Viel Wert für wenig Lohn

Draußen ist es schon dunkel; nur der Bildschirm des Computers wirft sein flimmerndes Licht in den Raum. Wieder einmal sitze ich um sieben Uhr abends noch im Büro und brüte über einer kniffligen Aufgabe. Es klopft an der Tür. Wie jeden Abend gehen die Arbeiterinnen vom Reinigungsdienst in den sonst schon ausgestorbenen Gängen und Zimmern - von den meisten unbemerkt und daher unbedankt - ihrem Tagwerk nach. Flink entfernen sie die Nebenprodukte unserer mit viel Streß und "Gehirnschmalz" verbundenen produktiven Arbeit: Der Staub auf den hochgetürmten Papierstapeln und auf den Bildschirmen, Ursache so mancher Hustenanfälle, wird abgewischt, die vor lauter zerknüllten Konzeptblättern überquellenden Papierkörbe für die Aufnahme neuer Ideen bereit gemacht und das wichtigste Utensil - die Kaffeetasse - wird morgen wieder mit frischem Glanz den neuen Arbeitstag verschönern.

Eine der Frauen - vielleicht Flüchtlinge aus Bosnien, die oft noch Mühe haben, Deutsch zu sprechen, - hat heute ihre kleine Tochter zur Arbeit mitgebracht. Sie ist acht oder neun Jahre alt, grüßt in akzentfreiem Deutsch und hilft ihrer Mutter mit großem Eifer. Sicher ist das für sie die wichtigste Arbeit der Welt, weil es eben die Arbeit ihrer Mutter ist.

Was mich sonst keinen Gedanken verlieren läßt, macht mich heute doch ein bißchen nachdenklich. "Nicht gerade familienfreundlich, diese Arbeitszeit", denke ich, "wahrscheinlich muß die Frau aus dem Haus gehen, kurz nachdem - oder gar bevor - ihr Mann nach Hause kommt." Pro Tag einige mager entlohnte Arbeitsstunden früh morgens und abends - genau zu den Zeiten, wenn Kinder und Mann frei haben. Heute ist ihr Mann wahrscheinlich noch nicht zuhause, arbeitet vielleicht auf dem Bau, wo man froh sein muß, wenn man überhaupt einen Arbeitsplatz hat.

Um eine Kleinigkeit beneide ich jedenfalls das Mädchen und seine Mutter: Meine Kinder haben meinen Arbeitsplatz noch nie gesehen. Sie können sich wahrscheinlich kaum vorstellen, was ich den lieben langen Tag über mache und wofür das gut sein soll, außer um Geld zum Einkaufen nach Hause zu bringen. Neulich jedenfalls schaute mein vierjähriger Sohn etwas ratlos drein, als ich ihm auf seine Frage nach meiner Arbeit eine Broschüre mit vielen eng gedruckten Buchstaben zeigte: "Ich schreibe Bücher, Tobias, mit vielen Buchstaben drinnen." Ich tröste mich mit dem Gedanken, daß er es Zukunft einmal verstehen wird.

Mein Sohn kennt mich bisher nur als "Privatmensch", aber in seinen Augen bin ich unendlich wertvoll, weil es in seinem Leben eben nur den einen, unverwechselbaren Papa gibt. Für unsere Kinder bin ich als Person mit vielen Eigenschaften da; eigentlich sind sie der Ansicht, daß ich fast alles können müßte. Doch die sogenannte Arbeitswelt funktioniert anders. Leistung und Gegenleistung in einem relativ engen Bereich ist das oberste Prinzip - auch wenn an menschenfreundlicheren Arbeitsplätzen gelegentlich das Privatleben ein bißchen Einlaß findet: Geburtstagsgrüße für die Kollegen, ein bißchen zwangloses Zusammensein in der Pause; manchmal, aber viel zu selten, zeigt sich jemand von einer Seite, die die Kollegen an ihm oder ihr noch gar nicht kennen. Meistens sind wir auf eine bestimmte Rolle festgelegt, die oft nur einen geringen Teil unserer Persönlichkeit und unserer Fähigkeiten fordert. Aber wer arbeitslos ist, fühlt sich erst recht nicht geschätzt. Die mangelnde Wertschätzung der eigenen Fähigkeiten belastet mindestens so schwer wie die finanzielle Einschränkung.

