Wer ist mein Nächster? Moralentwicklung:
Kinder und Jugendliche brauchen eine moralische Identität.
Tobias, unser älterer Sohn (fünfeinhalb Jahre alt), ist wütend. Gerade ist er im Begriff, seinem vierjährigen Bruder einen Legostein (Duplogröße) auf den Kopf zu werfen. Ich kann das im letzten Moment noch verhindern. "Warum machst du das", frage ich ihn, "du willst doch auch nicht, daß dein Bruder dir etwas auf den Kopf wirft, du weißt doch, wie weh das tut!" Die Antwort: "Aber er will nicht mit mir spielen; er sagt immer nur 'puh!', wenn ich ihn frage." Offensichtlich ist es für Tobias noch sehr schwierig, die persönliche Freiheit seines jüngeren Bruders zu respektieren oder sich in einer emotional so aufgeladenen Situation in dessen Lage zu versetzen, auch wenn er sehr wohl weiß, wie schmerzhaft es ist, wenn man von solchen Geschoßen getroffen wird. "Nicht so schlimm", denke ich, "Einfühlsamkeit ist wohl etwas, was Kinder erst allmählich lernen."
"Ein anderes Mal beobachte ich Tobias (er merkt allerdings nicht, daß ich ihn beobachte), wie er seinen weinenden Bruder tröstet, der eben einen Schlag von einem scharfkantigen Spielzeugauto abbekommen hat. Was ist passiert? Tobias hat sich mit dem Spielzeug in der Hand umgedreht und dabei irrtümlich seinen Bruder im Gesicht getroffen. Können sich Kinder in diesem Alter also doch schon in andere hineinversetzen und Verantwortung für die Folgen ihrer Handlungen übernehmen, auch wenn in dem Moment niemand da ist, der sie kontrolliert, tadelt oder lobt?
Kinder plagen sich schon relativ früh mit moralischen Dilemmasituationen und machen sich Gedanken über "Gut" und "Böse". Naiver Kindermund bringt daher moralische Probleme oft auf viel einfachere Weise auf den Punkt als viele Erwachsene, die diesen Fragen mit komplizierten Rechfertigsstrategien auszuweichen suchen. "Neue Kinderbriefe an den lieben Gott" heißt ein kleines Taschenbuch, in dem Kinderaussagen über Gott, Religion und Moral gesammelt sind. Der kleine Martin schreibt da etwa: "Lieber Gott, ich weiß, wir sollen unseren Nächsten lieben, aber wenn Markus mir einen Rollschuh wegnimmt, dann ist er wohl nicht mein Nächster." Markus wiederum schreibt: "Lieber Gott, was für einen Zweck hat es, brav zu sein, wenn es niemand sieht?" Zwei Grundfragen der Moral - ausgedrückt in zwei kurzen Sätzen.
"Neue Kinderbriefe an den lieben Gott", erschienen in der Reihe GTB Siebenstern im Gütersloher Verlagshaus
Friedrich Moshamer
Zwiespältiges Verhältnis zur Moral
Zum Wort "Moral" hat die heutige Gesellschaft ein zwiespältiges Verhältnis: So wird Menschen der älteren Generation von den einen penibel vorgerechnet, wie unmoralisch sie sich in einer bestimmten historischen Zeitspanne verhalten hätten. Die anderen betonen, dieses Verhalten sei durchaus "ehrenhaft" gewesen. Wenn heute ein Präsident seine Frau betrügt und dabei noch die Machtposition seines Amtes in zweifelhafter Weise gebraucht, wird er von den einen dafür öffentlich an den Pranger gestellt, von den anderen hingegen so nachsichtig behandelt, als ob private Moral in einem öffentlichen Amt keinerlei Rolle spielen würde. Ob im öffentlichen oder im privaten Leben - es heißt oft: "eine Hand wäscht die andere". Dabei ist dann aber von Sauberkeit und Gesetzestreue keine Rede.
