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Mein Sohn schaute mich entgeistert an. "Was? Mehr Freude in der Schule? Die Schule ist eh in Ordnung". Sprachs - und wandte sich wieder mit voller Konzentration dem 13. Level seines Nintendo-64-Echtszeitsimulationsspiels in hochauflösender 3D-Grafik zu. - "Die Grafik ist schon super, findest du nicht, Papi? Und es gibt 300 verschiedene Moves" (Bewegungsmöglichkeiten der Figur, Anm.). Dabei habe ich ihm nur eine Frage gestellt, die meiner Meinung nach einen 14 jährigen am Beginn der Oberstufe eines Gymnasiums schon interessieren sollte, nämlich: "Wie müßte man die Schule ändern, damit du mehr Freude beim Lernen hast?"
Auslöser für meine Fragerei war natürlich der Beginn des Schuljahres und damit verbunden, die Auseinandersetzung mit dem Dauerthema Lernen.
Sie wissen schon: Lernstreß, Schulbelastung, überforderte Kinder, teure Nachhilfestunden, gute Ausgangsposition für das harte Berufsleben, mörderischer Konkurrenzkampf, lebenslanges Lernen - und was es halt noch so alles gibt, was durch die Medien und folglich durch die Köpfe von Eltern schwirrt, die um die Zukunft ihrer Sprößlinge besorgt sind.
Dazu hatte ich mir in der Buchhandlung ein gescheites Buch besorgt: "Bessere Lernmethoden". Und darin steht gleich zu Beginn: "Rein biologisch betrachtet braucht der Mensch eineAtmosphäre der Entspannung, des Wohlempfindens und derVertrautheit, um lernen zu können. Doch was beobachten wir in völliger Verkennung der Grundgesetze der Lernbiologie und -psychologie nur allzu oft?
Besonders im Schulunterricht, in der Berufsausbildung oder in alltäglichen Lernkonfrontationen unseres Erwachsenenlebens verknüpfen wir den Lernvorgang mit zu hohen Erwartungshaltungen und damit verbunden Versagensängsten, mit konkurrenzorientierten Prestigekämpfen und denkbar ungünstigen Lernumwelten. (Fuchs/Graichen: Bessere Lernmethoden, Orbis Verlag München,1994).
Diese weitverbreitete These der Experten scheint in weiten Teilen auch mit dem übereinzustimmen, was in den Massenmedien zum Thema Schule berichtet wird. Der (Aus-) Bildungsweg ist offenbar mit Problemen und Sorgen gepflastert. So steht auch in meinem schlauen Buch: "Lernen ist eines der elementaren Bedürfnisse des Menschen. Diese unumstrittene Erkenntnis ist immer noch nicht ganz verloren gegangen, obwohl unsere Bildungsinstitutionen viele Jahre hart und oft schmerzhaft an jedem jungen Menschen arbeiten, um ihm die Freude am Lernen auszutreiben".
Vergleiche ich diese geharnischte Kritik an unserem Schulwesen mit der Haltung der mir bekannten Kinder, dann tut sich, wie der anfangs geschilderte Dialog illustrieren sollte, eine gewaltige Kluft zwischen Kritik und Wirklichkeit auf. Andere, von mir befragte Kinder, darunter sehr wohl auch solche, die sich bekannter Maßen mit der Schule schwer tun, können mit dem Motto: "Mehr Spaß und Freude beim Lernen in der Schule" wenig anfangen. "Die Hetz mach' ma uns sowieso selber, aber des hat halt wenig mit dem Lernen zu tun".
Die Reaktion bringen mich ins Grübeln. Der erste Gedanke, der mir dabei in den Kopf schießt ist: "Halt! Lernen ist nicht gleich Lernen!"
Nun ja, Michi scheint sich nicht viel aus dem Studieren zu machen: "Das Kind sitzt den ganzen Tag vor dem Fernseher oder bei diesen blöden Computerspielen," jammert die Mutter. "Stimmt nicht, ich hab' schon gelernt," tönt es zurück. Fragt sich nur: Was? Lateinvokabel: "Kann ich alle!" Ich frage ihn ab: gut 40 Prozent weiß er nicht! "Na schau dir das nochmals an, in einer halben Stunde prüfe ich dich nochmals ab. 10 Minuten später tanzt er wieder heran, mit dem Lateinbuch unter dem Arm, es geht etwas besser, aber von wegen alle Vokabel wissen, - keine Rede.
