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Reichtum hat für manche ein häßliches Gesicht. Wir denken an eine Luxusvilla mit hohen Mauern und obenauf noch den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun und ein schweres automatisch öffnendes Tor. Von Zeit zu Zeit huscht eine Limousine mit dunkel gefärbten Scheiben vorbei an blicksicheren Hecken zum Hauptgebäude, von dem man nur den Giebel in der Ferne sieht. Der Chauffeur bringt die Kinder von der Schule. Schon der Gedanke, einmal so reich zu sein, ist nicht wirklich behaglich, eine Aura der Unangemessenheit liegt über dieser Vorstellung. So reich, das empfinden viele, so reich muß ich wirklich nicht sein. Aber wie reich möchten wir denn nun sein ? Oder sind wir es gar schon längst ? Die Antwort auf diese Frage wird wohl sehr davon abhängig sein, an wen wir diese Frage richten ?
Ferdinand Raimund meint in seinem Hobellied "Da ist der allerärmste Mann dem andern viel zu reich. Das Schicksal setzt den Hobel an - und hobelt alle gleich !" Wie man sieht, ist allerdings die Welt voll von Mitmenschen, die sich lieber nicht zu sehr auf dieses Schicksal verlassen wollen, das auf nie ganz geklärte Art und Weise alle gleich hobelt. Außerdem kann man sich gerade noch vorstellen, daß jemandem etwas weggehobelt wird. Vom Dazu-Hobeln hingegen hat man ja bislang noch nie etwas gehört ! Mag das Schicksal auch jemandem anderen in mehr oder weniger ausgleichender Gerechtigkeit einen schweren Schlag versetzen, mir als armen Tropf hilft das auch nicht so recht weiter.
Also bemühen wir uns weiter um Verbesserung, um Aufstieg und Absicherung, zumindest unseren Kindern zuliebe, die es - wer wollte da widersprechen - besser als wir haben sollten. Das "Hinaufarbeiten", ist solange attraktiv und erstrebenswert, als tatsächlich ein "oben" vorhanden ist. Ohne Chancen, Entfaltungsmöglichkeiten und ohne die Möglichkeit zu mehr Wohlstand, als wir derzeit haben, erstirbt auch jeder Anreiz zu größeren Anstrengungen es einmal besser zu haben.
Dem Streben nach Verbesserung haften durchaus einige positive Nebenwirkungen an und die Geschichte ist voll von beeindruckenden Beispielen, was Menschen alles leisten können, wenn sie ein Ziel vor Augen haben. Weniger hört man dann darüber, wie es denen geht, die "es" geschafft haben. Die sogenannten wohlerworbenen Rechte und der wohlverdiente Wohlstand lassen uns unversehens das Lager wechseln. Gestern wollten wir noch eine Gesellschaft der Chancen, offen, dynamisch mit Leistungsanreizen. Doch dann möchte man nur mehr den Status Quo bewahren und das Erreichte absichern.
Die Maslow'sche Bedürfnispyramide setzte erstmals mit wissenschaftlichen Argumenten die existenziellen Grundbedürfnisse des Menschen über alle sozialen Bedürfnisse. Überleben kommt eindeutig vor der Selbstverwirklichung. Bert Brecht läßt uns weniger wissenschaftlich aber gut verständlich ausrichten: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral !". Den hierzulande feststellbaren Esoterik-Boom darf man da getrost dazurechnen. Nachdem man ja sonst alles hat, leistet man sich als Erholung von allem Konsum auch ein wenig Sinn.
Diesem Geist trat das Christentum von Anfang an diametral entgegen. "... Der Mensch lebt nicht nur von Brot ..." (Matth. 4,4). Obwohl zu Jesu Zeit wie auch in jeder Zeit vor- und nachher soviel Not zu lindern, soviel Hunger zu stillen war, entscheidet sich Jesu dazu, diejenigen zu sättigen, die geistigen Hunger hatten. Diese bewußte Hinwendung zu den geistigen Nöten des Menschen hat dem Christentum immer auch viel Kritik eingebracht. Wirklich scharf formuliert wurden diese Angriffe freilich erst von den Vorvätern des Kommunismus, denen die Langmut und Geduld des Christentums überaus hinderlich waren. Sie wollten ja mit allen Mitteln beweisen, daß "jetzt" die Zeit reif ist, endlich die Brotverteilung selbst in die Hand zu nehmen. Es ist übrigens hochinteresssant, die Aussagen Jesu zu Geld, Reichtum, diesseits und jenseits in den Evangelien durchzulesen (Siehe dazu auch den Kasten: Das Lukas - Evangelium zu Reichtum, Wohlstand, Geld). Auch die durchaus bekannten Bibel-Zitate haben eine überaus interessante wenig bekannte Vorgeschichte, ein kleines Umfeld, das ihre Weisheit erst zur Geltung bringt. Vieles wird relativiert, anderes noch schärfer. Alles wird in jedem Fall verständlicher im Zusammenhang. Trotzdem: mit dem durchaus modern gewordenen Esoterik-Boom sind die Aussagen der Bibel nicht wirklich kompatibel.
