|
Leuchttürme weichen nicht ausDie Vorstellungswelt der Eltern beeinflußt den Werdegang der Kinder |
|
Die Schüler, die am Morgen in die Schule aufbrechen, nehmen von zu Hause nicht nur eine meist zu volle Schultasche, oder einen ausgebeulten Rucksack mit in die Schule. Unsichtbar tragen sie auch all die guten Wünsche ihrer Eltern mit sich. Diese ausgesprochenen oder unausgesprochenen Hoffnungen und Wunschvorstellungen der wohlmeinenden Eltern bleiben ebenso unsichtbar wie allgegenwärtig.
Kriegsschiffe der Marine übten seit Tagen bei schwerem Wetter Manöver. Nebelschwaden erschwerten die Sicht, also blieb auch der Kapitän oben und überwachte alles. Kurz nach Anbruch der Dunkelheit meldete der Ausguck: "Licht Steuerbord voraus !". "Bleibt es stehen oder bewegt es sich achteraus ?", fragte der Kapitän. "Es bleibt, Kapitän", antwortete der Ausguck. Dies hieß, daß sich das Schiff auf einem gefährlichen Kollisionskurs mit dem anderen Schiff befand.
Da rief der Kapitän dem Signalgast zu: "Schicken Sie dem Schiff ein Signal: Wir sind auf Kollisionskurs, wir empfehlen 20 Grad Kursänderung." Zurück kam das Signal: "Empfehlen Ihnen, den Kurs um 20 Grad zu ändern !"
Der Kapitän sagte: " Melden Sie: Ich bin ein Kapitän, Kurs um 20 Grad ändern !".
"Ich bin ein Unteroffizier", kam die Antwort, "Sie sollten den Kurs besser um 20 Grad ändern".
Inzwischen war der Kapitän ziemlich wütend. Er schimpfte: "Signalisieren Sie, daß ich ein Kriegsschiff bin. Er soll den Kurs um 20 Grad ändern." Prompt wurde eine Antwort zurückgeblinkt: "Ich bin ein Leuchtturm."
Wir änderten unseren Kurs.
Wie sehr sich doch in einem Augenblick alles Denken ändern kann, nur weil sich die Sicht auf die an sich unveränderte Situation geändert hat. Das Schiff steuerte weiterhin gerade auf die Küste zu. Die Unkenntnis der wahren Verhältnisse ließ den Kapitän ärgerlich und letztlich wütend werden. Wertvolle Zeit verging damit, dem ungehörigen Unteroffizier durch Einsatz der Macht der eigenen Position - ich bin ein Kapitän - klarzumachen, daß er "von amtswegen" schon ausweichen sollte.
Der Leuchtturm war immer schon Leuchtturm.. Er wußte bereits um seine wahre Stärke. Der Mann auf dem Leuchtturm war wohl nur Unteroffizier, aber er wußte ein Naturgesetz auf seiner Seite.
Jene fixe Idee von der Situation, das Verständnismuster, nach dem der Kapitän die Situation lösen wollte könnte man auch als Paradigma bezeichnen. Ein Paradigma ist am besten mit einer Karte zu vergleichen. Die Karte bildet die Landschaft ab, aber sie ist nicht selbst die Landschaft. Überdies gibt es gute und weniger gute Karten.. Mit einer Karte von Graz eine Straße in Linz zu suchen, ist ein voraussichtlich wenig erfolgversprechendes Unterfangen. In jeder Situation werden wir also von unserer eingeübten, von bisherigen Erfahrungen, der Erziehung, der Umwelt und anderer Faktoren geprägten Denkweise "beraten". Dieser Rat ist aber mitunter - wie man sieht - nicht gut und trotzdem teuer.
Sehen Sie einmal nebenstehendes Bild an. Es wurde
schon unzählige Male für psychologische Tests herangezogen, weil es so gezeichnet wurde, daß man darin sowohl eine sehr alte Frau, aber auch eine ganz junge Frau sehen kann. In den Tests entbrannten heftige Diskussionen, wenn man zuvor einer Gruppe das Bild A (alte Frau) und einer zweiten Gruppe das Bild B (junge Frau) gezeigt hatte. Die Versuchsgruppen konnten dann auch in dem nebenstehenden Bild, das eine Art Mittelstufe zwischen den beiden Bildern darstellt jeweils nur wieder die Person vom Bild A oder Bild B. Sie sollten hier innehalten bis Sie die zwei verschiedenen Sichtweisen in allen drei Bildern sehen können. Die beiden unteren Zeichnungen sollen jeweils eine Sichtweise leichter erkennbar machen (trotzdem ist die andere noch möglich).