Nicht nur Politikern und anderen mächtigen Leuten, sondern auch einfachen Bürgern fehlt in vielen Bereichen ein angemessenes Unrechtsbewußtsein: Solange man nicht öffentlich als Dieb oder Betrüger gebrandmarkt wird, sind dubiose Finanztricks nichts Übles, Alkohol am Steuer wird erst dann als wirklich moralisch verwerflich wahrgenommen, wenn bereits Tote oder Verletzte zu beklagen sind, Unmoral im Sexualverhalten wird erst dann zum Thema, wenn Vergewaltigung oder Kinderpornographie im Spiel sind. Dieselbe Gesellschaft, die es zuläßt, daß Kinder, deren Familienbeziehungen von Unsicherheit und Wertverlust geprägt sind, gleichzeitig mit den abscheulichsten Medieninhalten überschwemmt werden, entsetzt sich, wenn Kinder oder Jugendliche gewalttätig werden.
Wer heute als Eltern oder Lehrer "in" sein will, darf kein "Moralapostel" sein; "Moralinsaure Pädagogik" hat ausgedient. Scheinmoral, die nur so tut als ob, wird zurecht abgelehnt. Aber heißt das, daß Moral nur mehr eine Frage des persönlichen Geschmacks einerseits oder der in der Öffentlichkeit vorherrschenden Meinungen andererseits ist? Denn Nachlässigkeit und Relativismus in Moralfragen überläßt das Feld den Zynikern, die genau wissen, was sie tun, wenn sie es etwa im Internet durch technische Tricks auf ihren Homepages schaffen, manche Suchdienste so zu manipulieren, daß nach Eingabe des Suchwortes "Moral" nicht nur die tatsächlich gesuchten Inhalte, sondern auch zahlreiche Angebote pornographischer Natur oder gar Kinderpornographie als Treffer erscheinen.
Moralentwicklung - ein brandaktuelles Thema
Besonders seit Beginn der 90-er Jahre haben sich in Amerika, aber auch in Europa, Gegenbewegungen entwickelt, die sich einer Erneuerung der Moralerziehung nicht nur im Jugendalter, wo die Probleme am augenfälligsten sind, sondern vom Kleinkindalter an, widmen. Gerade in Amerika haben diese Bewegungen schon eine beträchtliche Breitenwirkung entfaltet. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, daß viele Wissenschaftler dort nicht im "Elfenbeinturm" der Universitäten und Forschungseinrichtungen bleiben, sondern sich mit ihren Einsichten in Bürgerbewegungen engagieren.
Ein Beispiel aus den USA: Character Education Programs
Einer dieser Wissenschaftler ist der amerikanische Entwicklungspsychologe William Damon, der an der Stanford-Universität in Kalifornien das "Zentrum für Jugendforschung" ("Center on Adolescence") leitet und als einer der renommiertesten Forscher in der Kinder- und Jugendpsychologie, besonders auf dem Gebiet der Moral- und Charakterentwicklung, gilt. Kürzlich erschien sein Artikel zum Thema in der deutschen Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft", nachdem gerade seit Mitte der 90-er Jahre das Thema Moralentwicklung auch im deutschsprachigen Raum breiteres Interesse von Seiten der Entwicklungspsychologen gefunden hat.
Spektrum der WissenschaftWie viele seiner Kollegen sieht auch er, wie wichtig es ist, daß Kinder und Jugendliche eine Entwicklung durchlaufen, die zu immer höher stehendem moralischem Denken führt, sodaß sie schließlich lernen, das Handeln nach übergeordneten moralischen Prinzipien zu beurteilen. Er betont jedoch auch, daß ein hochentwickeltes moralisches Denken noch nicht unbedingt bedeutet, daß solche Personen ihren Einsichten gemäß handeln.
Wie Kinder lernen, moralisch zu denken
Als Forscher-Autorität ersten Ranges, was die Entwicklungspsychologie des moralischen Denkens von Kindern und Jugendlichen betrifft, gilt der 1987 verstorbene amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg, der in Langzeitstudien (über 20 Jahre) die Entwicklung der selben Personen - vom Kleinkind bis zum Erwachsenen - untersuchte. Was dabei herauskam, war eine Einteilung in sechs Entwicklungsstufen, die - wenn auch nicht als alleiniges Kriterium für moralisches Handeln - heute noch anerkannt ist. Eine genaue Zuschreibung zu gewissen Altersstufen ist allerdings nicht möglich, weil Kinder die verschiedenen Stufen nicht gleich schnell durchlaufen und selbst Erwachsene oft auf niedrigeren Stufen steckenbleiben:
Stufe 1:
Gut ist der blinde Gehorsam gegenüber Vorschriften und gegenüber Autorität, Strafen zu vermeiden und kein körperliches Leid zu erdulden.
