Sprach - Beherrschung
Nicht nur Erwachsene, auch Kinder philosophieren. Auch Kinder denken darüber nach, warum etwas so sein muss, wie es ist. Könnte es nicht anders sein? Ganz anders?
Ich erinnere mich noch gut an jene unbeschwerten Kindertage (natürlich haben auch Kindertage ihre Schwere), in denen ich mit meinen Freunden durch die staubigen und steinigen Gassen und Wege rund um unser Haus am Stadtrand von Wien zog. Damals war noch nicht alles betoniert, asphaltiert und verbaut. Da gab es zwischen den Häusern Wiesen und Felder, Müllhalden und Lagerplätze.
An einem heißen Sommertag zogen wir wieder einmal über die staubig-steinigen Wege. Da ließ es sich nicht vermeiden, dass Erde und kleine Steinchen in die oft viel zu großen Schuhe sprangen. Doch unbeeindruckt von solchen Widerwärtigkeiten oder gerade durch sie animiert, begannen wir über die Sprache zu philosophieren: Warum man zum Beispiel zu Erde Erde und nicht Powidl sagt. Einer von uns gab die einleuchtende Antwort: "Das geht nicht. Stell dir vor, ich würde sagen: Ich hab Powidl in meinen Schuhen."
In diesem Fall war das Problem nicht mit einem hand- sondern mit einem fußgreiflichen Beispiel gelöst.
Als Kinder haben wir den Versuch unternommen, Dinge zu benennen.
Wir geben der Welt um uns und in uns Namen, wir bezeichnen die Abläufe unserer Handlungsweisen und Gefühle um ihnen einen Stellenwert im Leben zu geben und uns einander verständlich zu machen.
Laut einem Bericht im Buch Genesis hat der erste Mensch allen Tieren einen Namen gegeben. Und so sollten sie auch zukünftig genannt werden.
Ein Biologe, der eine bislang unbekannte Tierart entdeckt, hat die Macht, diesem Tier einen Namen zu geben.
In den ersten Versen des Alten Testamentes sagt Gott etwas und es geschieht. Auch zum Menschen sagt Gott etwas. Unglücklicherweise geschah das aber am Beginn der Menschheit nicht.
Auch wir Eltern sagen oft etwas zu unseren Kindern, das manchmal geschieht oder oft auch nicht. Wir sind also in einer Situation, in der wir Gott sehr ähnlich sind.
Gott ist es, der den weiten Bereichen der Schöpfung einen Namen gibt. Das Licht nennt er Tag und die Finsternis Nacht, das Trockene Erde und die Ansammlung der Wasser Meer.
Damit wir einander verstehen können, müssen wir uns ein und derselben Sprache bedienen. Wenn der Eine Erde sagt und der Andere Powidl, kommt es zu Missverständnissen und schließlich zu Konflikten.
Daher muss eine Sprachregelung getroffen werden, die für alle gültig ist. Die konnten wir damals hinsichtlich Erde und Powidl und auch sonst nicht treffen. Warum? Weil wir über keinerlei Einfluss verfügten. Wir hatten keine Macht.
Die Medien verfügen deswegen über Macht, weil sie die Sprache beeinflussen. Und über die Sprache beeinflussen sie unser Denken und schließlich unser Handeln.
Was Worte und Sprüche auslösen können, erleben wir gerade wieder einmal in unserer Politik. Ein Wort, einmal ausgesprochen, nimmt seinen Weg und richtet Heil oder Unheil an.
Heinrich Krcek
Theologe