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Arbeiten oder kreativ sein?Im Spannungsfeld zwischen Berufung und Beruf |
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Wir leben heute in einer sehr spannungsreichen Zeit. So viele kriegerische Auseinandersetzungen und so viele Zeichen der Hoffnung hat es wohl in keinem Jahrhundert in dieser Dichte gegeben. Wenn wir uns die mediale Berichterstattung zur Tagespolitik näher betrachten, scheint die Politiker nur eines zu bewegen: die Arbeitslosigkeit.
Was hier mit Arbeit gemeint ist, ist ein Platz in der Galeere der Wirtschaft. Wer ihn ergattert, bekommt einerseits den Futternapf, doch auf der anderen Seite wird er erbarmungslos getrieben, sich in die Riemen zu legen und das Schiff auf Fahrt zu halten: Wir sitzen im Schiffsrumpf, bewegen im Takt der Börsenkurse die Ruder und gönnen uns hin und wider einen Blick durch die Luke. Doch wohin das Schiff steuert, oder steuern soll, daran zu denken haben wir kaum Gelegenheit. Die Sklaverei ist nicht abgeschafft, sie ist nur subtiler geworden.
Das Kind und der Künstler, soweit er als Künstler wirken kann, kennen diese Problematik nicht. Sie empfinden Arbeit nicht als Last, der zu entrinnen ein Segen ist.
Woher kommt das?
Arbeit wurde in den letzten drei Jahrhunderten in steigendem Maße vor allem deswegen als Belastung empfunden, weil sie vom schöpferischen, vom kreativen Mutterboden losgelöst und auf eine mechanistische Ebene mit rachitischen Beinen gestellt wurde. So wurde die "Arbeit" weithin als scheußlich empfunden, eine künstlerische Tätigkeit jedoch als erfüllend gesehen. Kreativität ist in unserem industriellen Zeitalter zu einem Luxusgegenstand geworden, den sich nur Wenige und da oft nur zum Wochenende leisten konnten. Nicht zu Unrecht haben wir jene Menschen bewundert, die sich den Freiraum schaffen konnten, um schöpferisch tätig zu sein, um aus ihrem Inneren, ihrem Herzen heraus etwas ins Werk setzen zu können.
Ein Künstler ist ein Mensch, der den Bezug zur Mitte gefunden hat und daraus handelt. Künstlerische Tätigkeit ist immer Arbeit im vollen Sinn des Wortes, ist schöpferische Tätigkeit. Ein Künstler muß aber auch eine Technik erlernen, muß hart arbeiten, daß ihm der Schweiß auf der Stirn steht, auch ein Künstler muß sich disziplinieren und kann nicht nach Lust und Laune werken.
Der künstlerisch tätige Mensch ist wie ein Kind: er ist für neue Bilder offen. Sie reifen in ihm heran, drängen aus ihm heraus und kommen durch ihn zur Welt, werden durch ihn Weltschöpfung. Er fragt nicht nach der Nützlichkeit, nach dem Marktwert, nach Publikum und Anerkennung. So wie Gott aus der inneren Sehnsucht heraus wirkt, so arbeitet ein Künstler; so müßte alle Arbeit getan werden. Kreativität drückt sich jedoch nicht nur im Malen eines Bildes oder Ähnlichem aus; sie kann sich auch in Dienstleistungen, in Beziehungen, in der Heilkunst zeigen.
Der gespaltene Mensch, der zwei Seelen in seiner Brust trägt, hat auch ein gespaltenes Verhältnis zur Arbeit. Die Arbeit ist zum Job geworden. Dort verdiene ich mein Geld, um die Miete und die Autorate zu bezahlen. Solange unsere Arbeit so klein ist, das heißt in einem Teilbereich unseres menschlichen Seins abläuft, kann sie unsere Seele nie zufriedenstellen. Unsere Sehnsüchte sind anders gelagert. Der tschechische Staatspräsident Vaclav Havel stellt in seinem Buch "Leben aus der Wahrheit" fest: "Indem das ganze Interesse eines Menschen auf den Boden seiner reinen Konsumwünsche festgenagelt wird, hofft man, ihn unfähig zu machen, seine zunehmend geistige, politische und moralische Herabwürdigung zu erkennen."
Doch es geht nicht nur darum, daß wir erkennen, wie sehr wir noch immer Sklaven unseres eigenen Systems sind, sondern daß uns endlich das Licht aufgeht, daß wir, das heißt jeder Mensch, die Verantwortung Gottes übernehmen müssen. Derselbe Gott, der zu Beginn der Welt über der Urflut schwebte, gibt sich mit dem Menschen, mit jedem von uns an ein Werk des Mitschaffens hin. Wir alle sind Ebenbilder Gottes, Bilder des Künstlers aller Künstler, der Quelle aller Kreativität im Universum. Wenn wir dieses Bild in uns verleugnen, verweigern wir die größte Belohnung unserer Arbeit. In dieser Quelle ist alles eine Einheit: Die Sehnsucht nach Freude, Liebe und Glück, Schönheit und Wahrheit, Freiheit und Gesetz, Ruhe und Aktivität. Sobald wir zu dieser Quelle in uns vorgestoßen sind, beginnt unser Leben, beginnt Kunst, beginnt Arbeit. Dadurch werden wir zu Partnern im großen Werk des Universums.