Diese Stufe müssen Kleinkinder durchlaufen, um das Ausmaß an Sicherheit zu haben, das sie in diesem Alter brauchen.Stufe 2:
Gut ist es, eigenen oder anderen Bedürfnissen zu dienen und im Sinne des konkreten Austauschs fair miteinander umzugehen.
Kinder im Volksschulalter lernen auf dieser Stufe, daß es gut ist, "gerecht" zu sein.Stufe 3:
Gut ist es, eine gute (nette) Rolle zu spielen, sich um andere zu kümmern, sich Partnern gegenüber loyal und zuverlässig zu verhalten und bereit zu sein, Regeln einzuhalten und Erwartungen gerecht zu werden.
Kinder und Jugendliche - ab etwa 9-10 Jahre - werden Mitglieder von Gruppen und schließen Freundschaften. Dazu brauchen sie diese Art von Moral. "Die Gesellschaft" ist noch relativ weit weg.Stufe 4:
Gut ist es, seine Pflichten in der Gesellschaft zu erfüllen, die soziale Ordnung aufrecht zu erhalten und für die Wohlfahrt der Gesellschaft Sorge zu tragen.
Ältere Teenager lernen hier, daß es notwendig ist, sich an gewisse gesellschaftliche Regeln zu halten (nicht nur wenn Strafe angedroht wird) und auch etwas zum Ganzen beizutragen.Stufe 5:
Gut ist es, die Grundrechte zu unterstützen sowie die grundsätzlichen Werte und Verträge einer Gesellschaft, auch wenn sie mit den konkreten Regeln und Gesetzen eines gesellschaftlichen "Subsystems" (zum Beispiel eines bestimmten Staates oder einer Firma) im Widerspruch stehen.
Diese Stufe erreicht zu haben, deutet darauf hin, daß man "wirklich erwachsen" denkt, denn die praktische Umsetzung ist natürlich nicht immer mit persönlichem "Nutzen" (oft dem Gegenteil) verbunden. Selbst ein großer Teil der Erwachsenen schafft diese Denkhürde (geschweige denn die praktischen Konsequenzen) nicht oder nur gelegentlich.Stufe 6:
Gut ist es, ethische Prinzipien als maßgebend zu betrachten, denen die ganze Menschheit folgen sollte.
In der Geschichte und in der Gegenwart sind nur relativ wenige Menschen auszumachen, die durchgehend so handeln. Diese Art von Denken kann nicht ohne persönliche praktische Konsequenzen bleiben und gilt meistens als "unvernünftig" bis "verrückt". Als "Heilige" oder "große Menschen" werden solche Personen meist erst spät oder nach ihrem Tod erkannt. "Normale" Menschen schwingen sich manchmal in bestimmten Situationen zu einer solchen Denk- und Handlungsweise auf.
"Gut und Böse" - was Kinder darunter verstehen
Der Schweizer Psychologe Wolfgang Althof beschreibt die Anfänge moralischen Denkens von Kindern etwa folgendermaßen:
Moralische Themen spielen schon früh eine Rolle. Kinder machen sich schon in den ersten Lebensjahren Gedanken über "richtig" und "falsch", was man darf und was nicht, wann man gut ist oder nicht, und sie gehen einen Schritt nach dem nächsten in Richtung einer ersten systematischen Vorstellung über Moral ("Stufe 1"): sie gehen, sozusagen, "Babyschritte" der moralischen Entwicklung.
Zunächst sind die Kinder noch nicht immer fähig, die Ziele und Absichten anderer zu berücksichtigen, wenn sie ihr Handeln beurteilen. Wer ihnen wehtut, ist gemein, auch wenn es unabsichtlich geschah. Wer sich an die Regeln, von denen sie überzeugt sind, nicht hält, ist unfair, auch wenn er gute Gründe für andere Regeln hat. Wer beim Tischdecken helfen will, mit dem Tablett stolpert und zwölf Tassen zerbricht (eine Situation, die der Schweizer Psychologe Piaget den Kindern zur moralischen Beurteilung vorgelegt hat), ist "schlimmer" als einer, der absichtlich (!) nur eine Tasse zerbricht.
