Das Labyrinth der Berufswahl

Erst wollte ich Opernsängerin werden, dann Klosterfrau, bald aber Lehrerin. Dabei blieb es dann. Es änderten sich nur die Fächer. Aus der Volksschullehrerin wurde eine Lehrerin für Bildende Kunst. Die wurde mir aber ausgeredet, weil Lehrerin oder nicht - Künstler kein seriöser Beruf war. Also stieg ich um auf Latein, später auf Mathematik und Physik, obwohl ich 3 Jahre zuvor in Mathematik fast durchgefallen wäre.

Nach 4 Jahren Mathematikstudium, knapp vor der Lehramtsprüfung, warf ich das ganze Studium zum Schock meiner Eltern hin, wußte aber ungefähr die Richtung, in die ich wollte und fand dann meinen "Traumberuf". Ich wurde Sozialpädagogin. Genauso hätte ich Psychologin, Sozialarbeiterin oder Bewährungshelferin werden können. Oder vielleicht Angestellte bei der Caritas, Asylantenbetreuerin oder Fluchthelferin. Der "soziale Tick" war schon in mir. Es war der Mangel an Information, der mich so verschlungene Wege gehen ließ. Wäre ich besser informiert gewesen, hätte ich vielleicht eine bewußte Entscheidung treffen können und schon in der Schulzeit erfahren, daß nicht mein Interesse am Vermitteln von Lehrinhalten, sondern die soziale Komponente überwiegt.

Was war es aber, das mich bewog, meine Berufsrichtung von Latein auf Mathematik umzustellen? Talent? War es nicht. Mir machte das eine wie das andere Spaß - zu einer jeweils anderen Zeit. Vernunft? Das wäre meine letzte Überlegung gewesen.

Es waren die Lehrer! Meine Interessen und Entscheidungen diesbezüglich waren direkt verknüpft mit der Fähigkeit der Lehrer, Inhalte zu vermitteln, aber noch viel mehr mit der persönlichen Sympathie. Deshalb konnte es passieren, daß ich von einer Gefährdung in Mathematik bis zur Studienbefähigung aufrückte.

Ein Lehrerwechsel war der Grund. Ich erinnere mich an unsere sehr strenge, aber sehr humorvolle Mathematikprofessorin, die mich zu mathematischen Höhenflügen und ungeahnten Ehrgeiz motivierte. Meine Eltern konnten kaum begreifen, daß meine Noten so schwankten.

Es stört mich auch relativ wenig, das mein 8jähriger kein Vorzugszeugnis hat. Es genügt mir, wenn seine Lehrerin mir erzählt, er sei intelligent und fähig, seine Intelligenz zur rechten Zeit einzusetzen. Auch ehrgeizig ist er gelegentlich, aber nicht immer und bei allem.

Das Wissen um diese Eigenschaften genügt mir. Also keinen Streß, auch Einstein war kein Musterschüler. So lange wir unseren Kindern die Lust am Lernen nicht durch ständige, hohe Forderungen verderben, sondern mehr beobachten, wann und warum ihre Schulnoten gut oder schlecht sind, können wir darauf vertrauen, daß unsere Kinder ihren Weg in die Welt der Berufe finden. Sie brauchen von uns statt schulischen Kraft- und Gewaltakten nur leichte, richtungsweisende Streicheleinheiten!

Susanne Benes