"Was nichts kostet, ist nichts wert", ist eine heute oft gehörte Redensart. Man meint damit meistens die mehr oder weniger kostenlos angebotenen öffentlichen Güter und Dienstleistungen, wie etwa medizinische Versorgung, den Unterricht an öffentlichen Schulen, Gratisschulbücher und dergleichen mehr. Diese Haltung färbt aber auch auf Arbeit und die dafür notwendigen Fähigkeiten ab: So ist es nicht verwunderlich, daß Kindererziehung und Hausarbeit als etwas betrachtet werden, das "nichts kostet" (außer viel Zeit und Mühe der hauptsächlich damit beschäftigten Frauen) und daher wirtschaftlich gesehen und für die eigene Karriere "nichts wert" ist.

Nur ja nicht zuviel Zeit mit Haushalts- und Familienarbeit "verschwenden" und so schnell wie möglich wieder einer bezahlten Arbeit nachgehen, lautet heute die vorherrschende Botschaft in der Öffentlichkeit. Wer Büros, Geschäfte oder die Häuser anderer Leute putzt, kann die im eigenen Haushalt erworbene Geschicklichkeit verwerten und bekommt dafür Geld. Wer in der Fabrik eine Schuhsohle nach der anderen klebt, bekommt ebenfalls Geld, und muß vor allem Eintönigkeit aushalten und trotzdem konzentriert bleiben. Kinderbetreuung und -erziehung im Kindergarten kostet die Eltern Geld und wird von bezahltem Personal geleistet - also ist sie wirtschaftlich und gesellschaftlich "etwas wert". Geld bedeutet natürlich zuerst Wohnung und Essen bezahlen oder "sich etwas leisten" zu können.- Viele Familien sind daher auf das Doppeleinkommen angewiesen. Geld bedeutet in dieser Gesellschaft aber auch Anerkennung für Leistung und Fähigkeiten.

Familienarbeit wird (hoffentlich) in der eigenen Familie anerkannt und geschätzt, darüber hinaus aber kaum. Eine Frau (oder gar ein Mann!), die sich jahrelang intensiv den Kindern und den damit verbundenen Aufgaben gewidmet hat, stößt vielfach auf Unverständnis, wenn sie wieder in ihren alten Beruf oder in eine andere relativ anspruchsvolle Tätigkeit zurückkehren möchte: "Leider zu lange weg von der Praxis und den aktuellen beruflichen Anforderungen, veraltetes Fachwissen..." heißt es da. Dabei werden doch angeblich die sogenannten "Schlüsselqualifikationen", nämlich überfachliche "weiche" Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale immer wichtiger: Streß aushalten zu können, die Arbeit selbständig organisieren und gestalten zu können, anderen zuhören oder bei Konflikten vermitteln zu können, sind Eigenschaften, die unter den heutigen Bedingungen immer häufiger gefordert werden. Wer längere Zeit Familienarbeit geleistet hat, hat jedenfalls auf diesem Gebiet ein Intensivtraining hinter sich.

Fachwissen läßt sich in Kursen nachholen, Berufspraxis braucht einfach Zeit, doch persönliche und soziale Fähigkeiten wachsen nur unter Herausforderungen, und davon gibt es beispielsweise im Leben einer Mutter jede Menge: die Hausarbeit erledigen und sich gleichzeitig allen möglichen Bedürfnissen der Kinder widmen - von der Totalversorgung des Babys über Streitschlichten bei den Kleinen bis zur helfenden Begleitung und emotionalen Aufrichtung der Größeren im Schulalter. Seit kurzem ist in der Öffentlichkeit sogar von "emotionaler Intelligenz" die Rede, die besonders auch Führungskräfte bräuchten, damit ein gutes Betriebsklima entstehen kann. Frei übersetzt bedeutet "emotionale Intelligenz" ganz einfach die Fähigkeit, mit anderen wie mit sich selbst menschlich, respektvoll, ja liebevoll, umzugehen. Ohne gutes Betriebsklima kann nämlich ein Unternehmen keinen dauerhaften Erfolg haben.