Dafür kann Michi mit dem Joystick (Steuerungshebel fürComputerspiele) mit Eleganz und Bravour umgehen, die gängigen Computerspiele hat er schon "geschafft" oder ist knapp davor. Ich, als durchaus computerversierter Elternteil habe gegen ihn keine Chance. Auch sonst weiß er genau, was in ist, er versteht es sehr wohl, sich in seiner Umgebung durchzusetzen und zu behaupten. Daß er nichts lernt, kann man also nicht sagen.
Vielmehr stellt sich die Frage, ob das, was die Erwachsenen als wesentlich sehen, wirklich das ist, was die Kinder später benötigen: Was haben wir nicht alles oft mühsam studiert, ohne es je wieder im Leben zu benötigen. Wie oft greifen Sie heute auf die Deutschen Klassiker zurück? Wie oft haben Sie mit Sinus, Kosinus, Tangens und Cotangens zu tun? Wie sehr benötigen Sie Latein?
Apropos Latein: Der bedingungslose Glaube an unserAusbildungssystem treibt derartige Blüten, daß sogar den Weisen der Geschichte das Wort im Mund verdreht wird. "Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir," heißt es immer. Der gute alte Seneca, auf den das Zitat zurückgeht, soll es genau umgekehrt gesagt haben: "Non vitae, sed scholae discimus."
Würde sich diese wahre Weisheit herumsprechen, würden wir Eltern uns wesentlich leichter tun, um den Sprößlingen durch die Schule zu helfen. Wenn wir in der Schule tatsächlich "für's Leben" lernen, dann haben schlechte Schulergebnisse etwas Fatalistisches an sich, sie stempeln den derart Benoteten zum Versager. Andererseits finden in der Schule erfolgreiche Streber sich im Leben plötzlich mit Problemen und Erwartungen (Er war doch so ein guter Schüler) konfrontiert, denen sie nicht gewachsen sind, womöglich sogar daran scheitern. Lösen wir uns von der Lebensschau und sagen einfach: wir lernen für die Schule, dann haben die Ergebnisse gleich einen ganz anderen Stellenwert: Schulen lassen sich relativ problemlos wechseln.
Gleichzeitig sollte nie vergessen werden, daß Schulen trotzdem Teil des Lebens sind, d.h.: daß sie in jeder Form, ob gut oder schlecht, vom Kind bewältigt werden müssen. Diese Bewältigung an sich ist schon ein (Über-) Lebenstraining. Und auch wenn jeder im Leben Glück, Erfüllung und damit Freude anstrebt, so heißt das nicht, daß diese Empfindungen vorausgesetzt werden dürfen. Lebensbewältigung ist immer harte Arbeit.
Lernen auch: Der Lernpsychologe Karl Grohman erklärt das so: "90 Prozent der Aktivitäten, die wir als Erwachsene auszuführen haben, sind Routine: Dort wo es keine Routine gibt, geraten wir in Streß, wird es schwierig. Schüler sind zu 90 Prozent mit Neuem konfrontiert und haben selten Routine. Deswegen ist Lernen Schwerstarbeit!" Die Schwierigkeiten, die sich traditionellerweise beim Lernen - das heißt: bei dem Versuch, Informationen aus der Umwelt aufzunehmen, zu speichern und wieder zu verwenden - ergeben, haben die Menschen angeregt, nach neuen Wegen zu suchen um diesen Prozeß besser zu bewältigen:
Gerade die neuen Medien haben zu einer Informationsexplosion geführt und zu völlig neuen Möglichkeiten, Wissen zu sammeln und aufzunehmen. Die Informations- und Wissensflut, die es ja zubewältigen gilt, hat "lebenslanges Lernen" zum Schlagwortgemacht. Die Forscher lernen ständig mehr über die Funktionen unseres Gehirns, Psychologen und Pädagogen setzen dieses neue Wissen in immer gefinkeltere und ausgetüfteltere Lernmethodenum. Lernen im Schlaf, Mind mapping oder Megabrain-Techniken werden in teuren Seminaren angeboten, um zahlungskräftigen Kunden die Aufnahme von Information zu erleichtern oder ihnen zumindest das Gefühl zu geben, sie würden die Wissensflutbewältigen können.
In der Schule wird davon allerdings kaum etwas angeboten. Da wird schon als Erfolg gefeiert, wenn den Kindern zu Beginn des Schuljahres beigebracht wird, wie sie den vorgesetzten Stoff bewältigen können.