Durch Versuche wie den beschriebenen wird vielen die Existenz von Paradigmen überhaupt erstmals bewußt. Die Brille, durch die wir alles sehen, färbt alles ein, filtert unsere Wahrnehmung, das, was wir als objektive Realität zu nennen pflegen. Darüberhinaus aber prägt ein Paradigma gravierend die oft unausgesprochenen Wertvorstellungen, die Ziele und andererseits auch die Versagensängste in unserem Leben.
Es ist genau dieser gesellschaftliche Hintergrund, der auch auf unsere familiäre Erziehung einwirkt. Wir mögen an unseren Kindern deren Ehrlichkeit als höchsten Wert sehen. Sie aber betreten in der Schule jeden Tag eine Bühne, auf der ganz andere Dinge zählen: mitreden können, und nicht abseits stehen in einer Welt, in der das Haben viel wichtiger ist als das sein. Selbst Freunde sind etwas, das man haben muß, wer redet da vom Freund sein.
Wenn unsere zwölfjährige Tochter bei dem höchst beliebten Getratsche, wer gerade in wen verliebt sein soll, nicht mitmacht, dann sind wir zwar sehr froh und auch stolz auf sie. Gleichzeitig sind wir sehr beunruhigt bei dem Gedanken, daß sie in der Klasse ein isolierter Außenseiter sein könnte.
Woher kommen diese inneren Leitbilder, die uns manches beglückend und anderes beängstigend erscheinen lassen und die für verschiedene Menschen auch verschiedene Namen tragen, Paradigmen, Werte, Lebensinhalte, Gewissen, ursprüngliches Gemüt, persönliche Identität und noch etliche mehr. Es wird heute allseits betont, welche großen Einfluß die Erlebnisse der Kindheit auf unsere menschliche Stabilität als Erwachsener hat. Die Ausprägung unserer Innenwelt hängt aber auch wesentlich von der Persönlichkeitsstruktur ab, die ja unabhängig von den Umständen der Kindheit ererbt wird und miteinander aufwachsende Geschwister so völlig verschieden werden läßt. Gleiche Situationen werden durchaus verschieden erlebt und verarbeitet. Zur Komplexität trägt noch bei, was in der Ausdruckweise der Evolutionstheoretiker das Stammhirn des Menschen ausmacht, also Dinge, die jedem Menschen als Mitglied der Gattung Mensch gemeinsam sind und auch das, was religiöse Menschen als ursprüngliche Natur des Menschen nennen.
Es fehlt also nicht an Theorien und auch an durchaus bedeutsamen Erkenntnissen über die Herkunft unserer Paradigmen. Zu einem Zeitpunkt, da wir sie in uns selbst erkennen und verstehen lernen, sind sie ja naturgemäß schon vorhanden. Was kann man daran noch ändern ? Das Drehbuch für unser Leben scheint schon geschrieben.
Andererseits kommt ja immerhin vor, daß uns "ein Licht aufgeht", eine bewegende Erkenntnis sich breitmacht wie in dem Kapitän, der erkennen muß, daß er es mit einem Leuchtturm zu tun hat. Es sind oft dramatische Erlebnisse, die Menschen ihre Wertereihenfolge völlig auf den Kopf stellen lassen. Ein Erlebnis am Rande des Todes wie ein schwerer Unfall, eine lebensbedrohende Erkrankung, ein harter Schicksalsschlag lassen Menschen oft in Augenblicken ihre alte Lebenseinstellung verändern. Es ist dies allzuoft ein sehr schmerzlicher und harter Vorgang.
Der weniger schmerzhafte und doch weniger oft eingeschlagene Weg besteht darin, selbst an jenen Werten zu arbeiten, die uns wirklich wichtig ist. Dabei geht es nicht sosehr um Ideologien und Glaubensinhalte. Diese können oft den Weg weisen. Die Position des Zentrums in unserem Leben nehmen jedoch nur diejenigen Werte, an die wir wirklich glauben. Hier läßt sich unser Innerstes nicht überlisten. Es genügt auch nicht, genau zu wissen, was man glauben sollte. Nur diejenigen Dinge, an die wir im tiefsten Inneren glauben, finden Zutritt zu unserem "Allerheiligsten". Ich selbst bin mit in einem sehr kleinen Dorf auf dem Land aufgewachsen und hatte ständig Angst vor dem, was wohl andere über mich denken. Doch ich habe dieses Angstgefühl aus seiner zentralen Position entlassen, ich habe mein eigenes Zentrum gefunden um das sich mein Leben dreht.
