Miteinander umgehen

Ein ganz gewöhnlicher Wochentag. Die Kinder kommen von der Schule nachhause. Mit verdrießlichem Gesicht setzt sich die ältere meiner beiden Töchter an den Küchentisch.
"Na, wie war's in der Schule?"
Es war. Mehr ist im Moment nicht aus ihr herauszuholen.
"Hat es irgendwas gegeben?" Nein, nichts.
"Gefällt es dir in der Schule nicht mehr?" - Die Frage ist natürlich ein bisschen unfair, weil Teens in diesem Alter unmöglich zugeben dürfen, dass es durchaus möglich sein könnte, der Schule dann und wann einen positiven Aspekt abzugewinnen.
"Und warum magst du die Schule nicht?"
"Weil man dort nichts ordentliches lernt!"
"Und was wäre deiner Meinung nach etwas Ordentliches?"
"Wie man mit den Menschen umgeht."
Ich musste mich hinsetzen. Ich war im Moment sprachlos. Genau das ist es, dachte ich.
Da wird in die jungen Köpfe jahraus jahrein soviel Zeug hineingestopft, das sie in den seltensten Fällen wirklich für das Leben nutzen können. Doch das, worauf es ankommt, lernen sie dort nicht. Es wird vorausgesetzt.
Im Laufe der Geschichte haben wir Strategien entwickelt, wie wir gegeneinander losgehen und einander bekämpfen können. Wir haben aber keine Strategien entwickelt, jedenfalls nicht in demselben Ausmaß und schon gar nicht mit demselben Erfolg, wie wir aufeinander zugehen, wie wir erfolgreich miteinander leben könnten.
Der neutestamentliche Auftrag: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! birgt noch keine Gebrauchsanleitung in sich. Denn in der Praxis des täglichen Lebens entpuppt sich der Umgang mit sich selbst und dann erst recht miteinander als äußerst problematisch.
Ich kann mich oft selbst gar nicht ausstehen. Wie soll ich da die Menschen in meiner allernächsten Umgebung mögen?
Der jüdische Neutestamentler Pinchas Lapide erläutert diesen jesuanischen Auftrag: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du. - Er hat die gleichen Hoffnungen, die gleichen Ideale, die gleichen Ängste, die gleichen Nöte wie du.
Gewiss, die eigentliches Schule des Umgangs miteinander ist die Familie. Aber als Familie sind wir nicht von den anderen Menschen isoliert. Wir leben las Teil von ihr und müssen miteinander nicht nur auskommen, sondern miteinadner und füreinander leben.
Und das geht auch den jungen Leuten ab. Ihnen vor allem. Sie sind unser Spiegel. Sie machen uns klar, was wir alles unterlassen und verabsäumt haben:
Lehrer in einer Schule zu sein, in der man lernt, miteinander umzugehen.

Heinrich Krcek, Theologe