Der Mensch lebt tatsächlich nicht nur von Brot. Wovon aber lebt der Mensch wirklich ? Was sind die elementaren Bedürfnisse ? Es entbehrt nicht einer gewissen inneren Logik, daß gerade Maslow, dessen Bedürfnispyramide Generationen von Denkern beeinflußt hat, am Ende seines Lebens die Pyramide um eine neue Spitze erweitert hat. Er fügte oben noch hinzu: Transzendenz. Es ist sicherlich ein erstaunliches Zeugnis, wenn auch von einer nicht religiösen Quelle ein Lebenssinn, eine auch über das physische Leben hinausgehende Dimension im Leben als objektiv vorhandenes Bedürfnis des Menschen zugestanden wird. Was könnte Transzendenz, Jenseitigkeit beinhalten ?
"Der Mensch lebt nicht nur vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund ausgeht." Nach gängigem Verständnis wird das Wort Gottes als "Logos", als Wahrheit und Wissen, verstanden. Demnach braucht der Mensch zu einem Leben außer Brot auch Wahrheit, Verständnis der Zusammenhänge und Wissen.
Unbestritten ist nun der Forschungsdrang des Menschen neben dem ständigen Streben nach materieller Verbesserung eine Konstante in der Geschichte. Dabei paßt es durchaus ins Bild, daß nicht immer vorhersehbar ist, welcher Art die so gewonnenen Erkenntnisse schlußendlich sind. Ein Teil der Resultate der Forschung fließt unmittelbar in konkrete neue Produkte ein, etwa technischer oder medizinischer Art. Andere Ergebnisse wiederum dienen einer Wissenserweiterung, deren Bedeutung dem Einzelnen auf Grund ihrer großen Anzahl und des hohen Spezialisierungsgrades nur mehr bruchstückhaft bewußt wird. Das Hubble-Weltraumteleskop etwa hat so viele Einblicke in das Entstehen, das Leben und den Tod von Sternen (=Sonnen) vermittelt, daß die Diskussion über die grundsätzlich Art unserer Existenz ganz neu entfacht wurde. Antworten auf lange offene Fragen stehen ein Vielfaches an neuen Fragen gegenüber. Es ist tief in uns verwurzelt, das Woher und Wohin unseres Daseins verstehen zu wollen.
Wir haben noch nicht über das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Gemeinschaft, über Liebe, über Selbstverwirklichung gesprochen und über die Sehnsucht, etwas bleibendes zu hinterlassen. Ein wahrer Irrgarten an möglichen Schwerpunkten in unserem Leben tut sich hier auf. Wer hat Zeit sich mit den Alternativen zu seinem jetzigen Leben zu beschäftigen ? Gnadenlos werden wir von allen Seiten in Beschlag genommen. Beruf, Freundeskreis, Familie wollen alle unsere Aufmerksamkeit. Dabei ist so manches nicht wirklich wichtig, was unbedingt jetzt und heute erledigt werden soll. Wer hat da noch Zeit für die wichtigen Dinge ? Meist versuchen wir uns erst mit dem wichtigeren zu beschäftigen, wenn endlich das dringende vom Tisch ist. Leider ist das mitunter nie der Fall !
DRINGEND NICHT DRINGEND WICHTIG Krisen
Dringende ProblemeProblemvorbeugung
BeziehungsarbeitNICHT WICHTIG Unterbrechungen
Einige AnrufeTriviales, Geschäftigkeiten
Manche PostVersuchen Sie einmal, in einem Gurkenglas so viele Steine wie möglich unterzubringen und den Rest mit Sand aufzufüllen. Wenn Sie nicht sofort beginnen, die Steine unterzubringen, sondern erst einmal die Hälfte des Glases mit Sand angefüllt haben, wird kaum noch ein Stein untergebracht werden können. So geht es uns auch mit den wichtigen Aufgaben (Steinen) einer Woche (Gurkenglas). Wenn diese nicht als Erstes geplant werden, ist bald keine Chance mehr, sie auch praktisch unterzubringen. Denn boshafterweise sind die allerwichtigsten unter den wichtigen Dingen meist nicht dringend.
Wie komme ich Kamel aber nun durch das Nadelöhr? Die Lektüre des ganzen Bibeltextes gibt schon eine teilweise Antwort. Sich freizumachen von aller Abhängigkeit von materiellen Dingen ist allerdings nur ein Teil dieser Antwort. Vielleicht sollten wir in unseren Terminplan für diese Woche unter wichtig/nicht dringend eintragen: Stille Stunde - hinhören.
Über Ihre Meinung und Erfahrungen zu diesem Thema freut sich
Florian Kliman