Rainer Maria Rilke, der die Bedrohung unseres menschlichen Ganzseins durch die fortschreitende Industrialisierung sah, drückt in seinen Werken wiederholt seine Hoffnung aus:
"O das Neue, Freunde, ist nicht dies,
daß Maschinen uns die Hand verdrängen.
Laßt euch nicht beirrn von Übergängen,
bald wird schweigen, wer das 'Neue' pries.
Denn das Ganze ist unendlich neuer
als ein Kabel und hohes Haus.
Seht, die Sterne sind ein altes Feuer
und die neuern Feuer löschen aus."
Wenn wir einmal unsere Würde und Sendung in diesem Sinne verstanden und gefühlt haben, dann beginnen wir danach zu leben, zu handeln.
Jeder Mensch, der das Licht der Welt erblickt, betritt diesen Globus mit einer einzigartigen Geschichte. Deshalb ist jeder von uns ein einzigartiges Wesen. Als solche haben wir die Möglichkeit, diese Welt auch unterschiedlich zu sehen und zu betrachten, in ihr einen unverwechselbaren Platz einzunehmen, kreativ zu wirken, und unsere Sichtweise auf einzigartige Weise auszudrücken. Aus diesem Grund müßte dem künstlerisch tätigen Menschen Konkurrenzdenken fremd sein, weil das, was er einbringen kann, ein anderer ohnedies nicht und nicht auf diese Weise vermag; in der Liebe ist niemand austauschbar. In der maschinellen Herstellung schon.
Das industrielle Zeitalter hat dieses schöpferische Potential in uns an den Rand gedrängt. Kreativität wurde oft mit Mißtrauen betrachtet. Nur wer produziert und konsumiert, hatte in unserer aufgeklärten Industriegesellschaft einen Platz.
Weil der Mensch nicht auf sich selbst bezogen entstehen und leben kann, kann auch die Arbeit des Menschen und die des Künstlers schon gar nicht anthropozentrisch sein. Nur das Feuer vom Himmel und unsere Beziehung dazu können unsere schöpferische Arbeit inspirieren. In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals Rilke zitieren:
"Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert
Stellen ist es noch Ursprung. Ein Spielen von reinen
Kräften, die keiner berührt, der nicht kniet und bewundert." Wir alle sind Schöpfer und Schöpferinnen, und deshalb wartet auf uns alle Arbeit, gute Arbeit.
Insofern nun der Künstler als Künstler tätig ist, als Visionär, verwendet er seine rechte Gehirnhälfte. Ein Künstler ist aber auch auf eine Technik angewiesen, um seine Vision, sein inneres Bild nach außen darzustellen. In gleicher Weise braucht der Wissenschaftler, der vornehmlich seine linke Gehirnhälfte einsetzt, die Intuition, die Vision, die Spiritualität. Erst wenn beide Teile im Einklang zusammenwirken, entsteht Schöpfung im eigentlichen Sinn.
Kunst, die mit Spiritualität verbunden ist, hat ein hohes Potential. Derartige Kunst wird ständig aus einer fließenden Quelle genährt. Sie ist lebendig und frisch, intuitiv und ekstatisch, freudig, mutig - kurz: sie bringt alle Eigenschaften zum Ausdruck, die wir einem lebenssprühenden Menschen zuschreiben. Eine solche Kunst wirkt heilend - nicht nur für den, der sie betreibt, sondern auch für jene, die sie betrachten, hören, begreifen, empfinden. Fehlt die Spiritualität, die Verbindung zum Ganzen, zur Mitte, zu Gott, zur Quelle, dann wird Kunst ebenso wie Politik, das Gesundheitswesen oder Religion ruhmsüchtig, elitär, anthropozentrisch und eigennützig.
Doch alle Arbeit der Künstler und Künstlerinnen ist ein Dienst an der Menschheit, ja am Universum. Diese Menschen erwecken unsere Bilder, um uns zu unseren mystischen Ursprüngen zu bringen.
Ich möchte schließen mit einem Satz von dem deutschen Mystiker Meister Eckhart:
"Das äußere Werk kann niemals klein sein, wenn das innere groß ist, und das äußere Werk kann niemals groß sein und gut, wenn das innere klein oder von geringem Wert ist. Das innere Werk umfaßt stets alle Größe, alle Breite und alle Länge." Heinrich Krcek
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