Allerdings versuchen Professoren in dem ihnen möglichen Rahmen schon auch, die neuen computerunterstützten Lernmethoden für dieKinder einzusetzen. Ganz abgesehen vom Schulbetrieb, werden Kinder automatisch mit einen noch nie dagewesenen Fülle von Information bombardiert - vor allem durch das Fernsehen. Dieses hat zu einer Revolution geführt, deren Auswirkungen und Konsequenzen wir uns heutzutage nicht einmal noch bewußt sind. Abgesehen von der Informationsflut, die allein durch die täglichen Nachrichten auf uns hereinstürmt, haben die elektronischen Bilder die Welt scheinbar zu einem Dorf schrumpfen lassen. Das reichhaltige Angebot Dutzender Programme liefert die verschiedensten Kulturen ins Haus.
Viele halten gerade das Fernsehen für ein pädagogisch überaus wertvolles Medium, weil es Sachverhalte einprägsam visualisieren kann. Sogar aus wenig bildreichen Programmen wie etwa Quizshows lernen Kinder eine Menge. Das Schlagwort "Infotainment" (aus Information und Entertainment zusammengesetzt) macht die Runde. Lerninhalte werden in Programmen für Schule und Bildung "pädagogisch wertvoll" und leicht faßlich aufgearbeitet. Immer wieder werden zu Programmen begleitende Bücher angeboten und heutzutage auch schon Computerspiele, mit denen die Inhalte "interaktiv" vertieft werden können. Fernsehen und Computer dienen als Mathematik- oder Sprachtrainer; es gibt kaum ein Fachgebiet, zu dem nicht Lernprogramme auf Video und für den Computer angeboten. werden.
Das bringt uns zurück zu Michi vor seinem Nintendo-64-Echtszeitsimulationsspiels in hochauflösender 3D-Grafik und zu meiner kritischen Frau, die ich immer wieder von den Vorteilen der schönen neuen computerisierten Lernwelt zu überzeugen versuche. Sie meint: "Die Spiele sind schön und gut,aber sie geben einen festen Rahmen vor, und die Kinder könnenletzten Endes nichts mit sich anfangen, sobald dieser Rahmenwegfällt."
Da ist etwas dran. Denn sobald der Computer ausgeschaltet ist, beginnt in der Regel auch die Jammerei: "Mir ist so fad!" "Tu was, Setz' dich hin, lern etwas, lies ein Buch, zeichne etwas, mal etwas!"
Lassen die modernen Medien mit all der angebotenen Vielfalt und Buntheit die Kinder verdummen? Der amerikanische Medien-Kritiker Neil Postman sagt "Ja"! Er hält die besseren Lernerfolge durch audio-visuelle Medien für eine Fiktion, umfassende Studien würden dies belegen. Unterricht habe nun einmal nichts mit Unterhaltung zu tun, auch wenn dies heutzutage vor allem von den Proponenten der neuen Medien heftig propagiert werde. "Die Bildungstheoretiker", schreibt Postman, "sind stets davon ausgegangen, daß die Akkulturation ein schwieriger, weil notwendigerweise mit Hinnahme von Einschränkungen verbundener Prozeß ist. Sie haben darauf hingewiesen, daß Lernen in einer bestimmten Abfolge von Schritten erfolgen muß, daß Ausdauer und ein gewisses Maß an Schweißarbeit unerläßlich sind, daß persönliches Vergnügen häufig hinter den Interessen des Zusammenhaltes der Gruppe zurückstehen muß und daß den jungenMenschen Kritikfähigkeit und die Fähigkeit zu logischem, strengen Denken nicht in den Schoß fallen sondern erarbeitet werden müssen. Cicero erklärt, Zweck der Erziehung sei es, den Schüler von der Tyrannei des Augenblicks zu befreien, was denen keinen Spaß machen kann, die sich, wie die Kinder mit allerKraft um das Gegenteil bemühen, nämlich darum, sich an die Gegenwart anzupassen." (N. Postman: Wir amüsieren uns zu Tode - Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, S.Fischer).
In diesem Trend zur Anpassung, zum Aufgehen im allgemein verbreiteten Lebensspaß, der die Kritikfähigkeit selig entschlummern läßt, sieht Postman auch die größte Gefahr, dasAufdämmern der von Huxley so drastisch beschriebenen "schönen, neuen Welt". "Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken läßt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endloses Reihe von Unterhaltungs-Veranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Anliegen zur Varieté-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr, das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung."
Sein Rezept: Ursache und Wirkung der Medien und ihrer Produkteständig hinterfragen und Wege suchen, wie wir mit den neuen Medien richtig umgehen lernen können. So wie Muskeln nur durch Widerstand gehärtet werden so müssen Kritikfähigkeit und Geisteskraft durch Überwindung von Hürden geschärft werden. Diese Art von Herausforderung hat mit Spaß und Unterhaltung nichts zu tun - Freude kann sie auf Dauer jedoch sehr wohl bereiten.