Erziehungsziel: "mission impossible" ?
Ich sehe meine Kinder hineingehen in eine Welt, der ich selbst distanziert und und vorsichtig gegenüber stehe. Doch: ist die Welt so, wie ich sie sehe ? Meine "Strassenkarte" von dieser Welt ist meine Sicht auf grundsätzliche ebenso wie auf alltägliche Situationen. Bei allem Streben nach einer ausgewogenen Sicht ist mein Blickwinkel doch ein sehr persönlicher. Trotzdem sehe ich eine Berechtigung - ja sogar Verpflichtung - an dieser eigenen Sicht zu arbeiten. Denn sicher ist auch: Die Welt ist nicht genau so, wie sie uns die Medien tagtäglich zeigen.
Der Anton aus Tirol
Da bin ich etwa dem jüngsten Ö3 - Top40 - Hit "Ich bin der Anton aus Tirol" überaus dankbar. Meine Tochter hat jedenfalls durch die wochenlange Präsenz an der Spitze der Ö3-Chart ein wenig mehr über die Aussagekraft solcher medienwirksamer Hitparaden nachgedacht. Lange Zeit war ja gegen die enorme Wichtigkeit der Top40 kein elterliches Kraut gewachsen.
Leider bleiben noch viele Lebensbereiche, in denen bisher kein Anton aufgezeigt hat, daß die Moden erdacht, Erfolge geplant werden. Das muss nicht einmal ein Problem sein, wenn man nur die Spielregeln erstmals bemerkt hat. Ich möchte, dass meine nicht alle die Moden mitmachen und dem allgegenwärtigen Anpassungsdruck widerstehen können. Auch Beziehungen werden allzuleicht Gegenstand von Trends. Menschliche Enttäuschungen können da kaum ausbleiben.
Ein Rückgrat haben
Aus der Integrität lässt sich Kraft schöpfen für den aufrechten Gang. Jedes gehaltene Versprechen baut auf und macht stark. Synergien sehen und suchen ist nicht das gleiche als sein Leben lang Kompromisse zu schliessen. Jedes Vorhaben, das man auch ausgeführt, jedes Versprechen, das man gehalten hat, stärken unser Innerstes. Davon lässt sich mehr Energie schöpfen als aus der Versicherung meiner allerbesten Freundin, dass sie mich ja so cool findet.
Ein Herz haben für Mitmenschen
Rücksichtslosigkeit ist ein wichtiger Bestandteil der neuen coolen, harten Art. Rücksicht hingegen ist zuallererst einmal Niederlage. Dieses Schwarzweiss - Bild der Welt ist auch eine jener Etiketten, die an jeder Ecke feilgeboten werden. Es braucht sehr selbständige Menschen, die diese Zwänge bemerken und sich davon nicht vereinnahmen lassen. Für diese Selbständigkeit brauchen sie selbst einen Halt, der hinter der Collness die Hilflosigkeit und hinter dem brutalen Spruch die Leere und Einsamkeit sichtbar macht. Wer gewalttätig auftreten muss, hat in Wahrheit ein Defizit.
Familienideal
Der erste Mann, den meine Töchter kennen, bin ich und die erste Frau, die meine Söhne kennen, ist meine Frau. Sie kennen uns und beobachten uns Tag für Tag. Für sie ist nicht nur wichtig, wie wir Eltern sie als Einzelne behandeln. Ebenso einflussreich auf ihr Leben wirkt sich aus, wie wir Eltern miteinander umgehen. Unsere Mechanismen, mit denen wir Konflikte bewältigen, sind ihr erstes Familienmodell. Schon in der Pubertät wird vieles von dem, was man an den Eltern störend findet, als eine (wenn auch negative) Orientierungshilfe in die Zukunft projiziert. Doch zu meinem tiefen Erstaunen sind auch viele positive Eindrücke diesem Denken an die eigenen Zukunft mit eingeflossen.
Sexualität
Überflutet von Einflüssen aus allen Richtungen sollen die Jugendlichen auch mit der erwachenden Sexualität fertig werden. Es ist eine große Herausforderung für mich, hier meinen Kindern zu vertrauen und auch darauf zu vertrauen, dass sie in unserer Familie genug ehrliche und wertvolle Beziehung erlebt haben, um nicht selber gleich beim ersten Gefühl völlig aus der Bahn geworfen zu werden. Der Bereich des Verbietens verliert hier ohnehin weitgehend an Macht, hier bleibt nur mehr unser wirklicher Einfluss auf unsere Kinder. Wir hoffen, dass sie weiterhin mit den für sie heiklen und für sie sehr schwierigen Fragen zu uns kommen. Zwingen werden wir sie nicht können. Ich bin überzeugt, dass es für ihr Lebensglück ganz entscheidend ist, dass sie sich sexuelle Erfahrungen für ihren Ehepartner "aufheben" und wüsste da schon einige schwerwiegende Argumente. Ob ich aber jemals um meine Meinung gefragt werde, das weiss ich freilich nicht.
Ein geistiges Leben führen
Es ist meine Überzeugung, dass meine Kinder einen Zugang zu Gott brauchen. Wenn ich an die religiösen Menschen denke, die ich kenne, sehe ich da auch eine große Bandbreite, wie sich dies im Leben ausdrücken kann. Für ein Leben ohne Feindbilder, ohne eine Flucht vor dem Tod und den Sinnfragen des Lebens ist dies schlicht und einfach notwendig. Indoktrinieren mit meinem eigenen Glauben werde ich sie nicht können und wenn ich mich so recht besinne, möchte ich es auch nicht. Wie alles Kostbare im Leben, sollte auch dies in persönlicher Freiheit und Freiwilligkeit gedeihen und sich entwickeln können.
Viele Menschen kommen durch tragische und überaus dramatische Ereignisse zu den tiefen Fragen im menschlichen Leben. In meiner Erziehung beschäftigt mich, ob es wohl einen Weg geben kann, auch ohne einschneidendes lebensbedrohendes Erlebnis einen Zugang zu den geistigen Werten des Lebens zu finden.
Keine Chance für Erziehungsziele ?
Als Sammy Moosgrün wie schon seit 15 Jahren sein Morgengebet beendet mit den Worten "Und lass mich einmal in der großen Lotterie gewinnen !", da passiert das unfassbare: Eine Stimme ertönt klar und deutlich vernehmbar: "Sammy, gib mir eine Chance, kauf Dir ein Los !"
Die Chance für meine Erziehungsziele besteht zu allererst darin, dass meine Kinder mich in meinem Bemühen erleben, in meiner Konsequenz (und Inkonsequenz). Letztlich ist der Same des Guten bereits längst in ihnen drinnen. Es wird nicht durch Drill und Disziplinierung "produziert".Die Sonne scheint bereits auf diese Samen und sie wachsen so wunderbar. Es kann noch eine wunderbare Ernte werden
Buchtipp:
Stephen R. Covey: The Seven Habits of Highly Effective Families