Da ist sie also wieder, diese herrlichste, schrecklichste Zeit des Jahres, in der man mit übermäßiger Hektik der Besinnlichkeit nachjagt. Weihnachten steht vor der Tür und der Mensch beginnt aller Rationalität zum Trotz sich wieder in das geschäftige Treiben der angeblich "stillsten Zeit im Jahr" zu werfen. Und immer wieder muß man sich fragen, was denn die Faszination ausmacht, die diese Tage umgibt.
Es beginnt mit den Weihnachtskarten: Jedes Jahr gilt es, die vielen Verwandten und Bekannten, von denen man all die Monate vorher nichts gehört oder gesehen hat, wieder anzuschreiben. Weit über 100 Karten haben wir im Vorjahr verschickt, einige auch zurückbekommen. Aber irgendwie blieben die Bemühungen ohne Konsequenzen, man sah sich deswegen während des Jahres auch nicht öfter. "Heuer ist Schluß!", dachte ich mir, entschlossen, diesem noch dazu recht teuren Unfug ein Ende zu bereiten. Doch dann zogen die Zweifel ein: Sind nicht die Weihnachtskarten DIE Möglichkeit, den zugegebenermaßen spärlichen Kontakt aufrechtzuerhalten? Was bliebe schon von all den vielen Bekanntschaften, würden sie nicht zumindest einmal im Jahr angedacht und letztlich auch angeschrieben? Muß es ausgerechnet zu Weihnachten sein. Sofort schießt die Erinnerung über ein Jahr in den Kopf, an dem ich genauso dachte, die Schreiberei hinauszögerte, fest entschlossen, die lieben Freunde einmal ohne besonderen Anlaß mit einem Rundbrief zu versehen - und nichts ist daraus geworden. Und ist es nicht eigentlich ein schöner Zug, den anderen mitzuteilen, daß man an sie denkt und Ihnen Segenswünsche für das kommende Jahr zukommen läßt. Entspricht das nicht gerade dem eigentlichen Geist von Weihnachten? Also schreibt man zu Weihnachten.
Dann die Geschenke: Ein echter Unfug. Nur gut fürs Geschäft (der Handel macht bis zu einem Drittel seines Umsatzes in den wenigen Wochen vor Weihnachten! DIESE KOMMERZIALISIERUNG!! Wo sind die Zeiten, als sich die Kinder noch mit einer Orange im Strumpf begnügten. Auch die Oma mahnt doch immer kopfschüttelnd angesichts der Berge von Geschenken für die Enkeln: "Also zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben, diese Flut von Geschenken, die Kinder wissen ja gar nicht wohin damit."
Nun ja, ganz so stimmt es auch nicht: Auch ich bin in einem mit Geschenken gefüllten Zimmer, staunend und beglückt vor dem kerzenerleuchteten Baum gestanden. Von wegen eine Orange im Strumpf! Und selbst in der tiefen, vielfach beschworenen Vergangenheit war die Orange etwas besonders, eine kleine Kostbarkeit, die es nur zu Weihnachten gab. Sicher ist es in unsere Zeit des Überflusses, in der die erlesensten Delikatessen und exotischsten Früchte das ganze Jahr über im Supermarkt angeboten werden, ausgesprochen schwer, solch kleine, und doch einfache Kostbarkeiten zu finden. Aber genau deshalb entsteht ja die Hektik zu Weihnachten.
Dann der Christbaum: Eigentlich wird er ja jedes Jahr kleiner (proportional zur Größe der Kinder). Aber eben nur eigentlich: Natürlich möchte man keine Unsummen ausgeben. Aber das kleinere Bäumchen sah dermaßen mickrig aus, daß man sich damit doch nicht nachhause wagte. Dann gab es da dieses wirklich großartige Angebot - und schon reicht die Tanne wieder bis zur Decke wie es sich gehört (Nur gut, daß wir in keiner Altbauwohnung mit hohen Räumen wohnen!)