Vorschulkinder können durchaus auf die Gefühle und Bedürfnisse anderer eingehen - dann, wenn sie sie aus eigener Erfahrung nachvollziehen können. Wenn aber die eigenen Wünsche mit denen anderer in Konflikt stehen, können sie die beiden Sichtweisen nicht zusammenbringen. Dann heißt ihre Moral: "Fair ist das, was ich will". Ein Beispiel: Vier Kinder, ungefähr 5 Jahre, wollen zusammen fernsehen. Drei sind sich einig über das Programm, das vierte möchte etwas anderes sehen. Dieser Junge hatte schon gehört, daß man nicht egoistisch sein soll. Aber jetzt hat er ein Problem. Er geht zur Mutter und fragt: "Wieso ist es schlimm, wenn einer egoistisch ist, aber nicht schlimm, wenn gleich 3 Leute egoistisch sind?"
Wie Kinder sich ein Weltbild erarbeiten
"Der fühlt sich toll" - paradoxe Urteile von Vorschulkindern
Kindliche Reaktionsweisen auf moralische Fragen erscheinen aus der Sicht von Erwachsenen oft widersprüchlich:
Die deutsche Psychologin Gertrud Nunner-Winkler fand heraus, daß fast jedes Kind schon mit vier Jahren weiß, daß man nicht stehlen darf. Doch als sie denselben Kindern Bildergeschichten zeigte, in denen der Geschichtenheld heimlich Bonbons stiehlt, erklärten die kleinen Testpersonen dazu: "Nun fühlt der Junge sich toll! Die Süßigkeiten schmecken Klasse, weißt Du!"
Sogar wenn sich ein Kind in der Geschichte blutig schlug, kommentierten sie die Situation mitunter in unerwartet brutaler Art - nämlich dann, wenn ein anderes Kind den verletzten Spielkameraden absichtlich geschubst hatte. Eine typische Antwort: "Der fühlt sich Klasse! Das ist schön, wenn man den so bluten sieht!" Die Psychologin betont, daß Kinder, die so reden, durchaus Mitleid empfinden, wenn ein Kind sich selbst gestoßen hat. Und wenn der Geschichtenheld das verletzte Kind nur aus Versehen angerempelt hat, glauben sie. "Der fühlt sich schlecht! Das wollte er ja nicht!"
(Ein Interview mit der Wissenschaftlerin vom Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München erschien gemeinsam mit dem Artikel von William Damon in "Spektrum der Wissenschaft")Je nachdem, wie stark die moralische Entwicklung von Kindern gefördert wird, durchlaufen sie die Entwicklungsschritte verschieden schnell, aber sie können sie nicht einfach überspringen, da sie aus den Erfahrungen der vorhergehenden Stufen lernen, um für die nächsten Stufen bereit zu sein.
Moralische Identität und Charakter entscheidend
Allerdings müssen Kinder vor allem auch eine "moralische Identität" entwickeln, meint William Damon, der das - aufgrund zahlreicher Forschungsergebnisse - für die zweite, entscheidende Dimension der Moralentwicklung hält. Früher nahmen Entwicklungspsychologen an, am Entwicklungsstand des moralischen Urteilsvermögen eines Menschen sei auch seine Reife im moralischen Handeln zu erkennen. Doch nicht nur bei Kindern, auch bei Erwachsenen treten zwischen beidem oft große Diskrepanzen auf. Schon Lawrence Kohlberg, der nicht nur Theoretiker, sondern auch Pionier von Alternativschulen mit moralischem Anspruch war, mußte diese Erfahrung machen, ohne deswegen freilich sein Entwicklungsmodell zu ändern.
Straftäter etwa kennen gewöhnlich die moralischen Regeln der Gesellschaft genau, doch sie identifizieren sich nicht damit. Damon führt an, viele jugendliche Kriminelle und Gesetzesbrecher hätten ein unreifes Selbstbild, besonders was ihre eigene Zukunft betrifft. Sie könnten sich gar nicht vorstellen, einmal einen angesehenen Beruf auszuüben oder sozial integriert zu leben.