Wer längere Zeit erfolgreich Familienarbeit geleistet und Kinder aufgezogen hat, der hat sicher überdurchschnittlich viel "emotionale Intelligenz", dafür wahrscheinlich weniger rücksichtsose Ellbogentechnik. Das sollten auch jene bedenken, die auf der Suche nach fähigen und motivierten Mitarbeitern sind.

Leider färbt heutzutage der "Wert" eines Menschen auf dem Arbeitsmarkt (das heißt, was Arbeitgeber ihm an Lohn zu zahlen bereit sind) viel zu sehr auf die Wertschätzung als Mensch ab. Das zeigt sich etwa daran, wie freundlich oder wenigstens höflich jemand von Beamten, Verkäufern, Ärzten - oder einfach Nachbarn und Arbeitskollegen - behandelt wird.

Natürlich muß zum Beispiel ein Primararzt in einem Spital sehr viel wissen und können und trägt auch viel Verantwortung, aber in vielen Fällen kommt es auf die menschliche Behandlung durch die Krankenschwestern mindestens ebenso an, ob ein Patient wieder gesund wird oder nicht. "Harte" und "abstrakte" Fähigkeiten genießen im allgemeinen viel mehr Ansehen als "weiche" und "praktische".

Frauen sind heute in den Berufen, die viel an praxisbezogenen "weichen" Fähigkeiten verlangen, wie sie auch die Familienarbeit erfordert, erheblich überrepräsentiert. Fast das gesamte Personal in Kindergärten ist weiblich, in den Volksschulen überwiegen bei weitem die Lehrerinnen und die Pflege und Betreuung von Kranken, Alten und Behinderten ist ebenso fest in weiblicher Hand. Gesellschaftlich sind das äußerst wichtige Aufgaben, möchte man meinen, und außerdem oft sehr beschwerlich, nicht zuletzt wegen ungünstiger Arbeitszeiten in der Nacht und am Wochenende. Doch dort, wo die "harten" Fähigkeiten dominieren, - in der Technik, im Geschäftsleben, bei den Lehrern an höheren Schulen und vielen anderen Bereichen, wird oft weit besser bezahlt. Hier überwiegen allerdings die Männer. In der Schule und später im Berufsleben gibt es leider immer noch viel zuwenig Gelegenheit, "emotionale Intelligenz" zu erwerben. Je höher die Schulstufe, desto mehr stehen Wissen und intellektuelle Fähigkeiten im Mittelpunkt, im Beruf zählt vor allem Orientierung an vordergründigem Nützlichkeitsdenken.

Menschliche Qualitäten zu entwickeln, bleibt weitgehend dem Privatleben, also im wesentlichen dem Lernen in der Familie vorbehalten. Und hier schließt sich der Kreis: In der Familie fordern einander Kinder und Eltern gegenseitig heraus, diese Fähigkeiten zu entwickeln. Familienarbeit "kostet" zwar nichts, weil sie freiwillig geleistet wird.- Sie erspart aber auf längere Sicht hohe Kosten und schafft letztlich auch materielle Werte. Denn wer in der Familie gelernt hat, andere nicht nur unter dem Gesichtspunkt zu sehen, ob sie "funktionieren" oder nicht, sondern als Persönlichkeiten mit eigenem Wert, der trägt dazu bei, daß es weniger Krankheit und Zerstörung und dafür mehr motivierte, schöpferische und leistungsbereite Menschen gibt.

Friedrich Moshammer



Spontane Eindrücke an den Autor (e-mail)
Zum Anfang dieser SeiteZurück zur Rubrik "Welt" Zurück zum Wegweiser
Zurück zum Thema"