Ähnlich läuft es beim Schmücken des Baumes: Nächstes Jahr seid ihr an der Reihe, wenn ihr einen Christbaum wollt, müßt ihr euch darum kümmern", wurden die Großen schon vorgewarnt. Am 23. gegen Mitternacht war man froh, die Kinder endlich im Bett zu haben, und macht sich müden Auges wieder ans Aufputzen. Es g'hört halt so.
Auch das Essen folgt den eingefahrenen Ritualen: Fisch am Abend, Festschmaus zu Mittag. Man steht Stunden in der Küche, die mit angepatztem Geschirr überquillt, alle sind satt bis zum Geht nicht mehr, trotzdem werden nebenbei auch noch die Zuckerln vom Christbaum genascht und die Weihnachtsbäckerei verputzt - binnen weniger Augenblicke. Wenn man da an die Stunden der Produktion spät abends in der überheizten Küche denkt, könnte man fast weinen - oder sich freuen, daß die Mühe nicht vergebens war und die mühsam erarbeiteten Köstlichkeiten reißend Absatz finden.
Von den familiären Stolpersteinen ganz abgesehen, hängt Weihnachten auch wie ein lästiger Ballast am Ende jeden Jahres: Ab Anfang Dezember "ist das Jahr gelaufen", weil anscheinend niemand mehr Zeit für anderes als Weihnachten hat, von einer Weihnachtsfeier zur anderen läuft, Geschenke verteilen muß, und was halt sonst noch so an Verpflichtungen zum Jahresende auf den unbedarften Festtagsmuffel lauert. Und vor dem Dreikönigsfest tauchen die wenigsten aus diesem Feiertagstaumel wieder in die Normalität zurück.
Was ist es, daß uns das Weihnachtsfest derartig beschäftigt. In andren Ländern, abgesehen, daß es dort an der typischen alpinen Verklärung des Festes mangelt, ist es auch nicht viel anders. Der Christfest-Mythos in seinen unendlichen Variationen hält die Menschheit gefesselt. Dabei sind es in erster Linie gar nicht die christlichen Elemente des Festes, die Menschen derart beschäftigen. Sind wir nicht vor allem noch immer tief in unserem Innersten Heiden, daß es uns ein Bedürfnis ist, die Wintersonnwend mit einem Fest zu begehen - aus Freude, daß endlich die Tage wieder länger werden?
Ist es die ureigenste Sehnsucht nach einem Höhepunkt im Jahr? Der einst von der Natur aufoktroyierte Rhythmus des Jahres mit seinen Höhen und Tiefen, mit Aussaat, Wachstum, Ernte und schließlich Ruhe ist dem monotonen Gleichklang der ständigen Verfügbarkeit gewichen: Die einst hart erarbeiteten Früchte des Feldes sind heute stets und zu jeder Jahreszeit im Supermarkt erhältlich. Sommer findet statt, wenn ich es will- ich brauche mich nur in ein Flugzeug zu setzen und bin dort, wo es warm und behaglich ist. Die Reisebüros sind voll von Angeboten für Winterflüchtlinge. Vorfreude und Sehnsucht, das Auf und Ab des Jahres bleiben auf der Strecke. Vielleicht versuchen wir einfach auch die verlorenen Träume und Sehnsüchte der Kindheit wieder auferstehen zu lassen, das Staunen vor einem Wunder wiederzuerwecken, das wir nicht begreifen können. Vielleicht ist es einfach der Versuch, die überbordene Großzügigkeit Gottes zu kopieren, der uns mit Leben und Wohlstand so überreich beschenkt hat und uns auch das Kostbarste, nämlich seinen Sohn, nicht vorenthalten hat. Auch wenn wir genau wissen, daß der heutige Materialismus, nicht das Ideal ist, daß eine Flut von Geschenken die Ursprünglichkeit der kindlichen Erlebniswelt nicht wiederherstellen kann, ist es doch den Versuch wert. Und schließlich lassen die glänzenden Augen der Kinder und Kindeskinder die eigenen Höhepunkte der Vergangenheit wieder lebendig werden.
Christian Röck
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