Werde, was du bist!
Wie wir als Eltern die Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder unterstützen können.
Meine beiden Söhne zeichnen gerne: Tobias lebt seine Kreativität mit viel Liebe zum Detail aus - in letzter Zeit entwirft er gerne komplizierte Brett- und Kartenspiele oder technische und architektonische Wunderwerke. Daniel, der Jüngere, pflegt eher einen "expressionistischen" Malstil. Seine Werke sind ausdrucksstark, mit kräftigen Farben (da bricht schon manchmal ein Farbstift ab) gemalt und meistens schnell vollendet. Er nennt sie zum Beispiel "Sturm", "Regen" oder "Wasser". Beide Kinder verschenken ihre Bilder gerne - bevorzugt an Mama und Papa. Ihre Persönlichkeiten sind grundverschieden, obwohl sie Geschwister sind.
Für meine Frau und mich stellt diese Verschiedenheit eine große Bereicherung dar, aber auch eine enorme Herausforderung. Kinder müssen ihre individuelle Persönlichkeit ja erst entdecken und entwickeln, und dazu wollen sie nicht nur bestätigt, gefördert und ermutigt werden, sondern sie suchen auch den Widerstand, der ihnen zeigt, wo die Grenzen des Auslebens ihrer Individualität sind. Wir Eltern sind ebenfalls sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, und reagieren dementsprechend auf typische Verhaltensweisen unserer Kinder höchst verschieden: Was den einen schon zur Weißglut treibt, das findet der andere oft noch als völlig normal - und umgekehrt. Und wenn die beiden kleinen Persönlichkeiten wieder einmal heftig aufeinanderprallen, dann ist es für keinen von uns beiden leicht, neutral zu bleiben. Denn das eigene Wesen läßt sich nicht verleugnen und ist vielleicht dem einen Kind ähnlicher als dem anderen.
Erziehen heißt Halt geben und wachsen lassen
Trotzdem - oder gerade deswegen - sollte es mir möglich sein, meine Kinder zwar zu erziehen, dabei aber von ihrem jeweils ureigenen und einzigartigen Wesen auszugehen. Dazu muß ich lernen, hinter die Oberfläche zu sehen. Wenn mein älterer Sohn ein derart starkes Mitteilungbedürfnis hat, daß er regelmäßig seinen Eltern bei ihren Gesprächen ins Wort fällt, dann ist das zwar aus der Sicht Erwachsener unhöflich und lästig, aber diese starke Mitteilsamkeit entspricht seiner Persönlichkeit. Wenn ich will, daß er lernt, dabei auf andere Rücksicht zu nehmen, dann muß er zwar allmählich mehr Selbstkontrolle lernen, aber auch wissen, daß wir bereit sind ihm zuzuhören, auch wenn er sich nicht durch Lautstärke in den Vordergrund drängt.
Ich kann und soll das im Innersten angelegte persönliche Wesen meines Sohnes nicht ändern. Ich kann allerdings für Bedingungen sorgen, unter denen sich diese Merkmale in positiver Weise entfalten können. Außerdem soll ich Orientierungspunkte setzen, die ihm Halt geben. Nur zuzuschauen und darauf zu warten, daß sich die Persönlichkeit meines Kindes automatisch entwickelt, würde ja bedeuten, es ohne Hilfe sowohl allen negativen Einflüssen der Außenwelt als auch den im eigenen Selbst vorhandenen egozentrischen Neigungen auszuliefern. Ich muß also reagieren, wenn mein Sohn sich mir, einem anderen Familienmitglied oder jemand anderem gegenüber in einer Weise benimmt, die gewisse Toleranzgrenzen überschreitet, wenn er etwa seinen Bruder mit einem harten Gegenstand attackiert. Ich versuche also einerseits, klare Grenzen zu setzen, und andererseits sein Selbstwertgefühl zu stärken, indem ich ihm versichere, daß ich ihn trotzdem in all seiner Eigenheit liebe.
Kinder wollen um ihrer selbst willen geliebt und gefördert werden
Immer mehr wird mir bewußt, wie wenig hilfreich es ist, Kinder mit anderen Kindern (vor allem den Geschwistern) wertend zu vergleichen ("dein Bruder ißt immer alles so brav auf!", "dein Bruder trödelt nicht immer so herum!" und dergleichen mehr). Auch Maßstäbe, die wir an uns selbst oder andere Erwachsene anlegen, sind oft nicht geeignet, unsere Kinder daran zu messen. Obwohl Kinder nicht darum herumkommen, sich allmählich an Gepflogenheiten der Erwachsenenwelt anzupassen, ist es enorm wichtig, daß sie genügend Freiraum haben, sich ihrem Alter gemäß zu verhalten. Denn eine übersprungene "wegdressierte" Entwicklungsphase bedeutet nicht selten, daß sich bestimmte Persönlichkeitsmerkmale nicht richtig entwickeln können. Wenn etwa die Freiheit verwehrt wird, sich im Zuge kindlicher "Entdeckungsreisen" gelegentlich auch schmutzig zu machen, dann fehlt eine wichtige Erfahrung im Umgang mit den Dingen, der Natur und sich selbst.
Meine Kinder sollen nicht Kopien meiner eigenen Persönlichkeit und auch nicht meines geheimen Wunschbildes von mir selbst werden. Stattdessen möchte ich, daß aus ihnen hervorwächst, was in ihnen an guten, eigenständigen Anlagen drinnensteckt. Daß sie mir auch in manchem oder vielem ähnlich sein werden, ist nur zu natürlich. Ich brauche das nicht eigens zu fördern. Je attraktiver mein Vorbild ist, desto eher wird es von meinen Kindern angenommen. Im Vorschulalter, in dem meine Kinder heute sind, werden die Eltern ohnehin gerne imitiert. Wenn mein Sohn mich etwa am Schreibtisch sitzen und meinen Artikel in den Computer tippen sieht, fühlt er sich inspiriert, einen eigenen "Computer" aus Karton zu basteln und sich an seinen eigenen "Schreibtisch" zurückzuziehen. Auch Redensarten, die ich verwende, kommen oft wie ein Echo zu mir zurück.
Das Erwachen der kindlichen Individualität wird von uns Erwachsenen oft als lästig empfunden, da es unsere relativ fest gefügten Lebenspläne und -vorstellungen durchkreuzt. Da hilft es Eltern, sich manchmal zu überlegen, ob das Wunschbild vom braven und angepaßten Kind, das in streßgeladenen Situationen in unseren Köpfen entsteht, wirklich erstrebenswert ist. Denn die Mühe, sich mit bockigen Kindern auseinandersetzen zu müssen, hat auch ihr erfreuliches Gegenstück: Ich jedenfalls möchte mir das freudige Staunen nicht nehmen lassen, das mich überkommt, wenn jedes meiner Kinder überraschende Fähigkeiten und Eigenschaften entwickelt, die sie befähigen, einzigartige, selbstbewußte Menschen zu werden.