Wie auch Gertrud Nunner-Winkler herausstellt, ist niemand allein deswegen eine moralisch bessere Person, weil er ein relativ reifes moralisches Urteilsvermögen habe. Erst die Haltung im Alltag mache den moralischen Charakter aus. Nur wer sich von der Situation anderer Menschen betroffen fühlt, sich in sie einfühlen kann, wird diese "als seine Nächsten" erkennen und sich allenfalls um sie kümmern. Die Münchener Psychologin: "Ohne moralische Motivation bleibt moralisches Wissen folgenlos. Ohne Urteilsvermögen aber ist moralisches Engagement blind." Dieses ist sehr wohl wichtig, weil sich Menschen sogar mit "moralischem" Engagement für Unmenschliches einsetzen können. Letztlich hängt aber das moralische Verhalten nicht nur von der gedanklichen Auseinandersetzung mit moralischen Problemen ab, sondern vor allem damit, was die soziale Umgebung (besonders die Eltern, andere Bezugspersonen, aber auch die Medien) den Kindern vorlebt.
"Youth Charters" - wie Eltern und Gesellschaft die moralische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen fördern können
William Damon beschreibt, wie das soziale Umfeld eines jungen Menschen, dessen soziale und moralische Reifung fördern kann. Verschiedenen Studien zufolge hilft dabei eine konsequente und zugleich flexible Erziehung. Damon nennt dies "autoritativ": Führen und feste Grenzen setzen, die Regeln aber erklären. Hingegen würden sowohl eine autoritäre als auch eine zu weiche Erziehung Kinder nicht zu sozialem Verantwortungsbewußtsein anleiten. Beide könnten sogar die Entwicklung einer moralischen Identität hemmen. "Autoritär" bedeutet nämlich, daß die Regeln willkürlich - ohne jede Begründung - gesetzt sind ("Wer die Macht hat, hat recht.") Ein schwammiger Erziehungsstil des Gewährenlassens ist ebenso willkürlich, denn es gibt überhaupt keine allgemein verbindlichen Grundsätze; jede Regel, die "ich" nicht selbst "für mich" aufgestellt habe, wird als Willkür erlebt.
Offenbar eignen sich Kinder Verhaltensnormen am leichtesten dann an, wenn die verschiedenen Instanzen in ihrer Umwelt - also Familie, Schule, Gemeinde gleichartige moralische Botschaften übermitteln, ihnen sozusagen einen moralischen Kompaß geben. Wenn aber Eltern etwa die Lehrer angreifen, weil diese den Kindern das Schummeln verbieten, oder wenn der Trainer im Sportverein bei Wettkämpfen um des Sieges willen Regelverletzungen zuläßt, merken Kinder bald, daß sie Normen nicht besonders ernst nehmen müssen.
Diesem heute weitverbreiteten Problem möchte Damon mit sogenannten "Youth Charters" zu Leibe rücken. "Youth Charter" ist eine Art Verfassung oder Grundsatzerklärung, die sich zum Beispiel eine Gemeinde geben kann. An deren Ausarbeitung sind Vertreter aller Einrichtungen beteiligt, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Möglichst klar und konkret sind darin jene Werte und Moralprinzipien angeführt, an die sich alle Beteiligten halten wollen (bzw. sollen). Auch wenn die Freiwilligkeit betont wird, hat eine solche öffentlich bekannt gemachte Erklärung doch einen ziemlich verbindlichen Charakter; Verstöße sind überprüfbar, und besonders gute Beispiele können öffentlich herausgestellt werden, was wiederum für alle Beteiligten motivationsfördernd wirkt.
William Damon: "The Youth Charter: How Communities Can Work Together to Raise Standards for All Our Children", Free Press 1997Eltern können Moralerziehung weder an andere Instanzen, wie etwa die Schule (z.B. den schulischen Religions- oder Ethikunterricht) abgeben, noch können sie ihre Familie als Insel betrachten, auf der ihre Kinder ungestört alle Stadien der Entwicklung moralischen Denkens und Handelns durchlaufen können. Sie müssen sich einmischen und sich allenfalls mit anderen Eltern zusammentun, um bedenklichen Entwicklungen nicht nur in der Schule, sondern auch in anderen Lebensbereichen mit klaren Positionen, vor allem aber auch mit konkreten positiven Vorschlägen entgegenzutreten. Gerade wenn es um ihre Kinder geht, haben sich die meisten Menschen noch einen Funken Begeisterungsfähigkeit für moralische Ideale bewahrt. Er muß entfacht werden.