Ich bin überzeugt, daß es entscheidend ist, das richtige Zentrum zu wählen, um das man gerne kreisen will. Vom Zentrum hängt es ab, wodurch wir uns sicher fühlen, woran wir uns orientieren, wie wir die tagtäglichen Erfahrungen interpretieren (unsere eigene Lebensweisheit gewinnen) und auch was uns Kraft und Motiv gibt. Es ist ein großer persönlicher Gewinn, sich über das bisher nur unbewußt vorhandene Zentrum in meinem Leben klar zu werden.
| Zentrum | Sicherheit | Orientierung | Weisheit | Kraft |
|
|
Mein Wert ist mein Marktwert | Entscheidend ist der Gewinn | Geld zu machen, ist die Brille, durch die sie das Leben sehen und verstehen. | Sie sind auf das beschränkt, was sie mit Ihrem Geld und Ihrer begrenzten Sicht erreichen können |
|
|
Meine Sicherheit beruht auf der Akzeptanz durch die Familie und der Erfüllung der familiären Erwartungen. Ihr Selbstwertgefühl beruht auf dem Ruf Ihrer Familie | Gut ist, was für die Familie gut ist, bzw. was die Familienmitglieder wollen | Reduktion des ganzen Lebens auf die Familie, der zu einem auf die Familie erweiterten Egoismus führt ("Familiennarzißmus") | Aktivitäten und Handlungen durch Familienbrauch beschränkt. |
Weitere häufige Zentren sind: Ich, Partner, Arbeit, Besitz, Vergnügen, Freundschaft, Feindschaft, Verein, Kirche. Es ist eine gute Idee, einmal für sich selbst schriftlich sein persönliches Zentrum zu analysieren und sich dadurch über die Konsequenzen dieser Zentrierung klarzuwerden. Dies ist oft sogar nur durch ein analysieren der Konsequenzen möglich, woher ich meine Sicherheit beziehe, woran ich orientiere usw. Versuchen Sie einmal einige der oben angeführten alternativen Zentren. Gibt das Zentrum, um das ich kreise, eine brauchbare Karte ab, um mich im Leben zurechtzufinden oder ist es der falsche Plan für das wirkliche Leben ?
Der Schulanfang ist immer auch ein Zeitpunkt für gute Vorsätze. Gute Gewohnheiten sollen mithelfen, einen gewissen Erfolg zu bewirken. Es ist naturgemäß viel leichter, diese Vorsätze auf praktische Verhaltensweisen zu beziehen. Die Schultasche soll vielleicht schon abends eingeräumt werden. Die Aufgaben sollen noch gemacht werden, bevor der erste den Fernseher einschaltet. Man will rechtzeitig aufstehen, um genug Zeit für Morgentoilette und Frühstück zu haben. Schon Kleinigkeiten können aber die Änderung im Tagesablauf notwendig machen. Unvorhergesehenes ist ja im turbulenten Alltagsleben einer mehrköpfigen Familie eher die Regel als die Ausnahme. Flexibilität ist also angesagt und das ist nur zu oft das Ende aller guten Vorsätze. Wenn auch schon mal in der Familie über das grundsätzliche Ziel all der Familienregeln gesprochen wurde, wird es nicht schwerfallen, sich der Realität anzupassen und sich gleichzeitig auch als Familie selbst treu zu bleiben.
Es wird sogar erforderlich sein nicht nur ein Mal im Jahr über jene Grundsätze zu sprechen, die man unveränderlich inmitten vieler veränderlicher Umstände bewahren will. Ein regulärer Familienabend, stille Übungen, eine Zeit für Meditation, Zeiten, an denen man sich extra für ein Kind Zeit nimmt, können dabei die Brücken, die Medien sein, mit denen wir eine Botschaft überbringen können. Welche Botschaft wir übermitteln, bleibt allerdings unsere ureigene persönliche Verantwortung und Chance.