gerade im mittleren Segment fehlt in Österreich noch vieles." Sie beschreibt zwei Wege für die darbende Tourismuswirtschaft: Altes verbessern, etwa im Service, in der Gastronomie. Mehr Heimatgefühl vermitteln; und Neues anbieten, wie etwa der florierende Wellness-Trend. Für die Menschen ist das die schönste Zeit des Jahres, da gibt man auch mehr aus."

Von der Kunst des Kombinierens

Besonders schwierig ist unter Umständen der Urlaub für eine Familie. Nicht nur, daß die Kosten gleich mehrfach anfallen, es müssen auch die verschiedensten Interessen unter einen Hut gebracht werden. Bei den Familien herrscht noch das ein traditionelles Urlaubsverhalten vor, etwa der typische Badeurlaub, oder die Ferien am Bauernhof", sagt Dantine. Allerdings zeigt sich auch hier eine neue Tendenz: Die Kinder haben heute mehr Mitspracherecht." Und natürlich werden Reisen wie zu Eurodisney oder etwa bei Sportbegeisterten, in die USA vermehrt gebucht. Familien sind gefordert in der Kunst des Kombinieren. Was den Kindern genügt, ist für Jugendliche oft schon fad." Auch Karmasin ist bei ihren Untersuchungen zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Alle müssen zufriedengestellt werden. Manchmal sollten Eltern auch einen Urlaub von den Kindern überlegen, das ist für alle gut, auch für die Kinder."

Christian Röck

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Tips: "So wird der Urlaub zur Erholung"